Der verlorene Bischof

Die Türme von Aguntum konnten die Stadt gegen den Ansturm der Slawen im Jahr 610 nicht schützen. Mit der Stadt Aguntum ging auch der seit dem Jahr 343 nachgewiesene Bischofsitz Aguntum (Lienz, Osttirol) unter. Eine Wiederherstellung des Bistums im Zuge der Kirchenreformen Karls des Großen ist nicht erfolgt.
Die Türme von Aguntum konnten die Stadt gegen den Ansturm der Slawen im Jahr 610 nicht schützen. Mit der Stadt Aguntum ging auch der seit dem Jahr 343 nachgewiesene Bischofsitz Aguntum (Lienz, Osttirol) unter. Eine Wiederherstellung des Bistums im Zuge der Kirchenreformen Karls des Großen ist nicht erfolgt.

Als der römische Kaiser Claudius (Tiberius Claudius Nero Germanicus, * 10 v. Chr. † 54 n. Chr.) die Provinzen Raetien und Noricum einrichtete, wurde auf heutigem Tiroler Boden genau einer Siedlung das Stadtrecht verliehen: Aguntum (Lienz/Lavant) in Osttirol, das mit der Erhebung zu Stadt „municipium Claudium Aguntum“ genannt wurde. Nachbarstädte zur Zeit der Römer waren im Osten Teurnia (Spittal an der Drau), im Norden  Iuvavum (Salzburg), im Westen Brigantium (Bregenz) und im Süden Tridentinum (Trient). Die Einwohner Aguntumswaren im 4. Jahrhundert bereits Christen. Bis zu ihrem Untergang im Slawensturm des Jahres 610 war die Stadt Aguntum auch Bischofsitz.

Vermutlich hat schon die illyrische Urbevölkerung die Siedlung Aguntum im Lienzer Becken gegründet; im Verlauf des vierten Jahrhunderts vor Christus drangen die Kelten in den Alpenraum ein. Etwa um 300 v. Chr. schlossen sich mehrere keltische und illyrische Stämme unter der Führung der Noriker zusammen und errichteten den mächtigen keltischen Staat Noricum mit einem befestigten Hauptort auf dem Magdalensberg als Zentrum im heutigen Kärnten. Sie prägten eigene Münzen und unterhielten weitreichende Handelsbeziehungen. Die Noriker waren bekannt für den Abbau von Salz und Eisen, Kupfer und Gold, wertvolle Handelsgüter, die ihren Wohlstand begründeten. Noricum ist das älteste politische Gebilde auf dem Gebiet des heutigen Österreichs. Der Verwaltungsbezirk Aguntum bildete die Außengrenze im Süd-Westen.

Aguntum: Seit 4. Jahrhundert Bischofsitz

Mit der Stadterhebung in der Regierungszeit von Kaiser Claudius zwischen 41 und 54 nach Christus wurde „municipium Claudium Aguntum“ Verwaltungszentrum des zugeordneten Territoriums. Dieses Verwaltungsgebiet reichte vom Alpenhauptkamm im Norden bis zu den Dolomiten im Süden und umfasste das heutige Osttirol samt dem Pustertal und allen Nebentälern im heutigen Südtirol zwischen dem Kärntner Tor im Osten und Mühlbach im Pustertal im Westen. Zur Größe der Stadt hat sich die die historische Forschung noch nicht festgelegt; die östlichen Nachbarstadt Teurnia (Spittal an der Drau) soll zur Blütezeit 30.000 Einwohner gezählt haben. Die Stadt Aguntum wurde, wie römische Städte im Allgemeinen, von einem meist hundertköpfigen „Gemeinderat“ geleitet, dem auf Lebenszeit gewählte Mitglieder angehörten.  Die eigentliche Exekutivgewalt lag bei zwei „Rechtspflegern“ (duoviri iure dicundo) und zwei Männern der allgemeinen Verwaltung (aediles). Diese wurden von der Volksversammlung jeweils auf ein Jahr gewählt. Die Römer haben vielfach Verwaltungsämter doppelt besetzt.

Aguntum entwickelte sich zu einer florierenden Stadt, mit einem Bischofssitz. Außerhalb ihrer Mauern wurde bereits im Jahr 1912 eine frühchristliche Friedhofskirche ausgegraben und untersucht; es handelt sich um einen einfachen Rechteckbau, 29,40 m lang, 9,40 m breit, mit frei stehender Priesterbank. Auch finden sich im Großraum Lienz viele urchristliche Kirchenbauten: Lavant, St. Andrä, Lienz, Oberlienz. Ungeschick der öffentlichen Hand ließ es geschehen, dass dieser Teil der Ausgrabungen in Aguntum mit der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Kirche wieder zugeschüttet wurden.

