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Der Tiroler liebster Erzherzog

Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich – kurz: Erzherzog Johann (* 20. Januar 1782 in Florenz; † 10. Mai 1859 in Graz) war ein Mitglied des Hauses Habsburg, österreichischer Feldmarschall und in der Revolutionszeit von 1848/1849 deutscher Reichsverweser, Naturforscher, Sammler und Erneuerer. Johann war das 13. Kind und der neunte Sohn von Großherzog Leopold von Toskana, dem späteren Kaiser Leopold II. Bereits als Jugendlicher zeigte er großes Interesse an den Alpenländern, bestärkt und beeinflusst durch den Historiker Johannes von Müller. Geschichte, soziale Fragen, Militär- und Naturwissenschaften faszinierten und beschäftigten ihn sein Leben lang. Er sammelte Mineralien, war Alpinist und Jäger, Landwirt, Weinbauer, Industrieller und Mäzen. Am 18. Februar 1829 heiratete er zu mitternächtlicher Stunde in der hauseigenen Kapelle die Ausseer Postmeisterstochter Anna Plochl. Der einzige Sohn aus dieser Ehe und Erbe des Erzherzogs, Franz, wurde 1839 geboren; 1845 wurde diesem der vererbbaren Titel „Graf von Meran“ verliehen. Erzherzog Johann kam im September 1800 erstmals nach Tirol und damit begann „jene unveränderliche und unerschütterliche Liebe, welche diesem Land erwiesen und die von demselben treu erwidert wurde“! Als nach dem Frieden von Preßburg am 26. Dezember 1805 Tirol an Bayern kam, organisierte der Tiroler Freiherr Josef von Hormayr von Wien aus mit Hilfe von Erzherzog Johann den Gebirgs- und Volkskrieg mit Andreas Hofer an der Spitze. 1812 überzeugte Hormayr Johann von neuen Aufstandsideen. Im Alpenbund sollten alle Alpenländer zu einem Volksaufstand gegen Napoleon aufgerufen werden. Da sich das Kaiserreich Österreich nach dem Frieden von Schönbrunn mit Napoleon gezwungenermaßen ausgesöhnt hatte, mussten die Vorbereitungen auch gegenüber dem Kaiserhaus geheim bleiben. Der Alpenbund wurde jedoch verraten und Johann als Möchtegern-König eines „Reiches Rätien“ denunziert. Hormayr wurde 1813 verhaftet und musste eine Festungshaft verbüßen. Erzherzog Johann wurde von Kaiser Franz I. verboten, Tirol zu betreten. Dieses kaiserliche Verbot wurde erst 1833 aufgehoben.
Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich – kurz: Erzherzog Johann (* 20. Januar 1782 in Florenz; † 10. Mai 1859 in Graz) war ein Mitglied des Hauses Habsburg, österreichischer Feldmarschall und in der Revolutionszeit von 1848/1849 deutscher Reichsverweser, Naturforscher, Sammler und Erneuerer. Johann war das 13. Kind und der neunte Sohn von Großherzog Leopold von Toskana, dem späteren Kaiser Leopold II. Bereits als Jugendlicher zeigte er großes Interesse an den Alpenländern, bestärkt und beeinflusst durch den Historiker Johannes von Müller. Geschichte, soziale Fragen, Militär- und Naturwissenschaften faszinierten und beschäftigten ihn sein Leben lang. Er sammelte Mineralien, war Alpinist und Jäger, Landwirt, Weinbauer, Industrieller und Mäzen. Am 18. Februar 1829 heiratete er zu mitternächtlicher Stunde in der hauseigenen Kapelle die Ausseer Postmeisterstochter Anna Plochl. Der einzige Sohn aus dieser Ehe und Erbe des Erzherzogs, Franz, wurde 1839 geboren; 1845 wurde diesem der vererbbaren Titel „Graf von Meran“ verliehen.
Erzherzog Johann kam im September 1800 erstmals nach Tirol und damit begann „jene unveränderliche und unerschütterliche Liebe, welche diesem Land erwiesen und die von demselben treu erwidert wurde“! Als nach dem Frieden von Preßburg am 26. Dezember 1805 Tirol an Bayern kam, organisierte der Tiroler Freiherr Josef von Hormayr von Wien aus mit Hilfe von Erzherzog Johann den Gebirgs- und Volkskrieg mit Andreas Hofer an der Spitze.
1812 überzeugte Hormayr Johann von neuen Aufstandsideen. Im Alpenbund sollten alle Alpenländer zu einem Volksaufstand gegen Napoleon aufgerufen werden. Da sich das Kaiserreich Österreich nach dem Frieden von Schönbrunn mit Napoleon gezwungenermaßen ausgesöhnt hatte, mussten die Vorbereitungen auch gegenüber dem Kaiserhaus geheim bleiben. Der Alpenbund wurde jedoch verraten und Johann als Möchtegern-König eines „Reiches Rätien“ denunziert. Hormayr wurde 1813 verhaftet und musste eine Festungshaft verbüßen. Erzherzog Johann wurde von Kaiser Franz I. verboten, Tirol zu betreten. Dieses kaiserliche Verbot wurde erst 1833 aufgehoben.

 

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Erzherzog Johann, der Tiroler liebster Erzherzog


ERZHERZOG HOHANN
, ein fürstlicher Volksmann wie kein Zweiter, hat ein halbes Jahrhundert lang Tirols Schicksal mitbestimmt, Tirols Leid mitempfunden, an seinem kulturellen Aufstieg teilgenommen, sein Volks- und Schützenleben gefördert, seine Berge erstiegen und sich im Herzen Südtirols, nahe der Stammburg der Grafen von Tirol, ein „Altersheim“ erworben, Schloss Schenna. Und er hat in der Nähe von Schloss Schenna sich ein „Mausoleum“ erbauen lassen, wo der Tiroler liebster Erzherzog im ewigen Schlummer liegt. Erzherzog Johanns Beziehungen zu Tirol reichten vom Jahr 1800 bis zu seinem Tod am 11. Mai 1859, sie sind in den Tagebüchern und Denkwürdigkeiten des Fürsten ausführlich geschildert.

Als 13. Kind des Großherzogs von Toskana, des späteren Kaiser Leopold, am 20. Jänner 1782 in Florenz geboren, kam Erzherzog Johann, der als 18-jähriger Oberbefehlshaber im zweiten Koalitionskrieg bei Hohenlinden unglücklich gegen den französischen Feldherrn Moreau gefochten hatte, zum ersten Mal im Herbst 1800 nach Tirol. Er besuchte seine Tante, Erzherzogin Elisabeth, im Volksmund „Kropferte Liesl“ genannt, die damals in Innsbruck als Äbtissin des Damenstiftes wirkte und er verband als „Generaldirektor des Fortifikations- und Geniewesen“ damit eine Inspektionsreise zu den Hauptpässen an Tirols Nordgrenze. Johann wollte das Tiroler Verteidigungswesen studieren. In Seefeld traf Erzherzog Johann mit Josef Freiherr von Hormayr und mit dem damaligen Landeskommandierenden, General Chastler, zusammen, die beide später im Jahr 1809 in Tirol noch besondere Rollen spielen sollten.
Beraten und unterrichtet vom kenntnisreichen Josef Hormayr, entzündete sich das Herz des Erzherzogs für Tirol, seine Berge und sein Volk. Neben den Aufgaben der Landesverteidigung, für die Johann Pläne zu einer organisierten Volksbewaffnung, zur Errichtung von neuen Festungen an den Wasserscheiden von Rienz, Eisack, Inn und Etsch ausarbeitete (die Errichtung der Franzensfeste geht auf die Pläne von Erzherzog Johann zurück), lag Erzherzog Johann die Landes- und Volkskunde besonders nahe. Ihrer Erforschung widmete der Erzherzog alle erreichbaren Mittel. Er studierte die Tiroler Mineralogie und Botanik, Sitten, Gebräuche, Trachten, Industrie und Bildung – bei den Berg- und Talbewohnern. Schon im Jahr 1800 hatte die Universität Innsbruck, das besondere Interesse Erzherzog Johanns für Tirol würdigend, dem Prinzen zum „ständigen Rektor“ ernannt. Erzherzog Johann plante, hocherfreut über diese Ehrung, die Zuwendung seiner ausgebreiteten naturwissenschaftlichen, historischen und volkskundlichen Sammlungen an die Universität Innsbruck. Die Abtretung Tirols an Bayern im Jahr 1805 und seine spätere Fernhaltung von Tirol über Betreiben von Kanzler Metternich (Anlastung einer angeblichen Verschwörung) haben diese großzügige Schenkung verhindert. Heute erfreut sich Steiermark bzw. seine Hauptstadt Graz im „Johanneum“ der kostbaren Sammlungen, die eigentlich für Tirol bestimmt gewesen wären.

Auf seinen ersten Reisen durch Tirol passierte Erzherzog Johann auch den Vinschgau und die Quellen der Etsch. Das eisschimmernde Haupt des „Orteles“, wie man damals den Ortler nannte, weckte seine Liebe zur Bergwelt und den Drang ihrer Erforschung. Der junge Fürst ruhte nicht, ehe auf seine Anregung und durch seine Förderung die Erstbesteigung des Ortlers am 28. September 1804 durch den Passeirer Gemsenjäger Johann Bichler vulgo „Pseier Josele“ glücklich durchgeführt wurde. Im gleichen Jahr lernte der Erzherzog auf seiner Fahrt durch Passeier zum ersten Mal den Sandwirt Andreas Hofer kennen, mit den ihn vertraute Beziehungen bis zur Tragödie des Jahres 1809 verbanden.

Im Feldzug 1805 leitete Johann als Kommandant die Verteidigung des Landes, bis in die Niederlage der Hauptarmee bei Ulm am 18. Oktober 1805 zum Rückzug und zur Vereinigung seiner Streitkräfte mit denen seines Bruders, des Erzherzog Karls, zwang. Damals nahm Johann auf den Brenner und im Pustertal bewegt Abschied von den Tirolern, nicht ahnend, dass er das geliebte Land jahrzehntelang nicht wiedersehen sollte. Am 4. November 1805 brach der Prinz in seinen Abschiedsworten zu Bruneck die Versicherung aus, „dass gewiss die Zeit kommen wird, wo mir das hohe Vergnügen zuteil werden wird, mich wieder mit und unter euch zu befinden“. Durch den Frieden von Pressburg musste Tirol an Bayern abgetreten werden, aber auch in den folgenden Jahren rissen die Fäden zwischen Erzherzog Johann und seinen Tiroler Vertrauten nicht ab. Josef Hormayr wirkte damals als Archivdirektor in Wien und wusste er den Erzherzog über alle Geschehnisse in Tirol am Laufenden zu halten. Erzherzog Johann widmete sich in jenen Jahren des Friedens vorwiegend wissenschaftlichen und volkskundlichen Studien, dabei ließ er aber die zukünftige politische Gestaltung Europas nie aus den Augen.

In dem Plan Österreichs, im Jahr 1809 den Kampf gegen Frankreich wieder aufzunehmen, sollte Tirol eine besondere Rolle spielen. Der Vermittler zwischen dem Kaiser und den Abgesandten der Tiroler war Erzherzog Johann, dessen Persönlichkeit im Land das größte Vertrauen genoss. Altbekannt sind die Verhandlungen der Tiroler Deputierten, darunter Andreas Hofer, die in den ersten Monaten des Jahres 1809 heimlich nach Wien reisten und dort durch Vermittlung ihres Landsmannes, des kaiserlichen Büchsenmachers, Anton Steger, mit Erzherzog Johann in Verbindung traten. Johann stand als Vertreter des Hofes und als Volksfreund an der Wiege der Volkserhebung, er leitete von Wien aus alle Vorbereitungen, erließ Aufrufe und korrespondierte eifrig mit den Häuptern der Bewegung und den Kommandanten der militärischen Hilfstruppen. Seine Person war den Tirolern der beste Garant für die Billigung und Unterstützung des Aufstandes durch Österreich. Wenn der Bruder des Kaisers, der allverehrte „Prinz Hannes“ zu den Waffen rief, dann war ja die Erhebung vom ehemaligen Landesherrn gewissermaßen legalisiert. Wie gefährlich aber dieser Optimismus war und wie tief Erzherzog Johann durch seine Doppelstellung mit in die Tragödie des Tiroler Befreiungskampfes verstrickt wurde, zeigt das verhängnisvolle Handbillet aus Wolkersdorf vom 29. Mai 1809, worin Kaiser Franz I. in der Siegesfreude nach Aspern den Tirolern feierlich versprach, dass das Land „nie mehr von dem Körper des österreichischen Kaiserstaates getrennt werde“ und er, der Kaiser, keinen anderen Frieden unterzeichnen werde als den, der dieses Land an die Monarchie unauflöslich verknüpfe.

Erzherzog Johann erschien diese Zusage voreilig und fürchtete die Gefahr, dass der Monarch eines Tages wortbrüchig werden könnte; er kam deshalb dem Befehl, das Handbillet nach Tirol zu expedieren, auf eigene Gefahr nicht nach. Dass das Wolkersdorfer Handbillet trotzdem nach Tirol kam und dort bei der bäuerlichen Bevölkerung das Vertrauen auf Österreich erst recht stärkte, war das Werk Josef Hormayrs. In dem gleichen Handbillet versprach der Kaiser, dass sich sein lieber Herr Bruder, der Erzherzog Johann, so bald als möglich nach Tirol begeben werde, um so lange der Anführer und Beschützer seiner treuen Tiroler zu sein, bis alle Gefahren von der Grenze der Grafschaft Tirols entfernt seien!

Auch dieses kaiserliche Wort, das einen Herzenswunsch der Tiroler erfüllt hätte, wurde nicht zur Wirklichkeit. Erzherzog Johann, der als Kommandant der Südarmee bei Sacile siegreich gegen den Vizekönig Beauharnais gekämpft hatte, musste die Absicht, mit einem Teil seines Heeres zur Unterstützung des Freiheitskampfes nach Tirol zu ziehen, im Verlauf der Ereignisse aufgeben, um sich mit der Armee des Generalissimus Erzherzog Karl zu vereinigen. Johann hatte mit Recht der Kraft des kaiserlichen Versprechens misstraut; wenige Monate später, am 12. Oktober 1809, musste der Frieden von Schönbrunn geschlossen und darin Tirol, das dreimal siegreiche Land, den Feinden überlassen werden – freilich unter dem Zwang übermächtiger Verhältnisse. Dem treuen Freund Tirols mag das Herz geblutet haben, als die traurige Friedensbotschaft in seinem Schreiben vom 21. Oktober bekräftigen musste: „… die Nachricht des abgeschlossenen Friedens wird nun auch bis zu Euch gelangt sein. Ich muss Euch solche auf allerhöchsten Befehl bestätigen. Alles würde der Kaiser getan haben, um die Wünsche des Landes in Erfüllung zu bringen. Allein so nahe dem Kaiser das Schicksal der Bewohner des Landes geht, so ist doch die Notwendigkeit eingetreten, Frieden zu machen. Ich setze Euch hierüber auf allerhöchsten Befehl mit dem Beisatz in Kenntnis, dass der Wunsch Seiner Majestät dahin geht, dass die Tiroler sich ruhig verhalten und sich nicht zwecklos aufopfern mögen“.

War es ein Wunder, wenn die verzweifelten Tiroler diesen ungewohnten Worten ihres Prinzen Hannes nicht mehr glaubten, denen ja ein feierliches kaiserliches Wort entgegenstand? Wie der Erzherzog in jenen Tagen fühlte und wie er die Politik des Wiener Hofs verurteilte, zeigen seine Tagebucheintragungen: „Wo blieb denn Euer Mut, Euer Selbstgefühl, dass Ihr dem Feind so alles geben musstet? Wo dachtet Ihr denn hin, als Ihr Tirol verließet, war dies der Lohn für die bewiesene Treue? Wo war Euer Stolz, das Gefühl der alten Redlichkeit, dass Ihr dieses Volk des Feindes Rache überließet…“ Und wenige Jahre später schreibt der Erzherzog: „Zweimal erhob sich Tirol auf sein des Kaisers Wort, um seinem Herrn zu dienen, zweimal beruhigte es sich wieder, unbesiegt, auf sein Wort. Ein Wunder, dass er bei dieser Unternehmung nicht Glauben und Vertrauen bei ihnen verloren. Ein drittes Mal sie hintergehen, um Ruhe zu erhalten, das Werkzeug des Despotismus sein, gegen die Freiheit arbeiten, nimmermehr! Ich bin frei geboren, ich will redlich sterben. Ich beuge mich vor niemandem als vor Gott und meinem rechtmäßigen Fürsten, schätze die Ehre auf das Höchste. Für Freiheit gegen allgemeine Unterdrückung kämpfen, in Gottes Namen, aber sonst nicht! Will man mich zwingen, wohlan, so gehe ich, dann aber lebe wohl, Österreich, ich bleibe in Tirol und rette oder falle mit diesem Volke.“ Wie unerschütterlich trotz aller Schicksalsschläge das Vertrauen des Sandwirts auf den Erzherzog war, beweist der ergreifende letzte Brief Andreas Hofers, den er 48 Stunden vor seiner Gefangennahme auf der Pfandler Alm am 26. Jänner 1810 an Erzherzog Johann, den das ganze Land seinen „Vater nennt“, sandte, freilich zu spät, um das Schicksal Tirols und seines Oberkommandanten zu wenden.

In den Jahren nach 1809 wandte sich Johann, jetzt ohne militärische Aufgaben, der Befreiungsidee der von Österreich losgerissenen Länder zu; im Geheimen entwarf Johann, dem schon die österreichische Landwehr ihren Bestand verdankte, neuerdings den Plan eines Volkskrieges in den Alpenländern für den Augenblick, da der Stern Napoleons erbleichen würde. Zum Zweck des Zusammenschlusses aller Kräfte wollte Erzherzog Johann im Jahre 1813, als die Aussichten auf einen erfolgreichen Befreiungskampf sich mehrten, die österreichischen Alpenländer in „Alpenbund“ vereinigen, indem er unter anderem schrieb: „Der Alpenbund ist der Name, welcher mir der zweckmäßigste erscheint, unbestimmt genug, um alle Alpen oder nur einen Teil in sich zu fassen. Der Zweck desselben ist Freiheit und eine den Verhältnissen des Landes sich anpassende Verfassung, Aufhebung alles Drückenden, Kampf gegen Übermacht und Anmaßung und Mitwirkung zur allgemeinen Beschleunigung eines dauerhaften Friedens. Ich, meines Teiles, trete als Führer auf, ohne Namen, ohne irgendeinen Verdacht zu erregen, als wolle ich mehr, als nach vollbrachter Tat und nach gemachtem Frieden in mein väterliches Haus, so wie ich war, zurückkehren. Uneigennützigkeit gewinnt Österreich, da es die Hoffnung erhellt, verlorene Länder ohne Zutun zu bekommen, gewinnt die Alliierten, gewinnt Deutschlands Fürsten, da es eine neue Erscheinung ist.“ Der Plan des „Alpenbundes“ war selbstverständlich geheim, Johann wollte nach seiner eigenen Versicherung nichts anderes, als Österreich, ohne dessen Zutun, die Alpenländer wieder zuführen, er suchte nichts für sich, sondern wollte nur durch diese Befreiungstat „seine Schuld an Tirol abtragen und Österreich nützen“. In seine Pläne weihte der Erzherzog nur einen engen Kreis von Vertrauten ein, wieder waren es in Wien lebende Tirol, Hormayr, der Hofkommissar und Intendant Anton von Roschmann, ferner der Führer der Vorarlberger Erhebung von 1809, Dr. Anton Schneider, der Badlwirt von Bozen, Josef Eisenstecken, Schützenmajor Rupert Wintersteller von Kirchdorf u.a.m.

Aus der Mitte seiner Vertrauten entstand dem Erzherzog ein Verräter; Anton von Roschmann hinterbrachte den Plan der Staatspolizei. Metternich zögerte nicht, das Gewebe rücksichtslos zu zerstören und den durch seine Volkstümlichkeit bei Hof nicht allzu beliebten Erzherzog Johann matt zu setzen. Am 7. März 1813 wurde Hormayr, Dr. Schneider und – zum Anschein – auch Roschmann verhaftet. Die beiden ersteren kamen auf den Spielberg, in das berüchtigte Staatsgefängnis bei Brünn. Der Erzherzog wurde vor den Kaiser gerufen, der bereits über die ganze „Verschwörung“ unterrichtet war. Um das Misstrauen des Monarchen aufs Höchste zu steigern, hatte man Kaiser Franz eingeflüstert, dass Erzherzog Johann den Alpenbund zu dem Zweck ins Leben gerufen hätte, um selbst als „König von Rätien“ über die Alpenländer zu herrschen.

Offiziell blieb es für den Erzherzog bei einer ernsten Verwarnung durch den Kaiser, tatsächlich wurde der Erzherzog wohl auf Anraten Metternichs, durch ein förmliches kaiserliches Interdikt vom Betreten der Alpenländer auf unbestimmte Zeit ferngehalten. In einer Tagebuchnotiz empört sich Prinz Hannes über das Schändliche der Verleumdung: „So war der Hannes und ist es geblieben, und doch, welche Verleumdung über ihn!“ Darunter, er wolle sich zum König der Gebirge machen. Wie konnte man mich für so töricht halten? Ich König? Der ich so gern meine Unabhängigkeit habe und einfach lebe.“

Auch nach der Wiedervereinigung Tirols mit Österreich blieb das Land dem Erzherzog versperrt. Er war von der Huldigungsreise des Kaisers im Jahr 1816 ausgeschlossen und der Wunsch Tirols, „dass decht dein Bruder, der Hannes, noch herkommen mecht“, blieb unerfüllt. Volle zwanzig Jahre durfte der Erzherzog Tirol nicht betreten, aber auch diese Verbannung vermochte seinen Wunsch für das geliebte Land zu wirken, nicht zu ersticken. 1814 lies Erzherzog Johann den Wiener Kongress ein eigenes Memorandum über die Verwaltung und die Bedürfnisse des Landes Tirol vorlegen, um die Aufmerksamkeit der Neuordner Europas auf Tirol zu lenken. Dieses „Promemoria“ liegt im Tiroler Landesmuseum mit dem eigenhändigen Vermerk des Erzherzogs „auf meine Veranlassung verfasst und dem Kongress vorlegt, aber nicht bedacht“! Erst 1833 hob Kaiser Franz, nachdem Metternich seine Zustimmung gegeben hatte, dass Interdikt gegen Erzherzog auf und er durfte wieder ungehindert und offen Tirol wiedersehen. Aus seinem Tagebuch ist ersichtlich, dass er schon vor dieser Zeit heimlich Tiroler Boden betreten hatte. Am 10. August 1832 hatte der Erzherzog nach Überquerung des Pasterzengletschers am Großglockner heimlich die Tiroler Grenze überschritten und war nach Kals gewandert, wo er unerkannt beim Oberwirt übernachtete. Am nächsten Tag, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, kehrte er über den Kalsertauern wieder nach dem Salzburgischen Pinzgau zurück. In seinem Tagebuch schreibt er dazu: „Ich war wieder in Tirol, frei und ungehindert, dem Lande angehörend durch Erinnerung, Liebe und Treue, durch Besitztum, durch Weib und Kind, in dem Lande, von dem ich vor 15 Jahren, die mit ewigen Schnee bedeckten Tauern unerkannt überschreitend, eine Schachtel voll Erde holte, damit auf dieser einst mein Haupt im Grabe ruhte – wusste doch nicht, ob es mir noch einmal vergönnt sein werde, frei das Land Tirol zu betreten. So aber, wie es jetzt gekommen, hat es Gott herrlich gewendet und geführt.“

Von der Aufhebung des Interdikts an besuchte Erzherzog Johann fast alljährlich Tirol, befestigte seine Freundschaft mit den alten Kampfgefährten von 1809 und weihte besonders Andreas Hofer eine Verehrung, die sich in der Sammlung von Reliquien und Andenken äußerlich bekundete. Bei zahllosen Schützenfesten und Preisschießen war Prinz Hannes anwesend. Als am 2. Oktober 1842 in Innsbruck der Grundstück zum Museum Ferdinandeum gelegt wurde, war es Erzherzog Johann, der die Bestimmung des Hauses mit folgender Rede festlegte: „ Es sind nun 42 Jahre vorübergegangen, seit ich das erste Mal dieses Land betreten habe. Große Schicksale sind über uns gekommen, schwere Prüfungen hatten wir auszuhalten, Freuden und Leiden haben wir gemeinsam empfunden. Tirols ruhmwürdige Treue, Tirol ausdauernder Mut in jenen Tagen sind bekannt. Meine Herren des Museumvereins! sie werden durch gemeinschaftlichen Eifer dahin wirken, dass dieser Bau kein starres Behältnis toter Sammlungen wird, sondern eine Stätte lebendiger, wahrhaft nützlicher Tätigkeit. Kenntnisse mannigfaltiger Art sollen sich hier ausbilden und von da aus verbreiten und insbesondere so die Geschichte des Landes hier ihren Wohnsitz nehmen.“

Auch an der feierlichen Eröffnung des Museumsgebäudes am 15. Mai 1845 nahm Erzherzog Johann persönlich teil. Die Ferdinandeums- Bibliothek bewahrt aus seinem Nachlass die umfangreichen urkundlichen Sammlungen „Tirolenzia aus den Jahren 1809 und 1848“. Besonders festlich gestalltete sich der Besuch des Erzherzoges im Jahr 1845. Kurz vorher hatte Johann das Schloss Schenna bei Meran käuflich erworben, nun wollte er seiner Frau, der Postmeisters Tochter Anna Plochl und seinem Sohn seinen Tiroler Besitz zeigen. Die Reise über das Pustertal nach Innsbruck glich einem Triumpfzug. Im Juni 1846 unternahm der Erzherzog eine Hochgebirgswanderung durchs Ötztal und überschritt das Niederjoch um nach Meran zu kommen; sein Tagebuch erzählt Interessantes von dieser Bergfahrt.

In den bewegten Märztagen des Jahres 1848 weilte Johann wieder in Tirol und rief die Waffenträger auf zur Verteidigung der bedrohten Südgrenzen des Landes. An der Seite seines Neffen, des Kaisers Ferdinand, der von den Ausschreitungen der Wiener Revolution im Mai nach Innsbruck geflüchtet war, blieb der Erzherzog, bis ihn das Vertrauen der Nation zum deutschen Reichsverweser wählte und ihn nach Frankfurt am Main berief.

Nach dem der Erzherzog nach erfolglosem Bemühen, ein einiges Deutschland zu schaffen, sich von der Politik entgültig zurückgezogen hatte, verlebte er öfters als bisher seien Ruhetage in Tirol, in Schenna, wo er als Hausherr ein großes Festschießen gab, an dem Schützen aus dem ganzen Land teilnahmen. Noch als 76-jähriger Bestieg der greise Alpenfreund am 14. September 1858 die Hohe Salve. Im nächsten Jahr entschlief der Erzherzog am 11. Mai 1869 zu Grab. Seinem Wunsche folgend, errichtete sein Sohn Franz in der Nähe des Schloßes Schenna ein Mausoleum, in dem die irdische Hülle Erzherzog Johanns am 23. Juni 1869 feierlich beigesetzt wurde. Seine Frau Anna, die er sich einst aus dem Postmeister Haus von Aussee Heim geholt, folgte ihm am 4. August 1885 in den ewigen Frieden und ruht an seiner Seite auf Tiroler Boden.

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Aus:
Karl Paulin,
Tirolerköpfe. Ausgewählte zeitgeschichtliche Lebensbilder (1953) Seite 78 ff.

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MP

Zwei Höchstrichter –
Karl von Grabmayr

Dr. Dr. hc. Karl von Grabmayr. „Vater des Tiroler Grundbuches“ und „Karl der Große“. Dr. Dr. hc. Karl Grabmayr von Angerheim (* 11. Februar 1848 in Bozen; † 24. Juni 1923 in Meran) war ein Tiroler Jurist und Politiker; Rechtsanwalt in Meran, Höchstrichter in Wien; liberaler Abgeordneter zum Tiroler Landtag (1892 bis 1912); Abgeordneter zum Österreichischen Reichsrat (1897 bis 1907) sowie Mitglied des Herrenhauses (1907 bis 1918); 1905: Ernennung zum Vizepräsidenten des Reichsgerichts in Wien; 1913: Ernennung zum Präsidenten des Reichsgerichts; 1919: Ernennung zum Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes in Wien; ab 1908: Präsident der Wiener juristischen Gesellschaft . Karl von Grabmayr war einer der glänzendsten politischen Redner seiner Zeit und der genialste politische Kopf des damaligen Tirols. Zusätzlich war und ist er nach wie vor der „höchstdekorierte“ Richter, den Tirol je hervorgebracht hat: Nie ist es einem Tiroler gelungen, an die Spitze eines Höchstgerichts berufen zu werden. Karl von Grabmayr wurde von Kaiser Franz Joseph in die Präsidentschaft des Reichsgerichts (heute Verfassungsgerichtshof) berufen und – nach dem Sturz der Monarchie – aufgrund einstimmigen Regierungsbeschlusses, der damals Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschfreisinnige angehörten, durch Präsident Karl Seitz und Staatskanzler Dr. Karl Renner in das Präsidentenamt am Verwaltungsgerichtshof! Die Tiroler haben ihm vor allem die Einführung des Grundbuches (1897) zu verdanken, das Tiroler Höferecht und das Tiroler Anerbenrecht (1900); auch die Gründung der Tiroler Landeshypothekenbank (1901) ist im wesentlichen die Frucht Grabmayrs nachhaltiger Bemühung.
Dr. Dr. hc. Karl von Grabmayr. „Vater des Tiroler Grundbuches“ und „Karl der Große“. Dr. Dr. hc. Karl Grabmayr von Angerheim (* 11. Februar 1848 in Bozen; † 24. Juni 1923 in Meran) war ein Tiroler Jurist und Politiker; Rechtsanwalt in Meran, Höchstrichter in Wien; liberaler Abgeordneter zum Tiroler Landtag (1892 bis 1912); Abgeordneter zum Österreichischen Reichsrat (1897 bis 1907) sowie Mitglied des Herrenhauses (1907 bis 1918); 1905: Ernennung zum Vizepräsidenten des Reichsgerichts in Wien; 1913: Ernennung zum Präsidenten des Reichsgerichts; 1919: Ernennung zum Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes in Wien; ab 1908: Präsident der Wiener juristischen Gesellschaft .
Karl von Grabmayr war einer der glänzendsten politischen Redner seiner Zeit und der genialste politische Kopf des damaligen Tirols. Zusätzlich war und ist er nach wie vor der „höchstdekorierte“ Richter, den Tirol je hervorgebracht hat: Keinem anderen Tiroler ist es gelungen, an die Spitze zweier (!) Höchstgerichte berufen zu werden. Karl von Grabmayr wurde von Kaiser Franz Joseph in die Präsidentschaft des Reichsgerichts (heute Verfassungsgerichtshof) berufen und – nach dem Sturz der Monarchie – aufgrund einstimmigen Regierungsbeschlusses, der damals Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschfreisinnige angehörten, durch Präsident Karl Seitz und Staatskanzler Dr. Karl Renner in das Präsidentenamt am Verwaltungsgerichtshof!
Die Tiroler haben ihm vor allem die Einführung des Grundbuches (1897) zu verdanken, das Tiroler Höferecht und das Tiroler Anerbenrecht (1900); auch die Gründung der Tiroler Landeshypothekenbank (1901) ist im wesentlichen die Frucht Grabmayrs nachhaltiger Bemühung.

 

Zwei Höchstrichter – Karl von Grabmayr

von

Dr. Bernd Oberhofer

Karl von Grabmayr studierte in Innsbruck Rechtswissenschaften (Dr. jur. 1871) und eröffnete 1878 in Meran als Advokat seine eigene Kanzlei. Als Vertreter des verfassungstreuen Großgrundbesitzes wurde er 1892 in den Tiroler Landtag gewählt und gehörte diesem bis 1912 an.
1897 wurde er nach dem Kurienwahlrecht in das Abgeordnetenhaus des Reichsrates, des Parlaments von Cisleithanien, gewählt. 1901 wurde er vom Reichsrat zum Obmann des Verfassungsausschusses gewählt, der erfolglos die Trientiner Autonomiefrage behandelte.
Im Tiroler Landtag wurde Grabmayr vor allem zur Sicherung des Grundbesitzes aktiv. Auf seine Initiative wurde das Tiroler Grundbuch angelegt, in dem die Eigentumsrechte an allen Grundstücken amtlich verzeichnet wurden. Mit einem speziellen Höferecht wurde bestimmt, dass bäuerliche Anwesen nach dem Tod des Bauern stets nur an einen Erben übergehen und nicht zersplittert werden durften. Damit sollte dem Entstehen unwirtschaftlich kleiner Anwesen entgegengetreten werden.
1906 gab Grabmayr seine Rechtsanwaltskanzlei in Meran auf und übersiedelte nach Wien; bereits 1905 war er zum Vizepräsidenten des Reichsgerichts berufen worden, dem Vorläufer des heutigen Verfassungsgerichtshofes.
1907 wurde Grabmayr, möglicherweise des neuen Reichsratswahlrechts wegen, nicht mehr ins Abgeordnetenhaus gewählt, aber von Kaiser Franz Joseph I. in das Herrenhaus, das Oberhaus des Reichsrates, berufen.
1913 berief der Kaiser Karl von Grabmayr zum Präsidenten des Reichsgerichts. Diesem folgte mit 25. Jänner 1919 der Verfassungsgerichtshof nach, zu dessen erstem Präsidenten vom deutschösterreichischen Staatsratsdirektorium am 14. Februar 1919 Paul Vittorelli ernannt wurde. Am gleichen Tag wurde Karl von Grabmayr vom Staatsratsdirektorium als Präsident des am 6. Februar 1919 konstituierten Verwaltungsgerichtshofes ernannt.

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Karl v. Grabmayr war ein hervorragendster Tiroler seiner Zeit. Vom einfachen „Landadvokaten“, wie er selbst sagte, in Meran (1878 bis 1891) schwang er sich zu einer führenden Persönlichkeit im Tiroler Landtag (1892 bis 1912), im Wiener Abgeordnetenhaus (1898 bis 1906) und im Wiener Herrenhaus (1907 bis 1918) und in den österreichisch-ungarischen Delegationen (1910 bis 1914) auf sowie zu einem ersten Juristen im Staate. Von 1905 stand er als Vizepräsident und ab 1913 als Präsident an der Spitze des k.k. Reichsgericht; von 1908 an präsidierte er die Wiener Juristische Gesellschaft; schließlich leitete er in der ersten Republik (1919 bis 1921) bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand den Verwaltungsgerichtshof in Wien. Und das alles lediglich aus dem Leistungsprinzip heraus, ohne unsachliche Protektion, ja trotz mancher grundsätzlicher Einstellungen, die so gar nicht danach angetan waren: Seine liberale Gesinnung hatte ihm, zumal in Tirol, von vornherein in die Minderheit verwiesen und auch späterhin richtete er die Segel nicht nach dem Winde!

Mitentscheidend für diesen außerordentlichen Erfolg war Karl v. Grabmayr’s Redekunst. Man darf ihn als einen der glänzendsten politischen Redner des alten kaiserlich-königlichen Österreich bezeichnen. Es gab ein richtiges Aufhorchen, als er zum ersten Mal im Tiroler Landtag das Wort ergriffen; solche Reden waren hier noch nicht vernommen worden. Und jede neue Session hob seinen Ruf. Die Beherrschung der Materie, der Gedankenreichtum, die Gewandtheit des Ausdrucks, dazu Schwung und Wärme, Ernst und Humor, zog alle, auch Gegner, in den Bann. Selbst der reservierte Stadthalter, Graf Merveldt, konnte nicht umhin, ganz spontan seiner Bewunderung Ausdruck zu geben. Und doch waren es, dem Rahmen nach, erst Vorspiele zu Grabmayrs großen Reden im Wiener Abgeordneten- und Herrenhaus und in den Delegationen. Neben der Eleganz der Form und der Meisterschaft des Vortrags wirkte die Kraft der Überzeugung, die aus seinen Worten sprach.

Eine Auswahl von Grabmayrs Reden haben seine Freunde vom verfassungstreuen „Tiroler Großgrundbesitz“, Georg Freiherr von Eyrl, Karl Graf von Lodron, Dr. Anton Freiherr von Longo, Dr. Otto von Sölder und Dr. Paul Freiherr von Sternbach, anlässlich seines Scheidens aus dem Tiroler Landtag unter dem Titel „Von Badeni bis Stürgkh“ in Buchform herausgegeben (Wien, Tempsky, 1912, 197 Seiten).

Aber auch als Wirtschaftsjurist hat sich Grabmayr hervorgetan. Seine Arbeiten standen im engsten Zusammenhang mit dem politischen Wirtschaftsleben und erlangten dadurch unmittelbar praktische Bedeutung – die Universität Innsbruck hat sie mit zum Anlass genommen, Grabmayr das Ehrendoktorat der Staatswissenschaften zu verleihen.

So darf  Karl v. Grabmayr auch über seine Zeit hinaus als einer der hervorragendsten Tiroler betrachtet werden. Mit Recht nannten ihn seine Zeitgenossen scherzhaft „Karl den Großen“. Im Blick auf seine Verdienste um die Einführung des modernen Grundbuchs in Tirol lautet ein anderer zeitgenössischer Ehrentitel für diesen großen Tiroler Politiker und Juristen: „Vater des Tiroler Grundbuchs“.

Aus dem Vorwort zu: Karl v. Grabmayr, Erinnerungen eines Tiroler Politikers 1892 bis 1920. Aus dem Nachlasse des 1923 verstorbenen Verfassers, von o. Univ.-Prof. Dr. R. Klebelsberg Schlern-Schrift Nr. 135 (1954)

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DER KAMPF UM DAS GRUNDBUCH 1892 bis 1896 – ODER
WARUM KARL VON GRABMAYR DER VATER DES TIROLER GRUNDBUCHES GENANNT WIRD

Sofort nach Dr. Karl von Grabmayrs Eintritt in den Tiroler Landtag im Jahr 1892 wurde er vor eine erste große Aufgabe gestellt: Die Durchführung der Reform der öffentlichen Bücher. Während in allen anderen österreichischen Ländern seit Maria Theresia das Grundbuchsystem zur Herrschaft gelangt war, hatte sich in Tirol und Vorarlberg das „Verfachbuch“ erhalten, eine höchst unvollkommene Form des öffentlichen Buches, die den an eine solche Institution zu stellenden Anforderungen in keiner Weise genügte. Die Mängel dieser Einrichtung wurden umso sichtbarer, je mehr im Zuge moderner Wirtschaftsentwicklung auch in Tirol die Liegenschafts- und Realkredite zunahmen. So bildete die Abschaffung des Verfachbuchs und die Ersetzung dieser Einrichtung durch das moderne Grundbuch im Laufe des 19. Jahrhunderts eine in Tirol stets von neuem auftauchende Frage, die trotz endloser Verhandlungen und Erhebungen nie zur Lösung gelangen konnte; dies deshalb, weil die herrschende konservative Partei am Verfachbuch als einer „alttirolischen Einrichtung“, einer berechtigten „Eigentümlichkeit des Landes“ zäh festhielt.

In den 1830er Jahren war es die ständische Vertretung unter der Führung Josef von Giovanelli, in den 1860er Jahren die konservative Landtagsmehrheit unter der Führung von Ignaz von Giovanelli, die jeweils auf Einführung des Grundbuchs gerichtete Wünsche und Bemühungen der Zentralregierung durchkreuzten. Dabei anerkannte man allemal die Mängel und die Reformbedürftigkeit der Verfachbücher; man vermochte jedoch den Weg zu einer wirksamen Reform nicht zu finden. Für die schreiendsten Übelstände schuf man Abhilfe durch die in den Jahren 1869 bis 1872 durchgeführten „Hypothekenerneuerungen“, die jedoch trotz großen Kostenaufwandes und empfindlicher Behelligung der Bevölkerung nur vorübergehende Erleichterung brachte.

DIE TIROLER STÄNDE MAUERN

Im Jahr 1891 fand sich die Regierung neuerlich veranlasst durch eine Enquete den Zustand der öffentlichen Bücher zu erheben und die Reformfrage noch einmal dem Tiroler Landtag zu unterbreiten. Der Landtag wählte einen Grundbuchausschuss, dem fünf Klerikale und drei Liberale angehörten. Bei den Ausschussverhandlungen kam bald zu Tage, dass Karl von Grabmayr der einzige war, der über die Grundbücherfrage in ihrem ganzen, auch den Tiroler Berufsjuristen meist unbekannten, Umfang Bescheid wusste. So fiel Grabmayr ganz von selbst die Rolle des Wortführers der Grundbuchfreunde im Ausschuss des Tiroler Landtages zu und sie blieb ihm widerspruchslos in dem mehrjährigen um das tirolische Grundbuch geführten Kampf. Gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftreten übertrug ihm der Ausschuss trotz seiner mehrheitlich dem Grundbuch abgeneigten Stimmung einhellig die Berichterstattung für den Landtag.

Mit Spannung sah das ganze Land der Verhandlung entgegen, die im Landtag am 02. April 1892 über den Bericht des Grundbuchausschusses stattfand. Die Entscheidung fiel gegen das Grundbuch. Noch einmal siegte die konservative Tradition, der Widerwille gegen die Neuerung, das verständnislos aufgegriffene Schlagwort; noch einmal unterlag die Freude der Reform trotz der klaren Argumente, mit denen Karl von Grabmayr als Referent für die Notwendigkeit der Grundbucheinführung eintrat. Dreimal ergriff Grabmayr in dieser denkwürdigen Sitzung des Tiroler Landtags das Wort und – obwohl geschlagen – wurde Karl von Grabmayr doch zum Helden des Tages. Die ehrende Anerkennung des ganzen Landtags tröstete ihn darüber, dass sein Antrag bei der Abstimmung in später Abendstunde mit 19:24 Stimmen in der Minderheit blieb.

Das Grundbuch war damit neuerlich gefallen; die meisten glaubten für immer! Karl von Grabmayr sah die Niederlage nicht als entscheidende Episode und war fest entschlossen, den Kampf bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen und ihn nicht mehr ruhen zu lassen, bis endlich eine positive Entscheidung erreicht sei. Tirol sollte nicht länger ein kurioser Ausnahmsfall im Kreis der Kronländer sein.

KARL VON GRABMAYR GIBT NICHT AUF

Kaum war der Tiroler Landtag im September 1892 wieder versammelt, begegnete dieser als erstem Verhandlungsgegenstand einem von Karl von Grabmayr eingebrachten Antrag, einen achtgliedrigen Ausschuss mit der Beratung über die Reform der öffentlichen Bücher zu betrauen. In seiner Begründungsrede in der Sitzung vom 28. September 1892 betonte Grabmayr zum großen Missvergnügen der konservativen Mehrheit die Unhaltbarkeit des vom Landtag am 02. April 1892 gefassten Beschlusses. Grabmayr in dieser Rede: „Es gibt Majoritäten, die schon bei ihrer Bildung den bösen Keim der Schwindsucht in sich tragen und es gibt Minoritäten, in denen jeder Kundige den Kristallisationskern für eine künftige Mehrheit erblickt. Schon haben sich in dieser Frage zwei der hervorragendsten Mitglieder uns [den Grundbuchsfreunden] ankristallisiert und das weitere Fortschreiten dieses Prozesses, der auf der Affinität klarer Sachkenntnis beruht, können und werden Sie nicht aufhalten. … So wie in der Welt der Körper die lebendige Kraft das Produkt von Masse und Energie ist, so behauptet auch in der Welt der Geister, in der Politik, neben dem einen Faktor der Menge, der zweckbewusste Wille als zweiter gleichberechtigter Faktor seinen Rang.“

MAJORITÄTEN MIT SCHWINDSUCHT

Eine so selbstbewusste Sprache konnte Karl von Grabmayr nur führen, weil er aufgrund eingehenden Studiums von dem unausbleiblichen Sieg des Grundbuchs innigst überzeugt war. Der konservativen Mehrheit, die ja die Unhaltbarkeit des bestehenden Zustandes nicht zu leugnen vermochte, blieb nichts übrig, als seinen Antrag anzunehmen. In dem sohin gewählten Buchreformausschuss vertrat Grabmyr den Standpunkt, dass der Landtagsbeschluss vom 02. April 1892 den Grundbuchsgegnern die Pflicht auferlege, mit konkreten Vorschlägen über die von ihnen befürwortete Reform des Verfachbuches hervorzutreten. Wenn man schon das Grundbuch in Tirol nicht wolle, so müsse man ein zweckmäßig reformiertes Verfachbuch schaffen. Daher sei aus den Reihen der Verfachbuchfreunde ein Referent zu wählen, der die Frage studieren und dem Landtage im nächsten Sessionsabschnitt bestimmte Reformanträge vorlegen solle. Gegen diese Argumentation war keine Einwendung möglich und so wurde der angesehenste Jurist der konservativen Majorität, Dr. Josef Wackernell, als Referent mit der Aufgabe, das reformierte Verfachbuch zu erfinden, betraut.