Im Jahr 406 nach Christus hatte Aguntum einen Ansturm der Goten zu erdulden. Dies gab den Anlass, am naheliegenden alten „Tempelberg“ in Lavant, heute der „Lavanter Kichbichl“, eine Festung (“Fliehburg”) mit 27.000 qm Grundfläche zu errichten. Im Westen und Osten durch je einen Bach, im Süden durch eine tiefe Schlucht abgetrennt, bot der Kirchbichl natürlichen Schutz und erschien seit je als ein ideal zu verteidigender Ort. Der Zugang zu den Terrassen war immer nur von Norden her durch einen künstlich angelegten Weg möglich.Innerhalb der Festung wurde eine Kirche aus dem 4. Jahrhundert zur neuen Bischofskirche umgebaut. Dieser Bischofssitz scheint für die damalige Zeit sehr große Ausmaße von 40x10m gehabt zu haben. Die Reste der so genannten „Bischofskirche in Lavant“ zeigen im Osten des Altarraumes die halbkreisförmige Priesterbank mit einem Vorsprung im Scheitel der Rundung. Dort findet sich der Unterbau eines erhöhten Thrones, auf dem der Bischof Platz genommen hat. Wie in anderen spätantiken Höhensiedlungen besitzt der Lavanter Kirchbichl noch weitere sehr alte Kirchen. Diese wurden auch im 5. Jahrhundert errichtet und im Frühmittelalter erneuert.

ältestes Bistum auf Tiroler Boden

Nachweislich hat der Bischof von Aguntum gemeinsam mit den Bischöfen von Teurnia (Spittal) und Virunum (Zollfeld-Klagenfurt) an der Synode von Serdica (Sofia) im Jahr 343 teilgenommen; ebenso an den Bischofssynoden in Grado (572 und 577) sowie weiteren Synoden im Jahr 579 und 591. Damit ist die Existenz des Bischofsitzes Aguntum/Lienz schon für das Jahr 343 nach Christus erwiesen, wohingegen Säben/Brixen erstmals aus Anlass der Bischofssynoden in Grado (572 und 577) als Bischofsitz nachgewiesen werden kann. Die historische Forschung erklärt dies damit, dass der Bischofsitz Säben/Brixen als „Rückzugsbistum“ entstanden ist: Im Zuge des Zusammenbruchs des Römischen Reichs soll sich der Bischof von Augsburg vor den anstürmenden Germanenstämmen im sechsten Jahrhundert in Säben/Brixen in Sicherheit gebracht haben. Der älteste Bischofsitz auf Tiroler Boden befindet sich damit in Osttirol.

Die historischen Bistümer der ehemaligen römischen Provinz Norikum, Teurnia (Spittal), Virunum (Zollfeld-Klagenfurt) und Aguntum gingen im Slawensturm  Anfang des siebenten Jahrhunderts unter. 610 besiegten die Slawen die Bayern in der Schlacht bei Aguntum, sie zerstörten die Stadt und die Verwaltungsstrukturen. Dadurch wurden Kärnten, der Lienzer Talboden und das Iseltal, samt dem Pustertal bis Anras vorübergehend wieder heidnisches Gebiet. Als Karl der Große rund 180 Jahre später die Bischofsitze und Bistumsgrenzen im ganzen Frankenreich neu ordnete, wurde im Drautal kein Bischofsitz mehr eingerichtet. Nördlich der Drau war das Bistum Salzburg zuständig; südlich der Drau das Bistum Aquileia/Friaul. Aguntum ist heute ein so genanntes Titularbistum der katholischen Kirche. Es handelt sich um einen Ehrentitel, der zuletzt im Juni 2005 seinem heutigen Träger, dem polnischen Geistlichen Romuald Kaminski, Weih­bischof in Elk, verliehen wurde. Papst Benedikt XVI. hat Romuald Kaminski zum Titularbischof von Aguntum ernannt. Im Juni 2013 hat Titularbischof Romuald Kaminski die ehemalige Bischofstadt besucht und er hat am Sonntag, 16. Juni 2013, im Freigelände der Ausgrabungsstätte von Aguntum, in „seiner“ ehemaligen Bischofstadt, eine Feldmesse abgehalten.