Bei diesem Vorgang leitete Grabmayr die Erwägung, dass nach dem Landtagsbeschlusse vom 02.April 1892 die Aktion zugunsten des Grundbuches nicht eher mit Erfolg aufgenommen werden könne, bevor es nicht gelungen sei, die Unmöglichkeit einer brauchbaren Verfachbuchreform auf eine für jeden Unbefangenen überzeugende Art zu beweisen. Die Verfachbuchreformen ad absurdum zu führen, war das Ziel seiner Taktik.

Mit dieser Aktion im Landtage gab Grabmayr sich nicht zufrieden. Obwohl man die Grundbuchsfrage in Tirol seit nahezu hundert Jahren diskutierte, war doch fast niemand im Lande mit dem Wesen dieser Frage vertraut. Fanden schon die tirolischen Juristen nur ausnahmsweise einen Anlass, die Einrichtung des Grundbuches und das Grundbuchsrecht zu studieren, war vollends für die breiten Bevölkerungsschichten das Grundbuch ein sagenhaftes Ding, über welches mitunter ganz ungeheuerliche Fabeln kursierten. Es bestand ebensowenig über die rechtliche Natur des tirolischen Verfachbuchs, über dessen grundsätzliche Mängel und deren praktische Folgen, hinlängliche Klarheit. Hier galt es eine Literaturlücke auszufüllen und in einer monografischen Darstellung die Unbrauchbarkeit des Verfachbuches und die Unmöglichkeit einer zweckmäßigen Verfachbuchreform mit unanfechtbaren juristischen Argumenten zu beweisen.

VERFACHBUCH ODER PUBLICA FIDES?

So entstand Grabmayrs erste schriftstellerische Arbeit: Verfachbuch oder publica fides? Ein Beitrag zur Reform der öffentlichen Bücher in Tirol (Meran, F.W. Ellmenreich’s Verlag, Februar 1893). In der Vorrede der Broschüre heißt es: „Drei Wälle sind es, hinter denen sich in Tirol wie überall alter Schlendrian gegen die andringenden Reformen verschanzt: Vorurteil, Gewohnheit, Ängstlichkeit. An diesen dicken Wällen hat sich schon mancher gute Kopf wundgerannt, aber auch für diese Wälle kommt einmal die Zeit, wo sie morsch und bröckelig werden, und dann genügt oft ein letzter Stoß, sie zum Einsturz zu bringen. Wenn dieses Buch als ein solcher Stoß wirkt, ist meine Mühe reichlich gelohnt.“

Der Erfolg entsprach vollkommen Grabmayrs Erwartung. Auch die konservativen Kreise des Landes konnten sich des überzeugenden Eindrucks dieser die Reformfrage in ihrem ganzen Umfang erschöpfenden Beweisführung nicht erwehren. Das leitende konservative Blatt, die „Neuen Tiroler Stimmen“ vom 07.März 1893 fällte über sein Buch folgendes Urteil: „Konnte man schon im letzten Landtage, vor welchem Herr von Grabmayr als Berichterstatter des Grundbuchausschusses als Antragsteller die Sache des Grundbuches verfocht, dessen Meisterschaft der Rede bewundern, so liefert das vorliegende Werk den Beweis, das sein Verfasser auch ein Meister der Feder ist. Die lebendige, mit geistreichen Gedanken gewürzte Schreibweise lässt den Leser oft vergessen, dass er sich mit einem Gegenstand beschäftigt, welcher so trocken und so poesielos ist wie ein Verfachbuch oder Grundbuch nur immer sein kann. Man wird daher mit wahrem Vergnügen diese neue Erscheinung auf dem Büchermarkte lesen…dem Herrn von Grabmayr gebührt jedenfalls das Verdienst, durch dieses Buch zur Klärung der Angelegenheit einen bedeutenden Beitrag geliefert zu haben.“

Auf die Kreise der Verfachbuchfreunde übte das Buch eine geradezu lähmende Wirkung. Man fand sich total geschlagen und versuchte nicht einmal eine Entgegnung. In einem am 18.März 1893 im Liberalen Verein in Innsbruck gehaltenen Vortrage konnte Grabmayr bereits den Sieg des Grundbuchs proklamieren und seine Rede mit den zuversichtlichen Worten schließen: „Sollte es anders kommen, sollte die belagerte Majorität unter dem Einfluss einiger rücksichtsloser Fanatiker nach dem Beispiel der alten Garde lieber sterben als sich ergeben: Nun dann soll sie den Kampf haben, dann werden wir unter dem flatternden Feldzeichen des Fortschrittes, der Wissenschaft und Kultur die Verfachbuchfestung erstürmen. Mit allen Mitteln des äußersten Widerstandes kann die konservative Majorität nur mehr verzögern, nimmermehr verhindern den endlichen Sieg des Grundbuchs.“

Immerhin mussten noch volle drei Jahre vergehen, bis sich in einem neugewählten Landtag der Sieg des Grundbuchs endgültig entschied. Schritt für Schritt musste man die hartnäckigen Gegner aus ihren Positionen verdrängen. Zunächst hatte eine große, von der Regierung im Frühjahr 1893 durchgeführte Enquete ergeben, dass das Hauptargument der Grundbuchgegner, das Land wolle vom Grundbuch nichts wissen, längst nicht mehr wahr sei. Auch in Laienkreisen hatte sich ein Stimmungsumschwung vollzogen und allerorten erklärten sich große Mehrheiten der einvernommenen Vertrauensmänner für die Einführung des Grundbuchs.

VERFACHBUCHLIEBHABER KAPITULIEREN

Vollends ein tödlicher Schlag traf die landtäglichen Verfachbuchfreunde, als in dem neu versammelten Landtag ihr Kronjurist Dr. Josef Wackernell sich zur Erklärung gezwungen sah, dass auch er sich von der Unmöglichkeit einer zweckmäßigen Verfachbuchreform überzeugt habe. Grabmayrs Taktik trug nun ihre Früchte. Auch der Verfachbuchreferent Dr. Wackernell musste notgedrungen anerkennen, dass nach dem Fallenlassen der Verfachbuchreform nichts anderes übrig bliebe, als die Einführung des Grundbuches. Mit diesem Übertritt des Verfachbuchgenerals in das Lager der Gegner war das Schicksal des tirolischen Verfachbuches besiegelt. Von nun an galt es nur mehr die Indolenz der Regierung zu überwinden, die sich nur zögernd zur Einbringung der nötigen Gesetzesentwürfe entschloss. Auf Grabmayrs im Sommer 1893 im Landtag eingebrachte Interpellation stellte der Stadthalter die baldige Fertigstellung der die Grundbuchseinführung betreffenden Vorlagen in Aussicht. Mittlerweile setzte Grabmayr seine Agitation fort; dies durch die Veröffentlichung der Flugschrift: „Das Grundbuch im Tiroler Landtag“, die ein Resümee aller die Buchreform betreffenden Vorgänge und eine Beleuchtung der hilflosen Zerfahrenheit im Lager der Verfachbuchfreunde enthielt. Im ganzen Jahr 1894 gab es keinen Landtag. Als endlich im Jahr 1895 der Landtag wieder zusammentrat und noch immer keine Grundbuchsvorlagen auf seinem Tische fand, brachte Grabmayr in einer Rede die Enttäuschung und den Unwillen der Reformfreunde zu lebhaftem Ausdruck. Der Stadthalter wusste seinen von ihm als glänzend anerkannten Ausführungen mit nichts anderem zu begegnen als mit der erneuten Versicherung, dass die Regierung an der Absicht, das Grundbuch in Tirol einzuführen, unentwegt festhalte.

Im Landtag des Jahres 1896 löste die Regierung endlich ihr Wort ein. Im Ausschusse, dem die beiden Vorlagen (ein Landesgesetz und ein gewisse wünschenswerte Erleichterungen des allgemeinen Grundbuchsrechts gewährendes Reichsgesetz) zur Vorberatung zugewiesen wurden, entspann sich ein letzter Entscheidungskampf, in welchen die vom Abgeordneten von Zallinger geführten Grundbuchsgegner nur mit knapper Minorität unterlagen. Obwohl der von Grabmayr verfasste Ausschussbericht noch einmal mit großer Klarheit die zwingenden Gründe für die vom Landtag zu treffende Entscheidung vortrug (Beilage 87 ex 1896), so herrschten doch über den Ausgang bis zum letzten Moment aufgeregte Zweifel, da die bäuerliche Gruppe, deren Stimmen den Ausschlag geben mussten, noch immer unentschlossen schwankte. Am 05. Februar 1896 kam es zur Verhandlung. Als Vertreter der Familientradition, als Erbe historischer Vorurteile trat der Abgeordnete von Zallinger in diesen letzten Kampf ein, zu dessen erfolgreicher Führung es ihm vor allem an juristischem Wissen und sachlicher Beherrschung des wirklichen Stoffes gebrach. Mit höflicher Ironie hielt Karl von Grabmayr diesem schwachen Gegner gegenüber unter lebhaftem Beifall des Landtages dem Verfachbuch die Leichenrede. Unter dem Eindruck dieser mit so ungleichen Kräften geführten Debatte entschied sich auch die Mehrheit der bäuerlichen Abgeordneten für das unvermeidliche Reformwerk und so wurde die Einführung des Grundbuches im Tiroler Landtag mit großer Mehrheit von 30 gegen 12 Stimmen am 05. Februar 1896 beschlossen. Der glückliche Ausgang eines hundertjährigen Kampfes wurde im ganzem Land mit wärmstem Beifall begrüßt.

Der allgemeinen Stimmung gab die „Bozner Zeitung“ vom 7. Februar 1896 Ausdruck, indem sie unter anderem sagte: Es zeigt sich, dass nicht umsonst das Banner des Fortschritts auch in Tirol entfaltet wurde und dass es Bekenner findet, welche es zum Siege zu führen wissen. Und es zeigt sich, dass man eine gute Sache nur mit der nötigen Energie und Überzeugungstreue zu verfechten braucht, um doch endlich einen vollen Sieg erfechten zu dürfen. Herr von Grabmayr hat den Dank des ganzen Landes in reichem Maße verdient, denn er hat diesen Sieg durch seine Ausdauer und das Geschick, mit dem er die Sache vertrat, möglich gemacht. Er hat sich nicht abschrecken lassen von allem Pessimismus und aller Indolenz, welche mit Achselzuckender Resignation auf die Vergeblichkeit jeder Anstrengung hinwiesen, und er hat, beseelt von der Güte der von ihm mit Sachkenntnis verfochtenen Angelegenheit, auch warme, oft weit über das ihm naheliegende Schönrednertum hinausgehende Worte gefunden.

VATER DES TIROLER GRUNDBUCHES

Für Karl von Grabmayr war es ein stolzes Bewusstsein, dass es ihm gelungen war, was vor ihm so manche hervorragenden Männer, alle ausgezeichnete Juristen, vergeblich versucht. Benoni, Kiechl, Haßlwanter, Mages – sie alle hatten sich um die Reform der öffentlichen Bücher bemüht und sie alle waren an den eigentümlichen Schwierigkeiten der Aufgabe gescheitert. Dass Grabmayr gerade in den Landtag eintrat, als die reif gewordene Frage von Neuem zur Lösung drängte, war eine ihm widerfahrene Gunst des Schicksals. Halb im Scherz, halb im Ernst nannte man Karl von Grabmayr in tirolischen Juristenkreisen den „Vater des Tiroler Grundbuches“.

Auch auf die weitere Entwicklung des Tiroler Grundbuchwesens nahm Karl von Grabmayr nachhaltigen Einfluss. Nachdem der Landtag im Frühjahr 1897 auf seinen Bericht (Beilage 39 ex 1897) hin beschlossen hatte, dass die Grundbuchsgesetze sofort in Kraft zu treten haben, begann ein neues Stadium des Reformwerkes. Nun galt es behufs rascher und zweckmäßiger Durchführung der Reform die herkömmliche Indolenz und Schwerfälligkeit der Regierung zu überwinden und die Bereitstellung genügender Geldmittel für die Grundbuchanlegung zu erwirken. Schon in einem Aufsatz in der Meraner Zeitung vom 06. Dezember 1896 hatte Karl von Grabmayr in großen Zügen einen Plan entwickelt, wie das große Werk durch die ähnliche Vermehrung der Grundbuchskommissionen und die von Bezirk zu Bezirk fortschreitende Arbeit zweckmäßig gefördert und in absehbarer Zeit zu Ende geführt werden sollte. Durch Abstellung von vier Grundbuchskommissionen im Herbst 1897 wurde zunächst seinen Anträgen entsprochen, dann aber erlahmte der Eifer der Regierung und der Fortschritt geriet ins Stocken. Im Landtag des Jahres 1898 brachte Karl von Grabmayr den Gegenstand wieder zur Sprache und veranlasste einen Landtagsbeschluss, der von der Regierung eine rasche Förderung der Grundbuchsarbeiten verlangte. Doch weder dieser Beschluss, noch eine von ihm im Landtage des Jahres 1899 eingebrachte Interpolation bewogen die Regierung zur einer Änderung des unerträglich langsamen bürokratischen Tempos. Im Landtage des Jahres 1900 unternahm Karl von Grabmayr eine Aktion, um eine bei der Grundbuchsanlegung aufgetauchte, die bäuerlichen Interessen empfindlich berührende Schwierigkeit zu beheben. Es handelte sich um die Rechtsverhältnisse der sogenannten „Teilwälder“. Über seinen Antrag wurde vom Landtag ein Beschluss gefasst, der den Waldbesitzern zumindest die grundbücherliche Erfassung ihres Waldbesitzes als Servituten auf Gemeinde- bzw Fraktionsgrund ermöglichte.

Als Karl von Grabmayrs in Wien immer wieder bei den Ministern der Justiz und der Finanzen wegen des schleppenden Ganges der tirolischen Grundbuchanlegung erhobenen Vorstellungen erfolglos blieben, berief er im Frühjahr 1902 eine Versammlung aller tirolischen Reichsratsabgeordneten ein und erwirkte für sich das Mandat, bei der Budgetverhandlung im Namen aller Tiroler über die unverantwortliche Zurücksetzung des Landes Klage zu führen und durch ein Votum des Abgeordnetenhauses im Reichsrat Abhilfe zu erzwingen. Diese Aktion und die derselben entsprechende Budgetrede vom 12. Mai 1902 hatte endlich den Erfolg, dass sich die Regierung zur Erhöhung des für das tirolische Grundbuch geforderten Kredits und zur Aufstellung von fünf neuen Anlegungskommissionen bestimmt fand.

Aus: Karl von Grabmayr, Erinnerungen eines Tiroler Politikers 1892 bis 1920. Aus dem Nachlasse des 1923 verstorbenen Verfassers. Schlern-Schriften 135 (1955), Seite 14ff.

 

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Bernd Oberhofer

 

 

 

 

Hauptmänner der guten alten Zeit

 

Anton Graf und Herr zu Brandis (* 24. Februar 1832 in Laibach; † 14. Mai 1907 in Lana - Anton Adrian Karl Leopold Graf und Herr zu Brandis, so der vollständige Name), war Tiroler Landeshauptmann vom 30. September 1889 bis zum 25. April 1904. Er stammt aus dem Adelsgeschlecht der Grafen von Brandis mit Stammsitz auf Schloss Brandis in Lana/Überetsch. Sein Vater Clemens Graf von Brandis war Gouverneur von Tirol und Vorarlberg (1841 bis 1848). Seine Mutter stammte aus dem belgisch-österreichischen Adelsgeschlecht der Enffans d’Avernas, ursprünglich beheimatet im Herzogtum Branant, Belgien. Sein Erzieher war der bekannte Tiroler Historiker Albert Jäger. Anton Graf von Brandis verfasste selbst historische Arbeiten, insbesondere über seine Heimatgemeinde Lana. 1865 entsandte ihn der Landgemeindebezirk Meran in den Tiroler Landtag, von 1871 bis 1902 vertrat er im Landtag den Landgemeindebezirk Brixen und von 1902 bis August 1904 den adeligen Großgrundbesitz. Nach dem Tod von Landeshauptmann Dr. Franz Rapp ernannte der Kaiser Anton Graf von Brandis zum neuen Landeshauptmann von Tirol. Er bekleidete das Amt für 15 Jahre. Anton Graf von Brandis erwarb sich besondere Verdienste um das Tiroler Schulgesetzes von 1892, wofür ihm der Kaiser die Würde eines geheimen Rates verlieh. Er war ein hervorragender Verwaltungsfachmann mit besonderen Neigungen für die Neuordnung der Grundsteuer sowie alle Probleme der Gemeindeverfassung und Gemeindeverwaltung. Über den letzteren Themenkreis schrieb Brandis eine gründliche Abhandlung zur Gemeindeverfassung von Lana. Auf ihn geht das Tiroler Fraktionengesetz von 1893 zurück; sein tiefblickender Ausschussbericht dazu an den Tiroler Landtag lässt erkennen, dass dieses Gesetz dem Kern nach auf die alten Wirtschaftsgemeinschaften abzielt, denen eine neue Rechtsstruktur im Rahmen der Gemeindeverwaltung eingeräumt werden sollte.
Anton Graf und Herr zu Brandis (* 24. Februar 1832 in Laibach; † 14. Mai 1907 in Lana – Adrian Karl Leopold Graf und Herr zu Brandis, so der vollständige Name), war Tiroler Landeshauptmann vom 30. September 1889 bis zum 25. April 1904. Er stammt aus dem Adelsgeschlecht der Grafen von Brandis mit Stammsitz auf Schloss Brandis in Lana/Überetsch. Sein Vater Clemens Graf von Brandis war Gouverneur von Tirol und Vorarlberg (1841 bis 1848). Seine Mutter stammte aus dem belgisch-österreichischen Adelsgeschlecht der Enffans d’Avernas, ursprünglich beheimatet im Herzogtum Branant, Belgien. Sein Erzieher war der bekannte Tiroler Historiker Albert Jäger. Anton Graf von Brandis verfasste selbst historische Arbeiten, insbesondere über seine Heimatgemeinde Lana.
1865 entsandte ihn der Landgemeindebezirk Meran in den Tiroler Landtag, von 1871 bis 1902 vertrat er im Landtag den Landgemeindebezirk Brixen und von 1902 bis August 1904 den adeligen Großgrundbesitz. Nach dem Tod von Landeshauptmann Dr. Franz Rapp ernannte der Kaiser Anton Graf von Brandis zum neuen Landeshauptmann von Tirol. Er bekleidete das Amt für 15 Jahre.
Anton Graf von Brandis erwarb sich besondere Verdienste um das Tiroler Schulgesetzes von 1892, wofür ihm der Kaiser die Würde eines geheimen Rates verlieh. Er war ein hervorragender Verwaltungsfachmann mit besonderen Neigungen für die Neuordnung der Grundsteuer sowie alle Probleme der Gemeindeverfassung und Gemeindeverwaltung. Über den letzteren Themenkreis schrieb Brandis eine gründliche Abhandlung zur Gemeindeverfassung von Lana. Auf ihn geht das Tiroler Fraktionengesetz von 1893 zurück; sein tiefblickender Ausschussbericht dazu an den Tiroler Landtag lässt erkennen, dass dieses Gesetz dem Kern nach auf die alten Wirtschaftsgemeinschaften abzielt, denen eine neue Rechtsstruktur im Rahmen der Gemeindeverwaltung eingeräumt werden sollte.
Dr. Franz Josef Theodor Freiherr von Kathrein (* 25. März 1842 in Salurn, Südtirol; † 2. Oktober 1916 in Innsbruck) war Tiroler Landeshauptmann von Tirol vom 27. 08. 1904 bis 2.10.1916. Dr. Theodor Freiherr von Kathreins Vater war Volksschullehrers in Salurn. Seine Gymnasialzeit verbrachte er in Bozen, Trient und Venedig. Neben dem Studium an der Universität Innsbruck arbeitete er als Zeitungsredakteur. Nach der Promotion zum Dr. iur. im Jahr 1871 wurde er den Rechtsanwalt mit Sitz in Hall (Konzipientenpraxis in Wien und Kaltern). Seine politische Laufbahn begann in der Gemeinde Hall: Gemeindeausschuss ab 1880, Bürgermeister von 1895 bis 1904. 1883 wurde er in den Landtag gewählt, 1884 auch in den Reichsrat in Wien. Seine Tätigkeit im Budgetausschuss des Reichstages (Obmann ab 1890), als Vizepräsident (von 1893 bis 1897) und Präsidenten des Abgeordnetenhauses (1897) zeichneten ihn aus. Am 27. August 1904 ernannte der Kaiser Theodor Kathrein zum Landeshauptmann. Er setzte sich für Autonomie der Italiener ein und vermittelte zwischen den katholisch-konservativen und christlich-sozialen Abgeordneten. Er genoss außergewöhnliches Vertrauen des Kaisers. 1908 ernannte ihn der Kaiser zum Mitglied des Herrenhauses; 1910 erhob er ihn in den Freiherrenstand; 1912 verlieh er ihm die Würde eines geheimen Rates. Theodor Kathrein hat das Amt des Landeshauptmannes bis zu seinem Todestag ausgeübt.
Dr. Franz Josef Theodor Freiherr von Kathrein (* 25. März 1842 in Salurn, Südtirol; † 2. Oktober 1916 in Innsbruck) war Tiroler Landeshauptmann von Tirol vom 27. 08. 1904 bis 2.10.1916.
Dr. Theodor Freiherr von Kathreins Vater war Volksschullehrers in Salurn. Seine Gymnasialzeit verbrachte er in Bozen, Trient und Venedig. Neben dem Studium an der Universität Innsbruck arbeitete er als Zeitungsredakteur. Nach der Promotion zum Dr. iur. im Jahr 1871 wurde er den Rechtsanwalt mit Sitz in Hall (Konzipientenpraxis in Wien und Kaltern). Seine politische Laufbahn begann in der Gemeinde Hall: Gemeindeausschuss ab 1880, Bürgermeister von 1895 bis 1904. 1883 wurde er in den Landtag gewählt, 1884 auch in den Reichsrat in Wien. Seine Tätigkeit im Budgetausschuss des Reichstages (Obmann ab 1890), als Vizepräsident (von 1893 bis 1897) und Präsidenten des Abgeordnetenhauses (1897) zeichneten ihn aus.
Am 27. August 1904 ernannte der Kaiser Theodor Kathrein zum Landeshauptmann. Er setzte sich für Autonomie der Italiener ein und vermittelte zwischen den katholisch-konservativen und christlich-sozialen Abgeordneten. Er genoss außergewöhnliches Vertrauen des Kaisers. 1908 ernannte ihn der Kaiser zum Mitglied des Herrenhauses; 1910 erhob er ihn in den Freiherrenstand; 1912 verlieh er ihm die Würde eines geheimen Rates. Theodor Kathrein hat das Amt des Landeshauptmannes bis zu seinem Todestag ausgeübt.

 

Hauptmänner der guten alten Zeit

von

Dr. Bernd Oberhofer

Wenn von der „guten alten Zeit“ die Rede ist, so gilt dies – Tirol im Blick – insbesondere für die 25-jährige Periode vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Diese Periode steht für einen enormen wirtschaftlicher Aufschwung. Es ist dies die Periode der beiden Langzeithauptmänner Anton Graf von Brandis, Landeshauptmann von 1889 bis 1904, und  Theodor Freiherr von Kathrein, Landeshauptmann von 1904 bis 1916. Für die Industrie und das tägliche Leben war die größte Neuerung wohl die Einführung der Elektrizität zur Beleuchtung und als Antriebskraft für Straßen- und Kleinbahnen sowie für Fabriken und Werkstätten. In rascher Folge wurden Elektrizitätswerke zur Nutzung der Wasserkräfte errichtet, beispielsweise 1889 und 1887 am Mühlauer Bach und 1903 an der Sill für Innsbruck, 1898 am Vomper Bach für Schwaz, 1905 das Planseewerk bei Reutte, 1902 das Wiesbergwerk bei Landeck, 1898 das Pöllwerk und 1909 das Schnallstalwerk für die Städte Bozen und Meran sowie 1912 das Ruetzwerk für die Karwendelbahn.

 

TIROLER BAHN- und STRASSENBAUPROGRAMM

Die Hauptstrecken der Eisenbahnen Tirols waren schon in der früheren Epoche (1855 bis 1884) gebaut worden; nun kamen hinzu: 1891: die Bahn Rovereto-Riva, 1896: die Valsuganabahn Trient-Tezze, 1906: die Strecke Meran-Mals durch den Vintschgau, 1912 die Karwendelbahn Innsbruck-Seefeld-Garmisch-Ehrwald-Reutte. Schmalspurige Seitenbahnen wurden erbaut 1898: Bozen-Kaltern; 1889: Jenbach-Achensee; 1900: Innsbruck-Igls; 1901: Jenbach-Mayrhofen (Zillertalbahn); 1904: Innsbruck-Fulpmes; 1891: Straßenbahn Innsbruck-Hall; 1906: Meran-Lana; 1908: Bruneck-Taufers. Auch Seilstand- und Seilschwebebahnen wurden gebaut. 1903:  die Mendelbahn in Kaltern;  1906: die Innsbrucker Hungerburgbahn; 1907: die Rittnerbahn sowie die Bahn auf den Kohlern (Bozen); 1912: die Bahn auf das Virgiljoch bei Meran.

Im Jahr 1897 und nochmals 1908 beschloss das Land zwei gewaltige Straßenbauprogramme in den Seitentälern. Das erste wurde mit Gesetz vom 22. August 1897, LGBl Nr 31, auf den Weg gebracht. Dieses sah den Bau von 19 größeren und kleineren Straßen vor, die in einer Zeit von 15 Jahren ab 1898 vollendet werden sollten. Darunter befanden sich die Jaufenstraße von Sterzing nach Passeier, die Gampenstraße  ab Meran, die Straßen Lana-Ulten und Bozen-Sarntal, die Stubaitaler Straße, die Völser Straße, die Lechtaler Straße von Steeg bis Warth, die Zillertaler  Straße, die Gerlosstraße von Zell zur Landesgrenze, die Tilliacher Straße von Sillian ins Lesachtal, die Ötztaler Straße, die Pitztaler Straße. In Summe umfasste das Bauprogramm 455 km neuer Straßen. Insoweit diese Straßen militärisch von besonderer Bedeutung waren, bezahlte „Wien“ 55 bis 70% der Kosten, für die anderen 25 bis 35%. Die Betragsleistung des Landes Tirol betrug von 20 bis 50%; den Rest mussten die jeweiligen Nachbarschaften als „Interessenten“ aufbringen.

Vom Straßenbauprogramm des Jahres 1908 waren insbesondere schmälere Straßen mit einer Breite von damals 3,8 Meter betroffen. Das Hauptgewicht lag weiter auf der Erschließung der Seitentäler. Die meisten Straßen dieses zweiten Programms wurden noch bis zum Beginn des ersten Weltkriegs fertiggestellt. Sowohl in Nordtirol als auch in Ost- und Südtirol, aber auch in Welschtirol waren eine ganze Reihe wichtiger Täler betroffen. So wurden errichtet die Eiberg-, Pillersee-, Tuxer-, Gschnitzer-, Sölden-, Zieselstein-, Kalser-, Defreggen-, Enneberg- sowie die Suldenstraße – alle in „Deutschtirol“; hinzu kamen in Welschtirol ingesamt zehn weitere, bedeutsame Straßen. Grundlage des zweiten Straßenbauprogramms war das vom Landtag 1904 beschlossene neue Straßenbaugesetz.

 

WASSERSCHUTZBAUPROGRAMM

Alles in den Schatten stellten in diesem Zeitraum jedoch die Aufwendungen des Landes für Wasserschutzbauten. Überschwemmungskatastrophen an den großen Flüssen Etsch, Eisack, Rienz und Drau sowie am Inn in den Jahren 1882, 1883, 1885, 1888 und 1890 hatten umfangreiche Wasserschutzbauten an diesen Flüssen veranlasst; dies bereits in den 1880er Jahren. Die Etschregulierung war mit fünf Gesetzen aus dem Jahr 1879 auf den Weg gebracht worden. Im Jahr 1891 hatte der Landtag durch ein Wiederherstellungs- und Instandhaltungsgesetz betreffend Regulierungs- und Wildwasserverbauungen, LGBl 1891 Nr. 2 vom 08.01.1891, die Wildbachverbauung ins Auge gefasst. Weil die jeweiligen Nachbarschaften als Interessenten stark in die Pflicht genommen werden sollten, war dieser erste Anlauf wenig erfolgreich. 1912 beschloss der Landtag ein neues „Erhaltungsgesetz“ mit welchem die Lasten zwischen dem Staat, dem Land und den jeweiligen Nachbarschaften besser verteilt wurden. Das Gesetz organisierte auch einen „Aufseherdienst“, der zugleich für den Schutz der Wälder zu sorgen hatte. Durch diese Maßnahme nahm der Wasserbau in Tirol einen derartigen Aufschwung, dass er knapp vor dem ersten Weltkrieg nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa als führend angesehen wurde.

Für den Unterlauf des Inns hat der Staat wegen der Schifffahrt bereits im 18. und 19. Jahrhundert gut gesorgt; für den Oberlauf war jedoch bis auf die Strecke Telfs-Zirl nichts geschehen. Auch hier war regulierend einzugreifen. Der Tiroler Landtag war in der Zeit nach 1900 beinahe in jeder Session mit Anträgen zur Innregulierung „von Pfuns bis zur Landesgrenze“ beschäftigt. Bis zum Jahr 1914 waren die Arbeiten an größeren Teilstrecken wie Pfuns-Ried, Ried-Prutz und Haiming-Rietz abgeschlossen. Noch im letzten Landtag vor dem Krieg wurde ein Dringlichkeitsantrag zur Beschleunigung der Arbeiten angenommen.

Mit den neuen Straßen, den Eisenbahnverbindungen und den Wasserschutzbauten wurden die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung geschaffen, der Fremdenverkehr wurde gefördert und die Bauern konnten ihre Produkte leichter auf die Märkte bringen. Bisher schwer nutzbare Wälder wurden wertvoll, die bisher kaum absetzbare Milch und Butter konnte in die Städte, vor allem nach Innsbruck, gebracht werden. Interessant ist, dass die neuen Straßen den zur Selbstversorgung betriebenen Getreideanbau in den Tälern zum Erliegen brachten,  da nun billiges ausländisches Getreide in die Seitentäler geliefert werden konnte.

 

ERRICHTUNG DES „LANDESKULTURRATES“

Die „gute alte Zeit“, das ist für Tirol vor allem die 25-jährige Periode vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, die für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung steht und von den beiden „Langzeithauptmännern“ Anton Graf Brandis, Landeshauptmann von 1889 bis 1904, und Theodor Freiherr von Kathrein, Landeshauptmann von 1904 bis 1916, dominiert wurde. Die Straßenbauprogramme dieser Zeit, die Eisenbahnbau- und die Wasserschutzbauprogramme bildeten einen Grundstock dieser Entwicklung; die Neuerungen im Bereich des Schulwesens und bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen anderen.

Schon am 24.September 1881 hatte der Tiroler Landtag ein Gesetz über die Errichtung eines Tiroler Landeskulturrates und der Bezirksgenossenschaften dazu beschlossen – die Vorläufer der heutigen Strukturen der Landwirtschaftskammer. Grundzerstückelung und Überschuldung waren damals die vordringlichsten Probleme in der Tiroler Landwirtschaft. Hochwasserkatastrophen, sinkende Agrarpreise und die höchsten Lohnsätze für landwirtschaftliche Arbeiter in ganz Österreich hatten viele Tiroler Landwirte in Bedrängnis gebracht. Hinzu kam ein schlechter Zustand der Wälder infolge übermäßiger Holznutzung und exzessiver Waldweide bei Vernachlässigung der laufenden Aufforstung. Im Jahr 1883 hatte die Stadthalterei die Anstellung von 83 Forstwarten zur Überwachung von Wasserschutzbauten, Forstkulturen und Pflanzgärten gefordert, was vom Tiroler Landtag am 17. Juni 1884 umgesetzt wurde. Im Jahr 1885 wurde eine Gesetzesinitiative betreffend die Bestrafung gemeingefährlicher forstlicher Übertretungen umgesetzt.

 

EIN NEUES SCHULGESETZ FÜR TIROL

Zum Teil war die Krise der Tiroler Landwirtschaft, dem Hauptträger der damaligen wirtschaftlichen Entwicklung Tirols, hausgemacht: Über 100 Jahre lang hatten die Tiroler Stände die grundlegende Erneuerung der öffentlichen Grundeigentumsregister verhindert. Dem Hypothekarkreditwesen fehlte daher in Tirol die geeignete Basis. Die Tiroler Sparkassen stellten nicht zuletzt wegen der fehlenden Rechtssicherheit weniger als die Hälfte ihres Kreditvolumens Kreditnehmern von außerhalb Tirols zur Verfügung. Bevor der Tiroler Landtag jedoch die Erneuerung des öffentlichen Liegenschaftsregisters in Angriff nahm, wurde das  Tiroler Volksschulwesen nach einem fast 25jährigen Streit mit der liberalen Zentralregierung auf eine neue Rechtsgrundlage gestellt. Entgegen den Vorgaben aus Wien – dem Reichsrat stand für das Volksschulwesen nur die Kompetenz zur Rahmengesetzgebung für das Volksschulwesen zu – verlangte die konservative Mehrheit im Tiroler Landtag, dass das Volksschulwesen weiterhin unter der Kontrolle der katholischen Kirche stehe. Demonstrativ wählte das vom Tiroler Landtag am 25. Mai 1868 eingesetzte Schulkomitee zur Beratung eines Landesgesetzes zum (Reichs-) Schulaufsichtsgesetz, den Fürstbischof von Brixen, Vinzenz Gasser, zu seinem Obmann. Die von den Tirolern geforderten, für die liberale Reichsregierung in Wien inakzeptablen, Bedingungen waren: ein gesetzlicher Automatismus, wonach der Ortsgeistliche auch Vorsitzender des Ortsschulrates sein müsse; Ernennung der Bezirksschulinspektoren ausschließlich aus dem Kreis der Ortsschulrats-Vorsitzenden (= Ortsgeistlichen); schließlich sollte den drei Landesbischöfen von Brixen, Salzburg und Trient „als Wächter von Religion und Sittlichkeit“ im Landesschulrat zwingende Mitgliedschaft samt einem Vetorecht zustehen.

Weil über diese extremen Forderungen keine Einigung mit der Wiener Zentralregierung erzielt wurde, gründete die neue staatliche Schulaufsicht in Tirol seit dem Jahr 1869 auf einer Notverordnung des Wiener Unterrichtsministeriums. Erst am 7. April 1892 konnte sich der Tiroler Landtag zur Verabschiedung eines neuen Tiroler Schulgesetzes durchringen. Die Führer der konservativen Landtagsmehrheit, Landeshauptmann Anton Graf Brandis und Dr. Theodor Kathrein hatten in den Reihen der Abgeordneten der Konservativen einen entsprechenden Kompromiss durchgesetzt. Der Papst selbst hat Dr. Theodor Kathrein für seinen Einsatz im Zusammenhang mit der Beendigung des Tiroler Schulstreits und der Erwirkung des neuen Tiroler Schulgesetzes mit dem Kommandeur-Kreuz des Georg-Ordens ausgezeichnet; der Kaiser würdigte die Verdienste von Landeshauptmann Anton Graf Brandis um das schwierige Werk durch Verleihung der Würde eines Geheimen Rates.

 

EINFÜHRUNG DES MODERNEN GRUNDBUCHES

Zur Behebung des enormen Kapitalmangels in der Tiroler Landwirtschaft wurde bereits Anfang der 1880er Jahre die Errichtung einer Tiroler Landes-Hypothekenanstalt diskutiert. Detailfragen der Umsetzung zeigten jedoch schnell, dass die Modernisierung der öffentlichen Liegenschaftsregister samt einer klaren Regelung des Rechts der Liegenschaftshypotheken zwingende Voraussetzung für die Beseitigung der Kapitalnot in der Tiroler Landwirtschaft war.

Im Herbst 1891 hatten Nachwahlen von Abgeordneten zum Tiroler Landtag in der Wahlkurie des „Adeligen Großgrundbesitzes“ stattgefunden. Einer der Neugewählten war der Meraner Advokat und Apfelproduzent Dr. Karl von Grabmayr, dem der Umstand schon lange ein Dorn im Auge war, dass in allen österreichischen Ländern seit Maria Theresia bereits moderne Grundbuchsystem existierte und nur in Tirol und Vorarlberg das „Verfachbuchsystem“ aus dem 14. Jahrhundert fortgeführt wurde. Dr. Karl von Grabmayr erwies sich als der genialste politische Kopf seiner Zeit und als glänzender politischer Redner. Neben seinen Aktivitäten im Landtag publizierte er zwei Schriften, um dem Tiroler Grundbuch Bahn zu brechen („Verfachbuch oder publica fides? [1893] und „Das Grundbuch im Tiroler Landtag“ [1894]).

Mit einer glänzenden Rede am „Entscheidungstag“ 05. Februar 1896 gewann Karl von Grabmayr die Unterstützung der bäuerlichen Abgeordneten für das Reformwerk, sodass er einen 100jährigen Kampf um diese Neuerung mit einem klaren Abstimmungssieg von 30 gegen 12 Stimmen zu einem erfolgreichen Ende brachte. Die Zeitgenossen nannten Dr. Karl von Grabmayr deshalb auch den „Vater des Tiroler Grundbuches“.

 

EIN HÖFERECHT FÜR TIROL

Ebenfalls in mehrjährigen Beratungen wurden in dieser Zeit das Tiroler Höferecht und das Tiroler Anerbenrecht geschaffen (1896 bis 1900); rechtspolitisches Ziel war es, die Zerstückelung der Tiroler Höfe aufzuhalten und eine leistungsfähige Landwirtschaft zu erhalten.

Auch das neue Tiroler Höferecht samt dem Tiroler Anerbenrecht waren ganz wesentlich der Initiative und Überzeugungskraft des Abgeordneten Dr. Karl von Grabmayr zu verdanken.

 

VERSTÄRKUNG DES TIROLER BANKENSYSTEMS

In eine Erfolgsgeschichte mündeten auch die beharrlichen Bemühungen des Tiroler Landtages zur Schaffung einer Tiroler Landeshypothekenbank, die 1901 zum erfolgreichen Abschluss kamen. Zweck der Landesbank war es ursprünglich, unter Ausnutzung der neuen Grundbücher die zahlreichen Privathypotheken planmäßig in unkündbare, niedrig verzinsliche und in Annuitäten rückzahlbare Anstaltshypotheken umzuwandeln. Dies bewirkte eine bedeutende Entlastung und Stärkung der Tiroler Wirtschaft.

Bereits Ende der 1880er Jahre hatten die Raiffeisenbanken das Gebiet des ländlichen Kreditwesens in Tirol grundlegend verändert: 1888 wurde die erste Raiffeisenbank Tirols in Ötz gegründet; kurz danach folgten Gründungen von Raiffeisenkassen in Inzing, in Mils bei Hall, in Kirchberg sowie an zahlreichen anderen Orten. Der große Wert der Raiffeisen-Einrichtungen für den Bauernstand wurde in Tirol schneller als anderswo erkannt und Dank der tatkräftigen Förderung durch Landeskulturrat und Landtag gewannen die Raiffeisenkassen von Jahr zu Jahr wachsende Verbreitung.

 

ENTSCHULDUNG DER TIROLER LANDWIRTSCHAFT

Die Frage der Entschuldung des Tiroler Bauernstandes war der sozialpolitische „Dauerbrenner“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die politischen Protagonisten, die sich mit gegensätzlichen Reformprogrammen gegenüberstanden, waren Dr. Karl von Grabmayr, prominentester Exponent  der „Liberalen“ einerseits und Professor Prälat Dr. Aemilian Schöpfer, führender Politiker der „Christlichsozialen“ andererseits.

Während die Protagonisten unterschiedliche Reformkonzepte diskutierten und dazu Schriften publizierten (Dr. Karl von Grabmayr: „Schuldnot und Agrarreform“ [1894], „Landwirtschaft und Realexekution“ [1894], „Die Agrarreform im Tiroler Landtag“ [1896], „Das Recht der Klerikalen“ [1897] sowie „Bodenentschuldung und Verschuldensgrenze“ [1900]; Professor Dr. Aemilian Schöpfer in einer sechsteiligen Artikelserie in der Brixner Chronik [1896]), bewirkten die geschaffenen Verbesserungen im Bereich des Kreditwesens, die neuen Straßen und Eisenbahnen, die Hoch- und Wildwasserschutzbauten, die Ausnutzung der Wasserkräfte, die bessere Verwertung der Milchprodukte und des Obstes, die Hebung der Viehzucht und des Weinbaues, eine Auswanderungswelle in Welschtirol und nicht zuletzt der in dieser Zeit stark anwachsende Fremdenverkehr, dass sich der Bauernstand von selbst wirtschaftlich erholte.

Dazu tat ein Übriges die gezielte gemeinschaftliche Förderung der Landwirtschaft durch die Bezirksgenossenschaften des Landeskulturrates (heute: Landwirtschaftskammer), für welche im Jahr 1896 – nicht zuletzt auf Drängen des christlichsozialen Abgeordneten Dr. Aemilian Schöpfer und des liberalen Abgeordneten Dr. Karl von Grabmayr – Zwangsmitgliedschaft aller Landwirte vorgesehen wurde.

Im Jahr 1913 konnte deshalb der Abgeordnete Franz Schumacher in den „Neuen Tiroler Stimmen“ erklären: „Die Hypotheken, die jetzt begründet werden, sind ihrer Mehrzahl nach nicht Zeichen bäuerlicher Not, sondern Zeichen wirtschaftlichen Aufschwungs!“

 

1909: DIE AGRARISCHEN OPERATIONEN

Zum Abschluss gebracht wurden die agrarischen Reformen dieser Zeit mit drei Gesetzen, die der Tiroler Landtag im Jahr 1908 verhandelte. Diese waren: Das Gesetz vom 11. Mai 1909 betreffend den Schutz der Alpen und die Förderung der Alpwirtschaft (LGBl 60/1909), das Gesetz vom 10. Juni 1909 betreffend die Teilung gemeinschaftlicher Grundstücke und die Regulierung der hierauf bezüglichen Benützungs- und Verwaltungsrechte (LGBl 61/1909) und das Gesetz vom 19. Juni 1909 betreffend die Zusammenlegung landwirtschaftlicher Grundstücke (LGBl 62/1909).

Diese Gesetze betreffend die so genannten „agrarischen Operationen“ gründen auf den drei agrarischen Reichsgesetzen des Jahres 1883 und stellen Ausführungsgesetze dazu dar, mit deren Inkraftsetzung Tirol sich über 25 Jahre Zeit gelassen hatte, wohingegen beispielsweise Kärnten diese Gesetzes bereits 1884 als Landesgesetze umgesetzt hatte. Professor Dr. Aemilian Schöpfer stellte zur Bedeutung dieser Gesetze im Tiroler Landtag fest, dass diese Gesetze agrarpolitische Maßnahmen regeln, welche die Rechtsverhältnisse in Bezug auf das Eigentum und die Benützung des landwirtschaftlichen Grund und Bodens neu regeln würden. Die Durchführung dieser Maßnahmen war eigenen Behörden übertragen, die heute als „Agrarbehörden“ bezeichnet werden.

 

KOMPROMISS MIT WELSCHTIROL?

Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Die glänzenden Leistungen der Tiroler Politik in den Jahren 1890 bis 1914 waren überlagert vom Streit zwischen Deutsch-Tirol und Welsch-Tirol. 1899 hat ein gemeinsamer Ausschuss des Landtages unter der Führung der Abgeordneten Dr. Theodor Kathrein von den Konservativen, Dr. Karl von Grabmayr von den Liberalen und Dr. Brugnara aus dem Kreis der italienischen Abgeordneten einen von Dr. Grabmayr ausgearbeiteten Entwurf für eine Autonomie des italienischen Landesteils angenommen. Gouverneur Franz Graf Merveldt wollte eine Autonomie für das Trentino jedoch unbedingt verhindern und betrieb durch eine Steuerung der öffentlichen Meinung gezielte Obstruktion, verbunden mit einer massiven Enttäuschung der italienischen Volksgruppe. Im Dezember 1901 wurde Graf Merveldt zwar als Gouverneur und Statthalter abberufen; aber auch der Kaiser und der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wollten von Zugeständnis an die nationalen Bestrebungen der Italiener in Trentino wenig wissen. Man fürchtete den Keim einer Abspaltung des Trentino.

Unglücklicher Weise entstand in dieser Zeit ein neuer Zankapfel zwischen den Deutschen und Italienern wegen des Anspruchs der Italiener auf eine eigene Universität oder wenigstens eine Rechtsfakultät mit italienischer Vortragssprache. Lehrkanzeln mit italienischer Vortragssprache waren schon 1867 an der Universität Innsbruck errichtet worden. Die Welsch-Tiroler verlangten für eine eigene Rechtsfakultät den Sitz in Triest, die Staatsregierung aber wollte eine solche nur in Innsbruck, was wieder die Deutsch-Tiroler wenig wünschten, um den nationalen Charakter der Landeshauptstadt nicht zu verwischen. So kam es bei der Eröffnung der italienischen Rechtsfakultät in Innsbruck Anfang November 1904 zu Kundgebungen auf beiden Seiten. Die italienischen Studenten schossen in der Aufregung in eine Gruppe von deutschen Demonstranten und verletzten mehrere. Darob entstanden weitere Kundgebungen auf den Straßen Innsbrucks und Militär wurde zur Räumung der italienischen Rechtsfakultät eingesetzt, wobei der Maler August Pezzey durch einen Bajonettstich getötet wurde. Eine Gruppe von radikalen Deutschen demolierte auch noch die Inneneinrichtung des Fakultätsgebäudes in der Liebeneggstraße. Eine andere Streitigkeit, die die Wogen zwischen den Volksgruppen hoch gehen ließ, war die Trassenführung bei der Erbauung der Lokalbahn in das Fleimstal.

So ist im Jahr 1901 jener Entwurf für eine Autonomie des Trentino zurückgestellt und bis zum Ausbruch des großen Krieges 1914 nicht mehr dem Landtag vorgelegt worden.

Wer heute die ethnisch begründeten Konflikte in der Welt im Blick hat, muss sich mit Bedauern eingestehen, dass auch die Tiroler gescheitert sind, ihren hausinternen Nationalitätenkonflikt friedvoll zu lösen!

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Bernd Oberhofer

 

Hauptmänner in Tirol

Hauptmänner in Tirol von Dr. Bernd Oberhofer

Das Amt des Landeshauptmannes existiert in Tirol mit wechselnden Aufgaben und Kompetenzen seit der Zeit Heinrichs von Kärnten († 1335 in Schloss Tirol, Tirol), des Vaters der Margarethe von Tirol. Unter Margarethes zweitem Gatten, Ludwig der Brandenburger († 1361 bei München), wurde die Landeshauptmannschaft institutionalisiert. Der Landeshauptmann residierte bis ca 1720 in Bozen, als der Amtssitz nach Innsbruck verlegt wurde und in Bozen ein Stellvertreter installiert wurde. Seit der Zeit der Kaiserin Maria Theresia († 1780 in Wien) gibt es einen Dualismus „Gouverneur“ bzw „Statthalter“ einerseits und „Landeshauptmann“ andererseits.

Eine Zäsur bildet die neue Verfassung des Jahres 1861, die mit dem so genannten Februarpatent von 1861 durch Kaiser Franz Joseph in Kraft gesetzt wurde. Diese Verfassung institutionalisierte einerseits das Amt des Statthalters als Vertreter des Landesfürsten, des Kaisers in Wien. Daneben wurde das Amt des Landeshauptmannes gestellt, der Vorsitzender des (gewählten) Landtages war und zugleich Mitglied und Chef des Tiroler Landesausschusses, zuständig für die Verwaltung in allen „selbständigen Landessachen“. Seit 1861 wurde der Landeshauptmann vom Kaiser gewohnheitsmäßig aus der stärksten Partei des Landtages ernannt; sein Stellvertreter aus der nächsten. In dieser Konstellation ist das historische Amt des Landeshauptmannes bereits vergleichbar mit dem heutigen, wenn auch dem Landeshauptmann heute zusätzlich die Agenden der so genannten „mittelbaren Bundesverwaltung“ zum Vollzug übertragen sind und die „selbständigen Landessachen“ weit umfassender sind als nach der Verfassung von 1861. Jedenfalls ist es gerechtfertigt, eine Tradition des Amtes herzustellen, vom Inkrafttreten der Tiroler Landesverfassung von 1861 zum heutigen Amt des Landeshauptmannes, das auf die Verfassung der Zweiten Republik Österreich und die heutige Tiroler Landesverfassung vom 21. September 1988 gegründet ist.

Dr. Hieronymus von Klebelsberg zu Thumburg, Landeshauptmann vom 22. März 1861 bis 26. Februar 1862
Dr. Hieronymus von Klebelsberg zu Thumburg, Landeshauptmann vom 22. März 1861 bis 26. Februar 1862

Der erste, nach der neuen Verfassung von 1861 ernannte Landeshauptmann war Dr. Hieronymus von Klebelsberg zu Thumburg, Landeshauptmann vom 22. März 1861 bis 26. Februar 1862, der gesundheitsbedingt vorzeitig aus dem Amt scheiden musste. Dr. Hieronymus von Klebelsberg (* 28. September 1800 in Bruneck; † 7. November 1862 in Innsbruck) kam als Sohn des Christoph Leonhard von Klebelsberg, Richter in Bruneck, zu Welt. Nach seiner Gymnasialzeit in Innsbruck und in Seitenstetten, Niederösterreich, studierte er Rechtswissenschaften in Innsbruck (1816–1818), Padua (1818–1822) und Graz. Im Juni 1824 promovierte er zum Dr. jur. an der Universität Padua. Bereits 1822 trat er in den richterlichen Staatsdienst ein. 1833 war er Landrichter im Ampezzo, 1837 in Fügen. 1850 wurde er Landesgerichtsrat in Rattenberg; 1859 avancierte er zum Oberlandesgerichtsrat in Innsbruck. Neben seiner Richtertätigkeit widmete er sich der Politik. Von 1838 bis 1850 war er Bürgermeister von Innsbruck; 1838 wurde er auch Landtagsabgeordneter (Ständischer Kongress) und von 1848 bis 1847 Abgeordneter im Reichstag zu Wien (bis zu seiner Auflösung in Kremsier). Hieronymus von Klebelsberg war seiner Parteizugehörigkeit nach ein Liberaler. Trotzdem setzte er sich für die Wahrung der Tiroler Glaubenseinheit ein und er lehnte die nationalen Separationswünsche der Trientiner ab. Seine besondere Vorliebe galt dem Tiroler Schützenwesen und der Reform des Steuerrechts; nebenbei war er Prüfer an der juristischen Fakultät als Mitglied der Staatsprüfungskommission. Neue Landesgesetze sind in seiner kurzen Amtszeit nicht in Kraft getreten. Besonders in die Augen fällt jedoch eine Kundmachung der k.k. Statthalterei vom 3. Juli 1861. Danach wurde die zwangsweise Vorführung renitenter Schulkinder durch die Gendarmerie abgestellt, weil diese Maßregel mit dem „Berufe dieses Wachkörpers“ unvereinbar und „bei dem geringen Mannschaftsstande“ unausführbar sei.

Dr. Johann Kiechl, Landeshauptmann vom 20. Dezember 1862 bis 22. Dezember 1866
Dr. Johann Kiechl, Landeshauptmann vom
20. Dezember 1862 bis 22. Dezember 1866

Nachfolger des Dr. Hieronymus von Klebelsberg zu Thumburg als Landeshauptmann war Dr. Johann Kiechl, Landeshauptmann vom 20. Dezember 1862 bis zum 22. Dezember 1866. Dr. Johann Kiechl (* 19. Januar 1804 in Sarnthein; † 26. Mai 1893 in Wilten) war Sohn des Landrichters Johann Baptist Kiechl, geboren in Hall in Tirol. Nach ausführlichen Jahren des juristischen Studiums (1827–1838) trat er in den richterlichen Staatsdienst. Als Konzeptpraktikant und Adjunkt war er beim Landgericht in Meran sowie beim Landgericht Bregenz tätig; 1838 wurde er als Landrichter in Sarntheim und später im Passeier, ab 1843 beim Landesgericht in Bozen. 1854 wurde er als Richter an das Oberlandesgericht in Innsbruck berufen. 1867 wurde er zum lebenslangen Mitglied des Reichsgerichts ernannt. Auch Johann Kiechl widmete sich der Politik neben dem Richterberuf. 1861 wurde er von der Stadt Bozen als Vertreter der liberalen Partei in den Tiroler Landtag gewählt, dem er bis 1867 angehörte. Am 20. Dezember 1862 ernannte ihn Kaiser Franz Joseph zum neuen Landeshauptmann. Auch seine besondere Vorliebe galt dem Tiroler Schützenwesen, dem er als Landesoberschützenmeister vorstand; von 1863 bis 1871 stand er zudem an der Spitze der Sparkasse Innsbruck und von 1875 bis 1880 des Museum Ferdinandeum. Die ersten Landesgesetze unter seiner Amtszeit widmeten sich der Neuordnung des Tiroler Landesverteidigungswesens: Am 4. Juli 1864 sanktionierte Kaiser Franz-Josef die Gesetze betreffend die Landesvertheidigungs-Ordnung (LGuVoBl 1864/31) und betreffend die Schießstandsordnung (LGuVoBl 1864/32). Die tirolisch-vorarlbergischen Landesverteidigung wurde danach in drei Aufgeboten geleistet: den Landesschützen-Compagnien, den Scharfschützen-Compagnien und dem Landsturm. Schließlich wurden in seiner Amtszeit die neuen politischen Ortsgemeinden eingerichtet (Tiroler Gemeindegesetz und Wahlordnung, LGuVoBl 1866/1.

Hofrat Dr. Johann Haßlwanter, Landeshauptmann vom 15. Februar 1867 bis 15. Juni 1869
Hofrat Dr. Johann Haßlwanter, Landeshauptmann vom 15. Februar 1867 bis 15. Juni 1869

Hofrat Dr. Johann Haßlwanter war Landeshauptmann vom 15. Februar 1867 bis 15. Juni 1869. Haßlwanter (* 5. Mai 1805 in Innsbruck; † 15. Juni 1869 ebenda) war Sohn eines Leibkutschers des adeligen Damenstiftes. Wegen seiner Rednergabe, die früh auffiel, wurde ihm der Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Johann Haßlwanter studierte in Innsbruck Rechtswissenschaften (Promotion am 11. Februar 1828). Nach einer Gerichtspraxis wechselte Haßlwanter in den Finanzdienst, noch nicht 25jährig wurde er Supplent an der Innsbrucker Leopold-Franzens-Universität, wo er Vorlesungen über römisches und kanonisches Recht abhielt. Er legte die „Kriminalrichter-, Zivilrichter- und Advokatenprüfung“ ab. In Lienz, mittlerweile als Advokat, heiratete er 1833. Im Mai 1837 übersiedelte Haßlwanter nach Innsbruck. Im Revolutionsjahr 1848 wurde Haßlwanter von den Pustertaler Gerichtsbezirken  Lienz, Matrei, Sillian, Welsperg und Ampezzo zu ihrem Abgeordneten für den Österreichischen Reichstag in Wien und für das deutsche Nationalparlament in Frankfurt gewählt (Frankfurter Paulskirche). Gleichzeitig gehörte Haßlwanter dem Tiroler Provinziallandtag von 1848 an. 1849 trat er in den Staatsdienst, wo er als Hofrat und Ministerialkommissär in Grundentlastungs-Angelegenheiten eine sehr populäre Erläuterung zur Grundentlastung verfasste. 1861 entsandte ihn die Landeshauptstadt Innsbruck in den Tiroler Landtag, wo er an der Spitze des konservativen Klubs die Agitation gegen das Protestantengesetz von Kaiser Franz Josephs anführte („Kampf um die Glaubenseinheit“). Von 1861 bis 1867 war er Landeshauptmannstellvertreter. Am 15. Februar 1867 ernannte ihn der Kaiser zum Landeshauptmann. Während seiner Amtszeit wurde die Errichtung von landwirtschaftlichen Lehranstalten beschlossen. Im Frühjahr 1869 erreichte er die Wiedererrichtung der medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck.

Dr. Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn war Landeshauptmann vom 29. Juli 1869 bis August 1871 (Auflösung des Landtages)
Dr. Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn war Landeshauptmann vom 29. Juli 1869 bis August 1871 (Auflösung des Landtages).

Dr. Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn war Landeshauptmann vom 29. Juli 1869 bis August 1871 (Auflösung des Landtages). Dr. Grebmer (* 24. Januar 1821 in Dietenheim bei Bruneck; † 11. Januar 1875 ebendort) wurde als Sohn eines Rechtsanwaltes und Abgeordneten geboren. Er studierte Jus in Innsbruck, Graz und Padua (Promotion zum Dr. jur. in Padua). 1848 wurde Dr. Grebmer zum Bürgermeister von Dietenheim gewählt; 1850 übernahm er die väterliche Anwaltskanzlei sowie das Hotel zur Post samt Posthalterei in Bruneck. 1861 wurde er Bürgermeister von Bruneck und als liberaler Abgeordneter für den Bezirk Bruneck in den Tiroler Landtag gewählt. Er wurde Mitglied des Landesausschusses und als Abgeordneter in den Reichsrat in Wien entsandt. 1873 wurde er aufgrund Direktwahl neuerlich Reichsratsmitglied (Wahlkreis Bozen, Meran und Glurns), wo er Obmann des Fortschrittlichen Clubs wurde. Obwohl überzeugter Katholik setzte er sich als Liberaler für Glaubensfreiheit in Tirol ein. Ab 1867 war er Landeshauptmannstellvertreter.  Am 24. September 1869 wurde er – obwohl Mitglied der liberalen Landtags-Minderheit – zum Landeshauptmann von Tirol ernannt. Die Konservativen hatten aus Protest gegen die Religionspolitik des Kaisers keinen Nachfolger für Dr. Haßlwanter nominiert. 1878 errichteten ihm die Brunecker gegenüber dem Rathaus in Bruneck ein Denkmal. Von den Tiroler Landesgesetzen aus seiner Ära sticht ein solches zum Schutz der für die Bodenkultur nützlichen Vögel hervor (LGuVoBl 1870/37); dieses sticht besonders dadurch hervor, dass das Fangen und Töten der Adler, Geier, Falken und Uhus nach diesem Gesetz jederzeit „gebührenfrei gestattet“ wurde.

Dr. Franz Xaver Rapp, Freiherr von Heidenburg war Landeshauptmann vom 14. September 1871 bis 11. April 1877 sowie vom 29. Juli 1881 bis 19. September 1889
Dr. Franz Xaver Rapp, Freiherr von Heidenburg war Landeshauptmann vom 14. September 1871 bis 11. April 1877 sowie vom 29. Juli 1881 bis 19. September 1889

Dr. Franz Xaver Rapp, Freiherr von Heidenburg war Landeshauptmann vom 14. September 1871 bis 11. April 1877 sowie vom 29. Juli 1881 bis 19. September 1889. Rapp (* 21. November 1823 in Innsbruck; † 20. September 1889 ebenda) wurde als Sohn des Juristen und Historikers Josef Rapp geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck und wurde Notar. 1856 erwirkte er auch seine Eintragung in die Verteidiger-Liste des Oberlandesgerichtes Innsbruck. Von 1863 bis 1866 hatte Rapp das Amt des Vizebürgermeisters von Innsbruck inne, von 1867 bis 1869 das des Bürgermeisters. Es erklärte aus Gewissensgründen seinen Rücktritt. Rapp war ein überzeugter Konservativer, der im Tiroler Religionsstreit die Position der katholischen Kirchen zu stärken suchte. Bereits 1864 wurde er vom Landgemeindenbezirk Innsbruck in den Landtag gewählt, 1865 wurde er Landeshauptmannstellvertreter. Am 11. September 1871 wurde Rapp vom Kaiser zum Landeshauptmann von Tirol bestellt. Als der Kultusminister im Jahr 1875 die Gründung von protestantischen Kirchengemeinden in Innsbruck, Meran und Bozen genehmigte, provozierten die Konservativen am 9. März 1876 mit dem Austritt aus dem Landtag einen Eklat; auch Rapp erklärte als Landeshauptmann seinen Rücktritt. Die Maßnahmen mündeten in die Auflösung des Landtages durch den Kaiser. Trotzdem wurde Rapp nach dem Rücktritt seines Nachfolgers, des Liberalen Dr. Bossi-Fedrigotti, am 19. Juli 1881 neuerlich zum Landeshauptmann bestellt. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tode am 19. September 1889. Rapp erwarb sich Verdienste um den Wildwasserverbau sowie die Landesverteidigung. In seine zweite Amtsperiode fällt die Eröffnung der Arlbergbahn. Rapp wirkte erfolgreich an der Spitze der Innsbrucker Sparkasse; 1871 wurde er in den Ritterstand erhoben; 1883 in den Freiherrenstand. 1887 ernannte ihn der Kaiser zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses.

Dr. Wilhelm von Bossi-Fedrigotti von Belmonte war Landeshauptmann vom 11. April 1877 bis 8. Juli 1881
Dr. Wilhelm von Bossi-Fedrigotti von Belmonte war Landeshauptmann
vom 11. April 1877 bis 8. Juli 1881

Hofrat Dr. Wilhelm Bossi-Fedrigotti von Belmonte war Landeshauptmann vom 11. April 1877 bis 8. Juli 1881. Bossi-Fedrigotti (* 1823 in Avio; † 26. April 1905 in Sacco bei Rovereto) trat nach dem Studium der Rechtswissenschaften in den richterlichen Staatsdienst. Ab 1853 war er an verschiedenen Gerichten tätig, zuerst in Bergamo,  dann Verona, 1859 in Mantua sowie von 1863 bis 1867 als Staatsanwalt in Verona. 1867 wurde er Richter in Rovereto; 1871 Oberlandesgerichtsrat in Innsbruck. 1875 folgte die Beförderung zum Kreisgerichtspräsidenten in Trient. Im Jahr 1868 war er im Bezirk Cavalese als Liberaler in den Tiroler Landtag gewählt worden, dem er bis 1881 angehörte. Von 1873 bis 1977 war er Landeshauptmannstellvertreter. Am 11. April 1877 wurde er von Kaiser Franz Joseph zum Landeshauptmann ernannt, nachdem die konservative Landtagsmehrheit durch ihren Protest wegen der Religionsfrage die Auflösung des Landtages provoziert und Dr. Franz Xaver Rapp seinen Rücktritt als Landeshauptmann erklärt hatte. Das Amt des Landeshauptmannes behielt Bossi-Fedrigotti bis zum 8. Juli 1881. Er war zwar als Liberaler in den Landtag gewählt, verfolgte aber eine gemäßigte Linie, die auch bei der konservativen Mehrheit Anerkennung fand. Nach seinem Ausscheiden als Landeshauptmann übernahm er erneut die Leitung des Kreisgerichts Trient; 1884 trat er in den Ruhestand. Der Kaiser hat ihn mehrfach ausgezeichnet: 1878 wurde ihm der Titel eines Hofrates verliehen; 1881 der Orden der Eisernen Krone II. Klasse; zusätzlich wurde er in den Freiherrenstand erhoben. An Gesetzen aus seiner Amtszeit als Landeshauptmann sticht ein Bündel von Gesetzen hervor, nämlich ein Reichsgesetz und vier Landesgesetze, welche alle die Regulierung des Etschflusses von der Passermündung bis Sacco (bei Rovereto) zum Gegenstand haben. Kaiser Franz Joseph hatte diesen am 23. April 1879 gemeinschaftlich die Sanktion erteilt.

Der Zeitabschnitt von 1860 bis 1880/1890 wird auch in der Tiroler Geschichte als ein zusammengehöriger Abschnitt gesehen, der militärisch durch die Niederlage des Kaisertums Österreich gegen Frankreich in Norditalien (Magenta und Solverino, 4. und 24. Juni 1859) und staatsrechtlich mit der neuen (endgültig) konstitutionellen Verfassung vom Februar 1861 eingeleitet wurde. Die 1861 eingeführte Landesverfassung („Februarpatent“) sah für den Tiroler Landtag nach wie vor eine Zusammensetzung nach den vier Ständen vor, bei einer weit höheren Zahl an Abgeordneten für die Stadt- und Landgemeinden. Insgesamt waren 68 Abgeordnete vorgesehen, davon 45 für den deutschen Landesteil und 23 für den italienischen („Welschtirol“). Von den 45 Abgeordnete im deutschen Landesteil waren durchschnittlich 30 von den Konservativen besetzt, 15 von den Liberalen.

Vorbehaltlich der Sanktion durch den Kaiser lag die Generalkompetenz in allen Gesetzessachen beim Reichsrat in Wien. Der Tiroler Landtag besaß Gesetzgebungskompetenz nur in folgenden „selbständigen Landesangelegenheiten“, nämlich Landeskultur oder Pflege der Landwirtschaft, Bauten, Gemeinde- und unteres Schulwesen, Fürsorgeanstalten finanziert aus Landesmitteln, Einquartierung und Vorspanndienst für die Armee und – als Tiroler und Vorarlberger Besonderheit – die Landesverteidigung. Für die Verwaltung in diesen Angelegenheiten wurde aus dem Landtag ein sechsköpfiger Landesausschuss gewählt, der sich auf eine eigenständige Berufsbeamtenschaft des Landes, „der Landschaft“, stützte. An der Spitze des Landtages und des Landesausschusses stand der Landeshauptmann, der vom Kaiser ernannt wurde – gewohnheitsmäßig aus der stärksten Partei des Landtages. Der Landtag wurde auf sechs Jahre gewählt, ebenso der Landesausschuss. Jedes Jahr wurde eine mehrwöchige Session abgehalten. Die Amtssprache im italienischen Landesteil war italienisch; im Landtag wurde Italienisch und Deutsch gesprochen; die Landesgesetze wurden in Italienisch und Deutsch veröffentlicht. Vorarlberg hatte eine idente Verfassung wie Tirol; das Kronland Tirol und das Land Vorarlberg standen jedoch unter einer einheitlichen Verwaltung unter dem k.k. Statthalter und seiner Behörde in Innsbruck. Einheitlich für Tirol (mit Trentino) und das Land Vorarlberg waren auch die anderen Zweige der (gesamt-) staatlichen Verwaltung, nämlich das Gerichts-, Finanz-, Eisenbahn-, Post- und Militärwesen.

Ein politischer Dauerbrenner des 1861 erstmals wieder zusammengetretenen Tiroler Landtages war das Protestantenpatent, das Kaiser Franz Joseph am 8. April 1861 erlassen hatte. Unter Berufung auf die Glaubenseinheit des Landes forderten die Konservativen, dass für die Bildung von protestantischen Kirchengemeinden und für den Ankauf von Liegenschaften durch deklarierte Protestanten in jedem Einzelfall die Zustimmung des Landtages erforderlich sei. Am 7. April 1866 sanktionierte der Kaiser ein Landesgesetz, mit welchem zumindest die Bildung von Gemeinden der Evangelischen Glaubensgemeinschaften an die Zustimmung des Landtages gebunden wurde (LGuVoBl 1866/43). Führend tätig waren in diesem Sinn die Abgeordneten Dr. Johann Haßlwanter, 1867 zum Landeshauptmann ernannt, und der Fürstbischof Vinzenz Gasser von Brixen. Weil dieses Landesgesetz durch das Staatsgrundgesetz von 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger bereits obsolet wurde, waren die Bemühungen der Konservativen um die „Glaubenseinheit“ freilich auf Sand gebaut. 1875 hat die liberale Staatsregierung die Bildung evangelischer Kirchengemeinden in Bozen, Meran und Innsbruck genehmigt, ohne den Landtag zu befassen. Ein weiteres Anliegen der konservativen Landtagsmehrheit war die Schulgesetzgebung, wo die Wiener Regierung den im Konkordat von 1855 der katholischen Kirche zugesicherten bestimmenden Einfluss beseitigt wissen wollte. Heftig umstritten war in Tirol auch die 1873 vom Wiener Reichsrat beschlossene direkte Wahl seiner Mitglieder.

Seit 1860 wurde in Österreich die Bildung von Vereinen, die 1850 eingestellt worden war, gemäß der neuen Verfassung wieder freigegeben. Seither wurden auch in Tirol parteipolitische, Turn-, Alpen- und Gesangsvereine sowie Studentenverbindungen gegründet. Die von früher her bestandenen kulturellen und sozialen Vereine wie Museum Ferdiandeum, erfuhren neuen Aufschwung.

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Bernd Oberhofer

Traumberuf Köhler?

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© Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com

von

Dr. Bernd Oberhofer

Seit Jahrtausenden wird Holzkohle mittels „trockener Destillation“ in „Meilern“ hergestellt. Dies durch Erhitzen unter Luftabschluss, wodurch das Holz in möglichst reinen Kohlenstoff umgewandelt wird. In Österreich gibt es heute nur noch circa 15 Personen, die die Handwerkskunst der Köhlerei verstehen und diese ausüben.
Holzscheite werden in kegelförmigen Haufen um Pfähle gesetzt, es wird ein mit leicht brennbarem Material gefüllter „Feuerschacht“ angelegt und über dem Holzhaufen eine luftdichte Decke aus Gras, Moos und Erde geschaffen. Der Verkohlungsprozess wird in Gang gesetzt, indem der Meiler im “Feuerschacht“ entzündet wird. Der Prozess dauert bei großen Meilern mehrere Wochen. Während dieser Zeit muss der Köhler darauf achten, dass der Meiler weder erlischt, noch in Flammen aufgeht. Dies durch Regelung des Luftzugs (Aufstechen und Wiederverschließen von kleinen Löchern). Der Köhler beurteilt den Zustand des Meilers anhand des austretenden Rauches.

Die Köhlerei war früher so bedeutsam, weil man mittels der gewonnen Holzkohle viel höhere Temperaturen erreichen konnte als mit Holz. Erst mit dem Abbau mineralischer Kohle und dem Sinken der Transportkosten durch den Bau der Eisenbahnen nahm die Bedeutung der Köhlerei ab.

Der fotografierte Meiler wurde als Schauobjekt in Oberhofen, Oberinntal verkohlt. In Tirol wird die Köhlerei derzeit nirgends gewerblich ausgeübt.

 

© Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com
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Christmas in the City

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Advent in the City

Advent in the City

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6000 Jahre Urlaub in Tirol

©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)
©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)

Sie bezahlen keine Tourismusabgabe, sie kommen über die Berge, sie bleiben über den Sommer und verschwinden auf den verschlungenen Wegen, auf denen sie ins Land gekommen sind: tausende Südtiroler Schafe, seit bald 100 Jahren „Ausländer“ auf eigenem Grund und Boden.

©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)
©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)

Die Historiker gehen davon aus, dass die Bauern aus dem hinteren Vinschgau schon seit mindestens 6000 Jahren ihre Schafe über den Alpenhauptkamm zur Sommerweide ins Ötztal bringen. Aus diesem Grund besitzen sie umfangreiche Eigentumsflächen oberhalb von Vent und Gurgl.

©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)
©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)

Auch „Ötzi“, der Mann aus dem Eis des Similaungletschers, war auf den Pfaden der Schafhirten unterwegs, als ihn der Tod im Eis ereilte.

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©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)

Die Schäfer rüsten zum Abtrieb der Herden.

©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)
©Stephan Elsler, Schafe am Similaun (2004)

Dass die Routen der Schaftriebe schon seit mindestens 6000 Jahren genutzt werden, gilt heute als belegt. Auch der Fund des Mannes im Eis des Similaungletschers am Tisenjoch, das in der Nähe des Niederjochs liegt, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die Weiderechte Schnalser Bauern auf den Almen des Rofenbergs werden bereits in einem Dokument des Jahres 1357 bestätigt. Aus dem Jahr 1415 stammt ein das Niedertal betreffender Weiderechtsvertrag für den Zeitraum Mitte Juni bis Mitte September. Bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden sogar Rinder über die Pässe getrieben. Auch nach der Teilung Tirols am Ende des Ersten Weltkriegs blieb die Tradition des Schaftriebs erhalten. Die wirtschaftliche Bedeutung der Schaftriebe hat allerdings nachgelassen. Heute werden ungefähr 3.500 Schafe aus Schnals in die beiden Venter Täler getrieben, während es 1977 noch doppelt so viele waren. Im Oktober 2011 wurden die Tradition unter der Bezeichnung Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Als Begründung wurde dabei neben der ökologischen vor allem die kulturelle Bedeutung genannt, die in grenzüberschreitenden Ritualen und Bräuchen (Festlegen der Weideplätze, gemeinsamer Kirchgang, …) und einer dadurch entstehenden „gemeinsamen regionalen Identität“ zum Ausdruck komme. Wikipedia:“Schaftrieb über den Ötztaler Alpenhauptkamm“.

6000 Jahre Urlaub in Tirol, von Dr. Bernd Oberhofer

Wagner’sche. Buchhändler der Erzherzogin

Claudia de’ Medici (* 4. Juni 1604 in Florenz; † 25. Dezember 1648 in Innsbruck) war Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol. Sie erteilte Michael Wagner die Gewerbebefugnis zum Buchdruck und Buchhandel.
Claudia de’ Medici (* 4. Juni 1604 in Florenz; † 25. Dezember 1648 in Innsbruck) war Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol. Sie erteilte Michael Wagner die Gewerbebefugnis zum Buchdruck und Buchhandel.

 

Wagner’sche. Buchhändler der Erzherzogin

von
Dr. Bernd Oberhofer

 

Claudia de’ Medici (* 4. Juni 1604 in Florenz; † 25. Dezember 1648 in Innsbruck) war Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol. Sie erteilte Michael Wagner die Gewerbebefugnis zum Buchdruck und Buchhandel.
Claudia de’ Medici (* 4. Juni 1604 in Florenz; † 25. Dezember 1648 in Innsbruck) war Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol. Sie erteilte Michael Wagner die Gewerbebefugnis zum Buchdruck und Buchhandel.

Claudia de’ Medici (* 4. Juni 1604 in Florenz; † 25. Dezember 1648 in Innsbruck) war Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol. Am 11. Oktober 1639 hat sie Michael Wagners Traum verwirklicht. Mit ihrem blutrot glänzenden Siegel hat Claudiadem Michael Wagner den Freibrief für das Gewerbe als Buchdrucker und Buchhändler bestätigt. Die Wagner´sche Buchhandlung, seit 376 Jahren erste Adresse für Bücher, Zeitschriften und sonstige Drucksorten in Innsbruck, war damit gegründet.

Als die Erzherzogin Claudia dem Michael Wagner die Gewerbebefugnis bestätigte, war er vermutlich 29 Jahre alt. Gesichert ist Michael Wagners Geburtsort Deubach nahe Augsburg und die Tatsache, dass er am 10. Juni 1639 in Innsbruck die kinderlose Buchdruckerwitwe Maria Gäch feierlich geehelicht hat. Dies keine vier Wochen nach dem Tod des Meisters Hans Gäch, in dessen Werkstatt Michael Wagner als Geselle gearbeitet hat. Die Heirat mit einer „Goldenen Witwe“ war damals eine der wenigen Möglichkeiten, für einen Zuwanderer in den Besitz des Bürgerrechtes, einer Werkstatt und einer Gewerbekonzession zu gelangen. Am 11. Oktober 1639 ist Michael Wagner am Ziel, er hält seinen Freibrief in Händen, ausgestellt von keiner Geringeren als von der Erzherzogin Claudia persönlich. Und Michael Wagner schritt gleich zur Tat, er brachte sein erstes Druckwerk heraus, die „Tragoedia. Oder Trawriger Außgang deß H. Sigismundi Königs in Burgund unnd seines Sohns Sigerici“, ein Programmheft für eine Schultheaterveranstaltung des damaligen Jesuitengymnasiums in Hall. Neben einer Inhaltsangabe zur Geschichte und einer Beschreibung der insgesamt sechs Szenen enthält das Werk eine umfangreiche Liste der im Theaterstück vorkommenden  Rollen und eine genaue Angabe, wer die Schüler waren, die im Oktober 1639 die jeweiligen Rollen gespielt haben.

Michael Wagner hat zahlreiche solche Programmhefte für derartige Schüleraufführungen gedruckt. Lateinischsprachige Theateraufführungen der Schüler standen damals an den Jesuitengymnasien hoch in Kurs. Michael Wagner hatte offensichtlich Geschäftssinn: Er brachte gewinnbringend Kalender, Almanache und Gebetsbücher heraus. 1648 bekam er die Bewilligung, wöchentlich die „Ynbruggerische Ordianaria Zeitung“ heraus zu geben.

BUCHKRIEG IN INNSBRUCK

Die Bedingungen damals waren alles andere als einfach. In Europa tobte der Dreißigjährige Krieg, Aufträge waren spärlich und der Mitbewerber in Innsbruck, die Druckerfamilie Paur, machte Michael Wagner das Leben schwer. Als Hofbuchdrucker hatte Hieronymus Paur gute Karten. Seit 1548 war sein Unternehmen erste Staatsdruckerei der Welt, initiiert von Kaiser Ferdinand I. Oft kam es zu regelrechten Handgreiflichkeiten zwischen den beiden Druckereibesitzern. 1667 löste Michael Wagner das Konkurrenzproblem im Handstreich:  Hieronymus Paur starb und Michael Wagner erwarb von den Erben Werkstatt und Konzession. Damit war Michael Wagner der Hofbuchdrucker. Mit dem Kauf reicht die Geschichte der Firma somit bis ins Jahr 1548. So gesehen ist die Wagner‘sche Buchhandlung die älteste Buchhandlung Österreichs. Wirtschaftlich war die Übernahme eine große Herausforderung, der sich vor allem der Sohn Jakob Christoph Wagner stellen musste; Michael Wagner verstarb im Jahre 1669. Aber der Nachfolger schaffte einen weiteren Aufschwung der Firma. Gesellschaftlich brachte er es gar an die Spitze der Stadt: Er war der erste Buchhändler im Amt des Innsbrucker Bürgermeisters.

1802: CASIMIR SCHUMACHER ÜBERNIMMT

Mit Michael Anton Wagner, Johann Nepomuk Wagner und Michael Alois Wagner gab es noch drei weitere Wagner-Generationen, ehe die männliche Linie der Familie ausstarb. 1802 wurde der Betrieb an einen Schwager übergeben: Casimir Schumacher aus Freiburg im Breisgau gebürtig, führte den Betrieb in ein neues Jahrhundert. Er bewies außerordentliche Fähigkeiten und war eine angesehene Persönlichkeit in Innsbruck. Er sollte der zweite Bürgermeister aus dem Unternehmen werden – in einer Zeit des Tiroler Volksaufstands 1809 keine angenehme Position. Zweimal wurde sein Privathaus verwüstet und sein Eigentum zerstört. Als Casimir Schumacher auch noch verhaftet wurde, entschloss er sich, das Bürgermeisteramt niederzulegen. Da half auch die Fürsprache von Andreas Hofer nichts. Casimir Schumacher starb 1824 und sein erst knapp 18-jähriger Sohn Johann Nepomuk Schumacher übernahm den Betrieb. Er errichtete 1830 nach einer Schriftgießerei und einer Lithographie-Anstalt die erste Schnellpresse in Österreich. Es folgte eine Phase der Expansion. Neben Zeitungen, z.B. dem „Tiroler Boten“, brachte das Unternehmen zahlreiche Verlagswerke heraus. Anton Schumacher, der dritte Spross und Enkel Casimir Schumachers, war Mitglied und Förderer des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeums, Gründungsmitglied der Sektion des Innsbrucker Alpenvereins, Vorstand der Tiroler Sparkasse, Handelskammer-Präsident, Gemeinderat und Vizebürgermeister von Innsbruck. 1898 wurde er von Kaiser Franz Joseph in den Adelsstand erhoben; er trug fortan den Titel „von Marienfrid“.

Wagner'sche Firmenwerbung Anno 1850.
Wagner’sche Firmenwerbung Anno 1850.

 

ADELSTITEL FÜR DEN BUCHHÄNDLER

1875 übersiedelte die Wagner’sche Buchhandlung aus der Altstadt an ihren heutigen Standort in die Museumstraße 4, die Druckerei verblieb vorerst weiterhin in der Altstadt Pfarrgasse 6. Erst nach einem verheerenden Brand 1889 in der Druckerei eröffnete das Unternehmen ein neues Geschäftslokal in der Erlerstraße 7. Auch Filialbetriebe in Bozen, Brixen, Feldkirch und Bregenz wurden eröffnet. Durch die Bombardierung Innsbrucks im Zweiten Weltkrieg wurde der Unternehmensstandort in der Erlerstraße schwer getroffen, die Druckerei und das Verlagsarchiv teilweise vernichtet, aber ein Wiederaufbau gelang. Der letzte männliche Erbe der Familie Schumacher war Eckart Schumacher. 1916 wurden Verlag und Druckerei an das Verlagshaus Reinhold Kiesel in Salzburg verkauft, nur die Buchhandlung – die Wagner‘sche Universitätsbuchhandlung – blieb im Besitz der Familie Schumacher; dies bis zum Jahr 2006. Die letzte Eigentümerin war Maria Hasenöhrl. Da sie keinen Nachfolger für das Geschäft fand, wurde das Unternehmen im Oktober 2006 an die Buchhandelskette Thalia verkauft. Neun Jahre später, im Oktober 2015, erlangt die Traditionsbuchhandlung ihren ursprünglichen Namen wieder. Markus Renk und Markus Hatzer, beide seit Jahrzehnten fest verankert in der heimischen Buchbranche, sind nun die Eigentümer der Wagner’schen Buchhandlung. Das Traditionsunternehmen ist damit wieder in Tiroler Besitz.

EIN HERZ FÜR MÜTTER

Auf rund 1000 Quadratmeter Geschäftsfläche warten 60.000 Bücher auf neue Leser. 20 Mitarbeiter helfen dabei. Im Internetshop www.wagnersche.at gibt es „alle Bücher dieser Welt“, das sind rund sechs Millionen Titel. Durch den besonderen Bestell- und Zustellservice der Wagner‘schen werden diese kurzfristig für jeden verfügbar. Eine bemerkenswerte Initiative steht noch in Vorbereitung. Markus Renk: „Mütter, die ihre Einkäufe erledigen müssen, haben andere Prioritäten als ihre Kinder. Die Wagner´sche wird gemeinsam mit verschiedenen Innenstadtkaufleuten neue Wege gehen, um Kindern für die Zeit eines Einkaufsbummels ihrer Mutter eigene Angebote zu machen.“ Dieses Angebot soll Kleinkinder genauso umfassen wie größere. Shopping in der Innenstadt soll dadurch noch attraktiver gemacht werden. Man darf gespannt sein, was Markus Renk und Markus Hatzer noch an Neuem präsentieren werden!

 

Der Herr der Bücher

Markus Renk, geb. 16.10.1969, verheiratet mit Dr. Sandra Renk, Medizinerin ist Vater von zwei Kindern. Am 8. April dieses Jahres hat Markus Renk gemeinsam mit seinem Partner Markus Hatzer, Verleger des Haymon, Studien-, Löwenzahn und des Universitätsverlags Wagner, die Wagner’sche Buchhandlung von der deutschen Thalia Holding GmbH gekauft. Neben seiner Frau Sandra sind Bücher die größte Leidenschaft von Markus Renk! GUT führt mit dem neuen Unternehmenseigentümer das nachstehende Interview.

 

Markus Renk, geb. 16.10.1969, verheiratet mit Dr. Sandra Renk, Medizinerin ist Vater von zwei Kindern. Am 8. April dieses Jahres hat Markus Renk gemeinsam mit seinem Partner Markus Hatzer, Verleger des Haymon, Studien-, Löwenzahn und des Universitätsverlags Wagner, die Wagner’sche Buchhandlung von der deutschen Thalia Holding GmbH gekauft.
Markus Renk, geb. 16.10.1969, verheiratet mit Dr. Sandra Renk, Medizinerin, ist Vater von zwei Kindern. Am 8. April dieses Jahres hat Markus Renk gemeinsam mit seinem Partner Markus Hatzer, Verleger des Haymon, Studien-, Löwenzahn und des Universitätsverlags Wagner, die Wagner’sche Buchhandlung von der deutschen Thalia Holding GmbH gekauft.

 

Herr Renk. Was hat Sie bewogen, die Wagner’sche zu kaufen?

Schuld trägt ein Buch! Es war der Ausstellungskatalog „Druckfrisch“. Dieser ist letztes Jahr zum 375-jährigen Jubiläum der Wagner’schen erschienen. Die Wagner’sche ist eine Buchhandlung mit bald 400 Jahren Tradition. Eine Buchhandlung, aus der zwei Innsbrucker Bürgermeister, mehrere Stadtrichter und ein Wirtschaftskammerpräsident hervorgegangen sind.  Es ist ein großes Privileg, ein Unternehmen mit dieser Tradition zu führen. Natürlich reizt auch das wirtschaftliche Potenzial. Wir erleben heute die Renaissance des selbstständigen Buchhandels, der besser gegen den Internethandel reüssieren kann. Das Persönliche ist dem Kunden wichtig, wir können schneller entscheiden und sind näher am Kunden. Die Wagner’sche war über viele Jahre für ein besonderes Service bekannt.

Gibt es am Markt Bedarf nach einer selbständigen Wagner’schen?

Im Buchhandel gibt es festgesetzte Preise. Somit kosten Bücher überall gleich viel, ob bei Amazon oder bei der Wagner’schen. Punkten kann man nur mit Kundenservice. Da haben Ketten schon automatisch Probleme. Wenn man 300 Filialen besitzt, muss man fixe Strukturen vorgeben, die jeden Mitarbeiter binden. Als Einzelfirma kann ich viel stärker auf die Kundenbedürfnisse eingehen.

Was soll die neue Wagner’sche auszeichnen? 

Die Wagner’sche soll in Sachen Buch die klare Nummer 1 werden. Deshalb wird das Haus als reines Buchhaus positioniert. Die Zeiten der Skateboards und Sandkübel in der Wagner’schen sind vorbei. Mit 1.000 m² Buch können wir diesen Anspruch auch umsetzen. Wir werden mehrere Schwerpunkte setzen und die klare Themenführerschaft übernehmen. Tolle Veranstaltungen werden das unterstreichen. Schon am 22. Oktober kommt Michael Köhlmeier zu uns und am 24. Oktober C. W. Bauer. Noch im Herbst kommt auch Raoul Schrott. Ein spezielles Highlight wird das Gastrokonzept in der Buchhandlung. Wir lassen die Kaffeetradition in der Buchhandlung wieder aufleben und erweitern diese um ein kulinarisches Angebot. Nina Rettenbacher, vielen bekannt vom „Crumbles am Wiltener Platzl“, ist unsere Partnerin. Sie wird Köstlichkeiten nachhaltig und frisch zubereiten.

Was bedeuten die Bücher für Markus Renk?

Bücher sind neben meiner Frau meine große Leidenschaft. Sie überraschen mich jeden Tag aufs Neue und lassen mich nie aufhören zu lernen. Der britische Schriftsteller Aldous Huxley hat den Reiz der Bücher auf den Punkt gebracht: „Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu ungeträumten Möglichkeiten, zu einem berauschend schönen, sinnerfüllten und glücklichen Leben.“ Das trifft es, denke ich, ganz gut!

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Wagner’sche. Buchhändler der Erzherzogin, von Dr. Bernd Oberhofer

Mag. Ulrike Ischler: Hilf dir selbst!

Eine Tirolerin will die BIO-Revolution am Kosmetikmarkt. „Die Kosmetikindustrie verwendet zahllose Inhaltsstoffe, die man als gesundheitsbewußter Konsument nicht akzeptieren sollte. Eine Frau schmiert sich täglich mit konventioneller Kosmetik bis zu 500 Chemikalien auf Körper und Gesicht“ – so die Tirolerin Mag. Ulrike Ischler, geb. 18.06.1961 in Lienz/Osttirol, Betriebswirtin, jahrelang Managerin in der Pharma- und Life Science Branche. Sie lebt heute in Eichgraben bei Wien. Mit ihrer Firma GreenSmile produziert sie seit kurzem „mysalifree“, eine neue Kosmetiklinie.
Eine Tirolerin will die BIO-Revolution am Kosmetikmarkt, Mag. Ulrike Ischler. „Die Kosmetikindustrie verwendet zahllose Inhaltsstoffe, die man als gesundheitsbewußter Konsument nicht akzeptieren sollte. Eine Frau schmiert sich täglich mit konventioneller Kosmetik bis zu 500 Chemikalien auf Körper und Gesicht“ – so die Tirolerin Mag. Ulrike Ischler, geb. 18.06.1961 in Lienz/Osttirol, Betriebswirtin, jahrelang Managerin in der Pharma- und Life Science Branche. Mag. Ulrike Ischler lebt heute in Eichgraben bei Wien. Mit ihrer Firma GreenSmile produziert Mag. Ulrike Ischler seit 2014 „mysalifree“, die besondere Kosmetiklinie.

Hilf dir selbst

von
Dr. Bernd Oberhofer

Hilf dir selbst, dachte sich die in Wien lebende Osttirolerin Mag. Ulrike Ischler, als sie durch „Fibromyalgie“, einer Erkrankung unbekannter Genese, gezwungen wurde, auf alle Kosmetika zu verzichten, die Salicylate enthalten.

Stell dir vor, du erfährst von deinem Arzt, dass nicht nur in vielen Lebensmitteln, sondern vor allem in deinen Kosmetika – deiner Zahnpaste, deiner Gesichtscreme, im Rasierschaum und im Haarshampoo – Stoffe enthalten sind, die die Wirkung deines Medikaments blockieren. Und du findest heraus, dass es keine Produkte gibt, die frei von diesen Stoffen sind.
So erging es der Osttirolerin Mag. Ulrike Ischler, die praktisch über Nacht gezwungen war, auf alle gewohnten Produkte zur Körperpflege zu verzichten. Es geht um „Salicylate“, die Salze der Salicylsäure, die in den Blättern, Blüten und Wurzeln vieler Pflanzen vorkommen und die allergenes Potenzial besitzen. In Form von Extrakten, Ölen und Essenzen sind Salicylate Inhaltsstoff von Kosmetika. Dies als Konservierungsmittel.

Erfolglose Suche nach „gesunder Kosmetik“

Mag. Ulrike Ischler: „Je mehr ich mich mit Kosmetika beschäftigte, desto entsetzter war ich. Da waren Inhaltsstoffe enthalten, die in Verdacht standen, hautreizend, hormonbeeinflußend oder gar kanzerogen zu sein. Bei der Ernährung achten wir alle auf hohe Qualität, auf biologischen Anbau – bei Kosmetik ist ein solches Bewusstsein nur gering, obwohl die Wirkstoffe über die Haut unmittelbar in den Körper gelangen“.
Ulrike stand vor der Wahl, auf übliche Kosmetik zu verzichten oder die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Je mehr sie sich mit den unzähligen Kosmetikprodukten beschäftigte, desto stärker wurde das Bedürfnis, eine eigene Pflegelinie zu produzieren. „Ich wollte Kosmetikprodukte schaffen, die in jeder Hinsicht unbedenklich sein – am Besten biozertifiziert!“

Bevor die Erkrankung an Fibromyalgie und diversen Intoleranzen Mag. Ulrike Ischler aus dem gewohnten Berufsleben geworfen hatte, war sie jahrelang in der Pharma-Industrie und Pharma-Beratung tätig. Ihre Erfahrung im Management und der Blick auf die eigene Gesundheit waren die Triebfeder, das Absurde zu wagen: Die studierte Betriebswirtin entschloss sich mit ihrem Mann, Jörg Schaden, Freecomm Kommunikationsagentur, die Firma GreenSmile zu gründen. Nach knapp zwei Jahren ging „mysalifree“, eine Pflegelinie mit salicylatfreien, maximalverträglichen und authentischen Produkten auf den Markt. Ulrike entwickelte mysalifree für sich und andere Menschen mit sensibler, allergiegefährdeter Haut wie Duftstoffallergie, Kontaktallergie, Salicylatsensitivität – für Menschen mit bereits geschädigter oder irritierter Haut wie z.B. bei Neurodermitis oder Rosazea. „Und natürlich für alle Gesundheitsbewussten, die sich und ihre Kinder mit echter Bio-Kosmetik pflegen wollen. mysalifree ist biozertifiziert nach dem österreichischen Lebensmittelbuch und damit höchster Standard“, ergänzt sie nicht ohne Stolz. „Messlatte ist, dass 95% der landwirtschaftlichen Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau stammen.“

Bio-Reiskeimöl als Grundlage gesunder Kosmetik

Grundlage dieser bahnbrechenden neuen Kosmetik ist Bio-Reiskeimöl, das in Japan seit langem als traditionelles Schönheitsmittel bekannt ist. Zur Konservierung wird Vitamin E verwendet und Natrium-Sorbat; letzteres besitzt gerade ein zwanzigstel des Allergiepotentials von vergleichbaren Wirkstoffen. Eine Besonderheit sind auch die auf allen Produkten angebrachten „Airless-Spender“, die Bakterienverschmutzung von außen behindern. Die Konzentration der Konservierungsstoffe kann so auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Was treibt eine Betriebswirtin dazu, eine neue Kosmetiklinie zu produzieren, wo es doch schon zahllose Produktlinien gibt? „Was ich wollte, gab es eben nicht. Ich wollte Bio auf höchstem Level, frei von allem, was nur in Verdacht steht, ungesund zu sein. Und ich habe in ganz Europa wunderbare Partner gefunden, die mir geholfen haben. Beispielsweise kommt der Reis für unser Bio-Reiskeimöl aus einem kontrolliert biologischem Anbau in Italien. Speziell gepresst wird es in einem biozertifizierten Familienunternehmen in Bayern. Offensichtlich war die Zeit reif für mysalifree. Deshalb war es mir möglich, so viel Unterstützung bei Zulieferern und Partnern zu gewinnen. Die meisten waren spontan begeistert, als ich sie gebeten habe, bei der Herstellung dieser neuen, biologischen Pflegelinie mitzuwirken.“

vermeidet Salicylate, ätherische Öle, Duft- und Farbstoffe, Gluten, allergene und diskutierte Inhaltsstoffe – „mysalifree“
„mysalifree“ vermeidet Salicylate, ätherische Öle, Duft- und Farbstoffe, Gluten, allergene und diskutierte Inhaltsstoffe

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Hilf dir selbst, von Dr. Bernd Oberhofer

Dom zu Innichen: Zur Ehre Gottes

Der „Dom zu Innichen“ ist Tirols bedeutenster romanischer Sakralbau. Er erinnert an den Festungsstil der Kreuzritter zur Zeit der Stauferkaiser. Mit dem Bau der Stiftskirche (dem „Dom zu Innichen“) wurde im Jahr 1143 begonnen; ein Brand im Jahr 1200 zwang zu einem Neuanfang. 1280 war der heutige Baukörper abgeschlossen. In den Jahren 1323 bis 1326 wurde der Glockenturm neu hinzu gebaut. Der „Dom zu Innichen“ ist der bedeutenste Sakralbau im romanischen Stil in den Ostalpen mit beeindruckenden kunsthistorischen Schätzen sowie einer kleine Bibliothek mit seltenen und zum Teil einzigartigen Handschriften.
Der „Dom zu Innichen“ ist Tirols bedeutenster romanischer Sakralbau. Er erinnert an den Festungsstil der Kreuzritter zur Zeit der Stauferkaiser. Mit dem Bau der Stiftskirche (dem „Dom zu Innichen“) wurde im Jahr 1143 begonnen; ein Brand im Jahr 1200 zwang zu einem Neuanfang. 1280 war der heutige Baukörper abgeschlossen. In den Jahren 1323 bis 1326 wurde der Glockenturm neu hinzu gebaut. Der „Dom zu Innichen“ ist der bedeutenste Sakralbau im romanischen Stil in den Ostalpen mit beeindruckenden kunsthistorischen Schätzen sowie einer kleine Bibliothek mit seltenen und zum Teil einzigartigen Handschriften.

von
Dr. Bernd Oberhofer

Der Legende nach soll Kaiser Maximilian, als er das erste Mal den Sakralbau erblickte, den Ausspruch getan haben: „Ein Gotteshaus so stark wie eine Festung, so unerschütterlich wie mein Tiroler Volk!“ Steht man vor dem gewaltigen Bauwerk, kann man der Legende viel abgewinnen: Der romanische Baustil, der hier in reiner, ursprünglicher Form erhalten geblieben ist, bringt heute noch all das zum Ausdruck, was der Begründer der Klosteranlage „Zum heiligen Candidus“, der Bayernherzog Tassilo III., im achten Jahrhundert nach Christus beabsichtigte: Er wollte am damals äußersten Ende seines Reiches, an der „Heidengrenze“, ein Bollwerk zur Ehre Gottes bauen.

BOLLWERK ZUR EHRE GOTTES

Das Jahr 610 hatte dem Vormarsch der Bajuwaren Richtung Kärnten ein Ziel gesetzt. In der Schlacht bei Aguntum/Lienz behaupteten die Slawen die Herrschaft über den Lienzer Talkessel für ihr Herzogtum Kärnten. Der Bayernherzog Tassilo III. hat dann im Jahr 769 in Innichen das Benediktinerkloster zum heiligen Candidus als starken Außenposten seines Reiches gegründet.Dieses sollte Aufgaben der Glaubensverkündung und Mission erfüllen, die Kultivierung des Gebietes an der damaligen Südostgrenze des Herzogtums übernehmen und den Siedlungsbau im Hochpustertal durch bajuwarische Bauern organisieren. An einer wichtigen Fernstraße sollte eine Versorgungs-, Herbergs- und Nachschubstation entstehen. Der „Gründungsakt“ mit der Gebiets- und Herrschaftsübertragung an das Kloster wurde in Bozen („Bauzano“) im Jahr 769 schriftlich fixiert.

Der Bayernherzog Tassilo III. schenkt mit dieser Urkunde dem Abt Atto von St. Peter in Scharnitz einen Landstrich im Pustertal vom Gsieser Bach, der bei Welsberg in die Rienz mündet, bis zur „Slawengrenze“, die damals der Bach vom Anras-Berg im Osttiroler Pustertal („rivolum montis Anarasi“) bildete, mit dem Ort Innichen („India“) sowie dem Toblacher Feld („Campo Gelau“) sowie dem heutigen Gebiet im Sillian bis eben Anras als Ostgrenze. Die Auflage für diese Schenkung war, im „campus gelau“ (= eisiges Land) ein Benediktinerkloster zur Missionierung der heidnischen Slawen zu gründen. 783 wurde Abt Atto von Scharnitz zusätzlich Bischof von Freising. Seitdem besteht eine personelle Verbindung des Klosters zum heiligen Candidus in Innichen mit dem Fürstbistum Freising/Bayern.

VOM GSIESTER BACH BIS ZUR „SLAWENGRENZE“

Abt Atto übernahm eine durch die Kriege mit den Slawen im siebenten und achten Jahrhundert weitgegend verödete Gegend. Das „Wiederbesiedelungsprojekt“ war jedoch ein durchschlagender Erfolg. Das „Kloster zum heiligen Candidus“ in Innichen übernahm im Verlauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte die seelsorgerische Betreuung weitläufiger Gebiete an der Rienz und Drau sowie ihrer Nebentäler. Innichen wurde im frühen 15. Jahrhundert zum bedeutendste Wallfahrtszentrum des Ostalpenraums.

Kaiser Otto I. richtete in Innichen im Jahr 965 eine weltliche Herrschaft durch einen kirchlichen Fürsten ein. Er schuf eine reichsunmittelbare „Hofmark Innichen“, die nur mehr der Herrschaftsgewalt des Kaisers unterstand. Herr von Innichen war der Fürstbischof von Freising. Die „Hofmark Innichen“ erreichte ihre Blütezeit im Hochmittelalter, also im 12. und 13. Jahrhundert. Das kirchliche Fürstentum reichte von Welsberg im Westen bis Abfaltersbach im Osten und im Süden hinunter bis in die venetianische Tiefebene (Cadore). Seit dem Hochmittelalter entrissen die Grafen von Gröz, dann die Grafen von Tirol unter Berufung auf ihr Amt als Vögte den kirchlichen Herren der „Hofmark Innichen“ sämtliche Ländereien, so dass am Ende (1803) von dieser weltlichen Herrschaft nur mehr ein Teil der Ortschaft Innichen übrig geblieben war. Nach dem 1. Weltkrieg kamen Innichen und Sexten, obwohl dies im Londoner Gemeinvertrag von 1915 nicht vorgesehen war, zu Italien. Eigentlich sollte die Wasserscheide bei Toblach die zukünftige Grenze zwischen Italien und Österreich bilden.

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Dom zu Innichen: Zur Ehre Gottes, von Dr. Bernd Oberhofer

Aguntum: Der verlorene Bischof

Die Türme von Aguntum konnten die Stadt gegen den Ansturm der Slawen im Jahr 610 nicht schützen. Mit der Stadt Aguntum ging auch der seit dem Jahr 343 nachgewiesene Bischofsitz Aguntum (Lienz, Osttirol) unter. Eine Wiederherstellung des Bistums im Zuge der Kirchenreformen Karls des Großen ist nicht erfolgt.
Die Türme von Aguntum konnten die Stadt gegen den Ansturm der Slawen im Jahr 610 nicht schützen. Mit der Stadt Aguntum ging auch der seit dem Jahr 343 nachgewiesene Bischofsitz Aguntum (Lienz, Osttirol) unter. Eine Wiederherstellung des Bistums im Zuge der Kirchenreformen Karls des Großen ist nicht erfolgt.

von
Dr. Bernd Oberhofer

Als der römische Kaiser Claudius (Tiberius Claudius Nero Germanicus, * 10 v. Chr. † 54 n. Chr.) die Provinzen Raetien und Noricum einrichtete, wurde auf heutigem Tiroler Boden genau einer Siedlung das Stadtrecht verliehen: Aguntum (Lienz/Lavant) in Osttirol, das mit der Erhebung zu Stadt „municipium Claudium Aguntum“ genannt wurde. Nachbarstädte zur Zeit der Römer waren im Osten Teurnia (Spittal an der Drau), im Norden  Iuvavum (Salzburg), im Westen Brigantium (Bregenz) und im Süden Tridentinum (Trient). Die Einwohner Aguntumswaren im 4. Jahrhundert bereits Christen. Bis zu ihrem Untergang im Slawensturm des Jahres 610 war die Stadt Aguntum auch Bischofsitz.

Vermutlich hat schon die illyrische Urbevölkerung die Siedlung Aguntum im Lienzer Becken gegründet; im Verlauf des vierten Jahrhunderts vor Christus drangen die Kelten in den Alpenraum ein. Etwa um 300 v. Chr. schlossen sich mehrere keltische und illyrische Stämme unter der Führung der Noriker zusammen und errichteten den mächtigen keltischen Staat Noricum mit einem befestigten Hauptort auf dem Magdalensberg als Zentrum im heutigen Kärnten. Sie prägten eigene Münzen und unterhielten weitreichende Handelsbeziehungen. Die Noriker waren bekannt für den Abbau von Salz und Eisen, Kupfer und Gold, wertvolle Handelsgüter, die ihren Wohlstand begründeten. Noricum ist das älteste politische Gebilde auf dem Gebiet des heutigen Österreichs. Der Verwaltungsbezirk Aguntum bildete die Außengrenze im Süd-Westen.

Aguntum: Seit 4. Jahrhundert Bischofsitz

Mit der Stadterhebung in der Regierungszeit von Kaiser Claudius zwischen 41 und 54 nach Christus wurde „municipium Claudium Aguntum“ Verwaltungszentrum des zugeordneten Territoriums. Dieses Verwaltungsgebiet reichte vom Alpenhauptkamm im Norden bis zu den Dolomiten im Süden und umfasste das heutige Osttirol samt dem Pustertal und allen Nebentälern im heutigen Südtirol zwischen dem Kärntner Tor im Osten und Mühlbach im Pustertal im Westen. Zur Größe der Stadt hat sich die die historische Forschung noch nicht festgelegt; die östlichen Nachbarstadt Teurnia (Spittal an der Drau) soll zur Blütezeit 30.000 Einwohner gezählt haben. Die Stadt Aguntum wurde, wie römische Städte im Allgemeinen, von einem meist hundertköpfigen „Gemeinderat“ geleitet, dem auf Lebenszeit gewählte Mitglieder angehörten.  Die eigentliche Exekutivgewalt lag bei zwei „Rechtspflegern“ (duoviri iure dicundo) und zwei Männern der allgemeinen Verwaltung (aediles). Diese wurden von der Volksversammlung jeweils auf ein Jahr gewählt. Die Römer haben vielfach Verwaltungsämter doppelt besetzt.

Aguntum entwickelte sich zu einer florierenden Stadt, mit einem Bischofssitz. Außerhalb ihrer Mauern wurde bereits im Jahr 1912 eine frühchristliche Friedhofskirche ausgegraben und untersucht; es handelt sich um einen einfachen Rechteckbau, 29,40 m lang, 9,40 m breit, mit frei stehender Priesterbank. Auch finden sich im Großraum Lienz viele urchristliche Kirchenbauten: Lavant, St. Andrä, Lienz, Oberlienz. Ungeschick der öffentlichen Hand ließ es geschehen, dass dieser Teil der Ausgrabungen in Aguntum mit der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Kirche wieder zugeschüttet wurden.

Im Jahr 406 nach Christus hatte Aguntum einen Ansturm der Goten zu erdulden. Dies gab den Anlass, am naheliegenden alten „Tempelberg“ in Lavant, heute der „Lavanter Kichbichl“, eine Festung (“Fliehburg”) mit 27.000 qm Grundfläche zu errichten. Im Westen und Osten durch je einen Bach, im Süden durch eine tiefe Schlucht abgetrennt, bot der Kirchbichl natürlichen Schutz und erschien seit je als ein ideal zu verteidigender Ort. Der Zugang zu den Terrassen war immer nur von Norden her durch einen künstlich angelegten Weg möglich.Innerhalb der Festung wurde eine Kirche aus dem 4. Jahrhundert zur neuen Bischofskirche umgebaut. Dieser Bischofssitz scheint für die damalige Zeit sehr große Ausmaße von 40x10m gehabt zu haben. Die Reste der so genannten „Bischofskirche in Lavant“ zeigen im Osten des Altarraumes die halbkreisförmige Priesterbank mit einem Vorsprung im Scheitel der Rundung. Dort findet sich der Unterbau eines erhöhten Thrones, auf dem der Bischof Platz genommen hat. Wie in anderen spätantiken Höhensiedlungen besitzt der Lavanter Kirchbichl noch weitere sehr alte Kirchen. Diese wurden auch im 5. Jahrhundert errichtet und im Frühmittelalter erneuert.

Ältestes Bistum auf Tiroler Boden

Nachweislich hat der Bischof von Aguntum gemeinsam mit den Bischöfen von Teurnia (Spittal) und Virunum (Zollfeld-Klagenfurt) an der Synode von Serdica (Sofia) im Jahr 343 teilgenommen; ebenso an den Bischofssynoden in Grado (572 und 577) sowie weiteren Synoden im Jahr 579 und 591. Damit ist die Existenz des Bischofsitzes Aguntum/Lienz schon für das Jahr 343 nach Christus erwiesen, wohingegen Säben/Brixen erstmals aus Anlass der Bischofssynoden in Grado (572 und 577) als Bischofsitz nachgewiesen werden kann. Die historische Forschung erklärt dies damit, dass der Bischofsitz Säben/Brixen als „Rückzugsbistum“ entstanden ist: Im Zuge des Zusammenbruchs des Römischen Reichs soll sich der Bischof von Augsburg vor den anstürmenden Germanenstämmen im sechsten Jahrhundert in Säben/Brixen in Sicherheit gebracht haben. Der älteste Bischofsitz auf Tiroler Boden befindet sich damit in Osttirol.

Die historischen Bistümer der ehemaligen römischen Provinz Norikum, Teurnia (Spittal), Virunum (Zollfeld-Klagenfurt) und Aguntum gingen im Slawensturm  Anfang des siebenten Jahrhunderts unter. 610 besiegten die Slawen die Bayern in der Schlacht bei Aguntum, sie zerstörten die Stadt und die Verwaltungsstrukturen. Dadurch wurden Kärnten, der Lienzer Talboden und das Iseltal, samt dem Pustertal bis Anras vorübergehend wieder heidnisches Gebiet. Als Karl der Große rund 180 Jahre später die Bischofsitze und Bistumsgrenzen im ganzen Frankenreich neu ordnete, wurde im Drautal kein Bischofsitz mehr eingerichtet. Nördlich der Drau war das Bistum Salzburg zuständig; südlich der Drau das Bistum Aquileia/Friaul. Aguntum ist heute ein so genanntes Titularbistum der katholischen Kirche. Es handelt sich um einen Ehrentitel, der zuletzt im Juni 2005 seinem heutigen Träger, dem polnischen Geistlichen Romuald Kaminski, Weih­bischof in Elk, verliehen wurde. Papst Benedikt XVI. hat Romuald Kaminski zum Titularbischof von Aguntum ernannt. Im Juni 2013 hat Titularbischof Romuald Kaminski die ehemalige Bischofstadt besucht und er hat am Sonntag, 16. Juni 2013, im Freigelände der Ausgrabungsstätte von Aguntum, in „seiner“ ehemaligen Bischofstadt, eine Feldmesse abgehalten.

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Aguntum: Der verlorene Bischof, von Dr. Bernd Oberhofer

Boarischer Rummel. Tirol in Feindeshand

Heerlager des bayrischen Kurfürsten Max Emanuel in Wilten, Sommer 1703, im Hintergrund Stift Wilten und die Basilika Wilten (noch in ihrer Form vor dem Neubau in den Jahren 1751 bis 1756). Fresko in der Stiftskirche Wilten.
Heerlager des bayrischen Kurfürsten Max Emanuel in Wilten, Sommer 1703, im Hintergrund Stift Wilten und die Basilika Wilten (noch in ihrer Form vor dem Neubau in den Jahren 1751 bis 1756). Fresko in der Stiftskirche Wilten.

 

Da Boarische Rummel: Juni 1703. Tirol in Feindeshand

von
Dr. Bernd Oberhofer


Im Sommer des Jahres 1703 hatte Tirol den bis dorthin schwersten feindlichen Angriff seit dem Bestehen der Grafschaft zu erleiden. Es war das dritte Jahr des sogenannten Spanischen Erbfolgekrieges (1701 bis 1714). Österreich kämpfte damals im Bund mit England, Holland und einem Teil der deutschen Fürsten gegen Frankreich, auf dessen Seite insbesondere der Kurfürst Max Emanuel von Bayern stand. Am 14. Juni 1703 brach Kurfürst Max Emanuel an der Spitze von 9.000 bayrischen und 2.500 französischen Soldaten von Rosenheim auf, um Tirol zu besetzen.

Noch am 14. Juni, dem Tag des Abmarsches der bayrischen Armee in Rosenheim, erreichte die Schreckensnachricht den „Geheimen Rat“ des Kaisers in Innsbruck. Bis zum letzten Augenblick hatte niemand glauben wollen, dass der bayrische Kurfürstgegen Tirol vorgehen werde. Umso größer war der Schrecken, als die Nachricht vom Anmarsch des bayrisch-französischen Heeres in Innsbruck eintraf. In Tirol war das Einvernehmen zwischen den gewählten Landständen und dem Geheimen Rat des Kaisers nicht das Beste. Im Geheimen Rat misstraute man dem Volk und seiner Fähigkeit zur Landesverteidigung. Man führte sogar Klage beim Kaiser wegen der vermeintlichen Unzuverlässigkeit des Tiroler-Volkes. Die Aufgebote von Bürgern und Bauern nach den „Defensions- und Zuzugsordnungen“ waren am 19. Mai vom Hofkriegsrath in Wien zwar befohlen worden. Der mit der Verteidigung Tirols beauftragte kaiserliche General Johann Martin Freiherr Gschwind von Pöckstein verzögerte die Durchführung jedoch mit fadenscheiniger Begründung. General Gschwind erwartete sich vom Aufgebot der Gerichte und Gemeinden „mehr Verwirrung als Hülfe“.

„Chaosgeneral Gschwind“ stiftet Schaden

An regulären Truppen waren in Nordtirol zu dieser Zeit nur einige hundert Rekruten. Als am 14. Juni die Gerichte und Gemeinden nach der Defensionsordnung des Landes endlich aufgeboten wurden, erschienen am 17 Juni mehrere tausend Bauern in Innsbruck, um Waffen und Munition zu fassen. Anstatt die aufgebotenen Zuzüge landesweit zu organisieren, eilte General Gschwind noch in der Nacht vom 17. Juni auf den 18. nach Kufstein, wo der erste Angriff der Bayern erwartet wurde. Bereits am 17. Juni hatten die Bayern die Vorposten der Grenzfestung Kufstein erreicht, die noch am Folgetag in ihre Hände fielen. Am Abend des 18. Juni erschienen sie vor den Stadtmauern und der Festung Kufstein. Zeitgleich war General Gschwind in Kufstein eingetroffen. Angesichts des Feindes wusste er nichts Besseres, als das Niederbrennen der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Häuser, Ställe und Hütten zu befehlen, um sich dann Richtung Rattenberg zurück zu ziehen.

Es kam wie es kommen musste: Zu einem Zeitpunkt, als der Feind die ganze Aufmerksamkeit fesselte, war der Befehl zum Niederbrennen der Bauten vor den Stadtmauern ein entsetzlicher Missgriff. Die Bayern, die als Zuschauer warteten, was aus dem Brand werden sollte, staunten nicht schlecht, als die Stadt Kufstein selbst in Flammen aufging. Als der Stadtkommandant Peter von Wolkenstein seine Soldaten in die Festung zurückziehen wollte, war es bereits zu spät! Das Festungstor und die von der Stadt zur Festung führende Brücke standen in hellen Flammen. Die Soldaten und Bürger konnten sich nur mehr durch Flucht aus der Stadt in Sicherheit bringen. Nach Abklingen der Brände erkletterten bayrische Grenadiere den Festungsfelsen und drangen über eine ausgebrannte Fensteröffnung ein. Praktisch widerstandslos fiel die Festung Kufstein noch am Abend des 18. Juni samt reicher Beute an Geschützen, anderen Waffen und großen Vorräten in bayrische Hände. Die stark befestigte Stadt Kufstein und die stärkste Festung des Landes waren innerhalb eines Tages dem Feind zugefallen. Bereits am 20. Juni konnte Kurfürst Max Emanuel aufbrechen, um Stadt und Festung Rattenberg einzunehmen. Rattenberg kapitulierte nach dreitägiger Gegenwehr.

Von keinen Verteidigungstruppen aufgehalten, rückte Kurfürst Max Emanuel mit den bayrisch-französichen Truppen bis Hall vor, wo er noch am 25. Juni mit aller Pracht einzog. Bei der Aufwartung des Magistrates der Stadt verlangte der Kurfürst 60 Stück Rinder für die Verpflegung seiner Armee. Man kann sich den Schrecken der Haller vorstellen, war diese Forderung doch nur für die Bedürfnisse eines Tages gedacht. Am 27. Juni verlegte der Kurfürst sein Hauptquartier von Hall nach Mühlau bei Innsbruck. Es folgte die Besetzung der Brennerpässe, wobei die bayrischen Soldaten bis Sterzing vordrangen. Es wurden Eliteabteilungen von insgesamt 350 Mann Grenadieren, Füsilieren und Dagonern ins Oberinntal zur Besetzung des Passes Finstermünz entsandt sowie 1.500 Mann Reiterei und Fußvolk zur Besetzung der Festung Ehrenberg im Außerfern. Auch zur Festung Scharnitz wurden Soldaten entsandt. Am 2. Juli hielt Kurfürst Max Emanuel seinen feierlichen Einzug in Innsbruck. Das bayrisch-französische Heer lagerte auf den Feldern von der Mühlauer Brücke bis Wilten.

Der Widerstand organisiert sich

In der Landbevölkerung machte der leicht errungene Erfolg des Feindes und das Versagen von General Gschwind einen furchtbaren Eindruck. Man war empört über die Unfähigkeit, glaubte sich verraten und schritt zu Gewalttaten. Bereits am Rückzug von Kufstein nach Rattenberg wurde General Gschwind von Aufgeboten der Bauern beschossen; mehrere seiner Leute wurden dabei getötet. Fluchtwägen der Beamten und Adeligen auf dem Weg durch das Wipptal oder nach Vorarlberg wurden am Brenner, in Telfs, in Flauerling und in Zirl geplündert. Zwei landesfürstliche Beamte, der Pfleger des Gerichtes Stein am Ritten, Georg Plankenstein, und der Oberstwachtmeister der Landmiliz im Burggrafenamt, Vigil von Hohenhauser, wurden von aufgebrachten Bauern des Verrates bezichtigt und erschlagen. Mit dem Tode bedroht, zog sich General Gschwind mit der restlichen Garnison von Rattenberg, dem Rest der Garnison von Kufstein und einer Schar Landmiliz zuerst nach Ambras bei Innsbruck und am 25. Juni nach Matrei am Brenner zurück. Die Bayern und Franzosen setzten bereits am 27. Juni nach und drangen südwärts über den Brenner bis Sterzing vor. General Gschwind, der sich zwischenzeitlich bis Brixen zurückgezogen hatte, hatte verabsäumt die Brücken zerstören lassen, um das Nachrücken des Feindes zu behindern.

Die Nachricht vom Fall der Festungen Kufstein und Rattenberg und vom Eindringen der Bayern und Franzosen im Unterinntal rief gleichzeitig in den Gemeinden südlich des Brenners eine gewaltige Bewegung hervor. In Bozen war ein Ausschuss zur Landesverteidigung zusammengetreten; ein zweiter Verteidigungsausschuss, bestehend aus Vertretern des Adels, des Bürger- und des Bauernstandes hatte sich in Meran gebildet. Nach Aufgebot der Landesdefension in den Gemeinden des Etschlandes, im Burggrafenamt und im Vinschgau sammelten sich tausende Waffenfähige in Bozen und der Adel stellte sich an dessen Spitze. Am 27. Juni brach dieses Heer gegen Brixen auf. Am 1. Juli trafen in Sterzing auch die Aufgebote aus dem Burggrafenamt ein, die über den Jaufen gezogen waren. Es folgen Zuzüge aus dem Pustertal und den umliegenden Bergen. Unterstützt wurden diese durch 200 Mann der regulären Armee und 50 Dragonern, die von den Gschwind´schen Truppen noch übrig in Brixen lagen. Das vereinigte Aufgebot unter der Führung des Franz Adam Wilhelm von Brandis sowie des Andreas Flugi von Aspermont drängte die Bayern in Brixen ab und zwang sie zum Rückzug auf den Brenner. Die Tiroler Scharfschützen bewährten sich trefflich. Mit einer vorzüglichen Waffe versehen, waren sie dem regulären Militär nicht unterlegen und fügten den Bayern und Franzosen große Verluste zu. Die besten unter den Schützen sollen ihre Kugeln auf eine Entfernung von 500 Schritten ins Ziel gebracht haben.

Überraschungsschlag im Oberland

Das Versagen der landesfürstlichen Verteidigungseinrichtungen im Kreis Unterinntal hatte nicht nur an Etsch und Eisack sowie im Pustertal zur autonomen Mobilisierung der Tiroler Wehrverfassung geführt. Im Tiroler Oberland nahmen Johann Linser, Postwirt zu Landeck, und der Pflegverwalter von Laudeck-Ried, Martin Andreas Sterzinger, die Sache des Vaterlandes in die Hand. Am 27. Juni kamen Gschwind´sche Truppen durch Landeck, die sich aus den nördlichen Grenzfestungen Ehrenberg und Scharnitz zurückgezogen hatten. Linser und Sterzinger versuchten diese für einen Kampf an der Seite der Oberländer Aufgebote zu motivieren. Ihre Befehlshaber wollten sich jedoch lieber „rückwärts konzentrieren“. Die Oberländer waren auf sich allein gestellt.

Am 29. Juni 1703 versammelten sich im Postgasthaus des Johann Linser in Landeck, wo auch die bayrischen und französischen Offiziere Quartier genommen hatten, die Vertreter der Gemeinden des oberen Inntals. Unter den Augen der Feinde, aber ohne dass diesen etwas bekannt geworden wäre, wurden die Pläne zu ihrer Vernichtung beraten. Linser und Sterzinger beschlossen, zuerst gegen die Truppen vorzugehen, die zur Besetzung des Passes Finstermünz vorrücken wollten. Diese sollten in die Schluchten von Prutz vorgelassen und dort aufgerieben werden. An der Landecker Brücke sollte der Rückzug versperrt werden. Am 30. Juni besetzte Sterzinger mit den Aufgeboten der Gerichte Laudeck, Pfunds und Naudersberg die Gegend um die Pontlatzer Brücke. Die Brücke wurde abgebrochen.

Obwohl viele Leute in Landeck vom Plan wussten, fand sich niemand, der dem Feind etwas ausgeplaudert hätte. Am 1. Juli setzten die bayrischen und französischen Truppen den Vormarsch inntalaufwärts fort – unbegreiflicherweise alle Aufklärung vernachlässigend. Vom Widerstand der Tiroler am Brenner war man ohne Kenntnis. Der Imster Bürger Christian Seelos hatte unweit Imst den Kurier des Kurfürsten vom Pferd geschossen und die Depeschen dem Magistrat übergeben. Ohne Verdacht zu schöpfen, kamen die bayrisch-französischen Truppen bis in die Nähe der Pontlatzer Brücke. Ein entsetzliches Verderben brach nun über sie herein. Hinter jedem Baum, hinter jedem Stein blitzte das tödliche Feuer der tirolischen Gewehre. Steinlawinen wurden gelöst und donnerten auf die Reihen des Feindes herab. Martin Sterzinger in einem Brief zu den Verlusten der Bayern und Franzosen: „Es war ein Elend, die Straßen mit toten Soldaten und Pferden bedeckt zu sehen.“ Dem bayrisch-französischen Trupp blieb nichts anderes übrig als der Versuch zum Rückzug. Aber dieser war abgeschnitten: Planmäßig hatte sich das Aufgebot des Gerichts Landeck erhoben und die Brücke am Südausgang des Ortes Landeck besetzt. So wurde dem Feind die Flucht inntalabwärts versperrt. Nicht einer von den insgesamt 350 Soldaten vermochte zu entrinnen. Die Gefangenen wurden zuerst ins Schloss Landeck gebracht, dann teils nach Bregenz, teils nach Südtirol abgeführt. Auf Tiroler Seite waren nur ein Toter und wenige Verwundete zu beklagen.

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Boarischer Rummel. Tirol in Feindeshand, von Dr. Bernd Oberhofer

Boarischer Rummel. Widerstand formiert sich

Maximilian II. Emanuel (Ludwig Maria Joseph Kajetan Anton Nikolaus Franz Ignaz Felix, kurz Max Emanuel; * 11. Juli 1662 in München; † 26. Februar 1726 ebenda) war seit 1679 Kurfürst von Bayern. Während des Großen Türkenkrieges machte er sich als Feldherr in kaiserlichen Diensten einen Namen. Die Osmanen nannten ihn wegen seiner blauen Uniformjacke, die weit über die Schlachtfelder zu sehen war, den Blauen König. Sein großer Ehrgeiz veranlassten ihn zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges ein Bündnis mit den Franzosenkönig Ludwig XIV. gegen den Kaiser einzugehen. In französischen Diensten wollte er 1703 Tirol erobern und scheiterte. Nach der Schlacht von Höchstädt von 1704, wo ein alliiertes Heer aus Kaiserlichen unter Befehl von Prinz Eugen von Savoyen sowie der Engländer unter dem Befehl des John Churchill, 1. Duke of Marlborough die Truppen der Franzosen unter dem Befehl von Marschall Tallard und der Bayern unter dem Befehl von Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vernichtend geschlagen hatte, musste er Bayern verlassen. Im Jahr 1706 wurde über ihn sogar die Reichsacht verhängt. Nach dem Ende des Krieges konnte er seine Herrschaft in Bayern wieder antreten.
Maximilian II. Emanuel (Ludwig Maria Joseph Kajetan Anton Nikolaus Franz Ignaz Felix, kurz Max Emanuel; * 11. Juli 1662 in München; † 26. Februar 1726 ebenda) war seit 1679 Kurfürst von Bayern. Während des Großen Türkenkrieges machte er sich als Feldherr in kaiserlichen Diensten einen Namen. Die Osmanen nannten ihn wegen seiner blauen Uniformjacke, die weit über die Schlachtfelder zu sehen war, den Blauen König. Sein großer Ehrgeiz veranlassten ihn zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges ein Bündnis mit den Franzosenkönig Ludwig XIV. gegen den Kaiser einzugehen. In französischen Diensten wollte er 1703 Tirol erobern und scheiterte. Nach der Schlacht von Höchstädt von 1704, wo ein alliiertes Heer aus Kaiserlichen unter Befehl von Prinz Eugen von Savoyen sowie der Engländer unter dem Befehl des John Churchill, 1. Duke of Marlborough die Truppen der Franzosen unter dem Befehl von Marschall Tallard und der Bayern unter dem Befehl von Kurfürst Maximilian II. Emanuel, vernichtend geschlagen hatte, musste er Bayern verlassen. Im Jahr 1706 wurde über ihn sogar die Reichsacht verhängt. Nach dem Ende des Krieges konnte er seine Herrschaft in Bayern wieder antreten.
Da Boarische Rummel. Juli 1703: Widerstand formiert sich

von
Dr. Bernd Oberhofer

Im Mai 1703 war es einem französischen Heer von 30.000 Soldaten gelungen, sich in Bayern mit 20.000 Soldaten des Kurfürsten Max Emanuel zu vereinen. Der Kurfürst wollte dem „Haus Österreich“ Tirol entreißen, um dann gemeinsam mit einer in Norditalien stehenden französischen Armee vorzugehen. In Norditalien kämpften die Franzosen gegen Feldmarschall Prinz Eugen von Savoyen. Seine Armee sollte vernichtet werden. In einer „Zangenbewegung“ entlang der Donau im Norden und über das Pustertal im Süden, wollte Kurfürsten Max Emanuel den Krieg dann ins übrige Österreich tragen. Der ehrgeizige Kurfürst wollte beim Kaiser für Bayern die Königskrone erzwingen.

Am 17. Juni 1703 erschien Kurfürsten Max Emanuel mit rund 11.500 Soldaten an den vordersten Verteidigungswerken der Festung Kufstein. IN kürzester Zeit eroberte er den Großteil Nordtirols. Der prächtige Einzug der im Kampf gegen die Türken erprobten bayrischen Soldaten – zuerst in Hall und dann in Innsbruck – machte mächtigen Eindruck. So manche Aufschriften der bayrischen Standarten und Fahnen fand Eingang in die Tiroler Geschichtsbücher: Zum Bild des Bären, zum Kampf aufgerichtet, die Leitsprüche: „in vulnere crudelior“ (erst verwundet, werde ich richtig zornig!) und „nec sanguine satior“ (mein Blutdurst ist unersättlich!). Der Kurfürst gedachte versöhnlich und schonend mit dem eroberten Land umzugehen. Die Bedürfnisse seiner Armee und seine chronisch leeren Geldkassen erforderten jedoch hohe Naturalleistungen und Geldkontributionen. Während sich die Nordtiroler Beamtenschaft zumeist in die Maßnahmen des neuen Herrn fügte, kam es in der Bevölkerung alsbald zu Unruhen. Diese erfuhren dadurch besondere Nahrung, als die „oberen Gerichte“ und alle Kreise südlich des Brenner nicht unter bayrische Kontrolle gebracht werden konnten.

Dem bayrischen Bären wird der Pelz gewaschen

Bereits am 27. Juni hatten reitende Kammerboten mit den in Innsbruck ausgefertigten bayrischen Kontributionsforderungen Bozen erreicht. Das Erstaunen über die unverschämten Forderungen des Kurfürsten war nicht größer, als der darüber entbrannte Ärger. Die Kammerboten wurden kurzerhand verhaftet und die bereits in Bozen versammelten Aufgebote aus dem Etschland samt dem Aufgebot der Stadt Bozen brachen noch am gleichen Tag nach Brixen auf. Dort vereinigten sich diese mit den Aufgeboten aus dem Burggrafenamt, dem Eisackviertel und dem Pustertal. Am Brenner errichtete man Verteidigungsschanzen; Scheiben- und Scharfschützen besetzten die Talseiten. Den Bayern, die sich am Brenner den andrängenden Südtirolern in den Weg stellten, wurden hohe Verluste zugefügt.

Um sein eigentliches Kriegsziel, nämlich die Vereinigung mit der Französischen Armee in Oberitalien zu erreichen, musste Kurfürst Max Emanuel denTiroler Widerstand am Brenner brechen. Die Wagen mit Verwundeten, die vom Brenner her in Innsbruck eintrafen und die fehlende Kunde vom Verbleib des Expeditionskorps, das zur Besetzung des Passes Finstermünz ausgesandt, jedoch am 1. Juli zwischen Potlatz und Landeck aufgerieben oder gefangen genommen war, ließen nichts Gutes vermuten. Am vierten Juli trafen in Innsbruck 4.000 Mann weiterer bayrischer Truppen zur Verstärkung ein, die über Scharnitz und Seefeld eingerückt waren. Diese wurden sogleich in das Wipptal abkommandiert. Aber am Brenner fand der Vormarsch des Feindes sein Ziel. Hier wollte nichts mehr gelingen. Täglich sah man vom Brenner Verwundete nach Innsbruck zurückkehren. Am 7. Juli inspizierte der Kurfürst persönlich im Wipptal seine Truppen. Am 11. Juli trafen weitere 3.000 Mann französische Truppen in Innsbruck ein, von denen ein Teil gleich zum Brenner geschickt wurde. In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli wurden auch noch 2.000 Dragoner dorthin entsandt.

Was die Dragoner gegen die aus gedeckter Stellung operierenden Landesverteidiger ausrichten sollte, wurde zu spät überlegt. Mit ihren prächtigen Uniformen und hoch zu Ross bildeten diese in den Engen des Wipptals die bevorzugten Ziele für die Schießkünste der Tiroler Scharf- und Scheibenschützen. Noch am Abend des Folgetages brachten die Rückfuhren eine solche Menge Verwundete aus dem Tal heraus, dass die Versorgungsstellen in Innsbruck und Hall diese nicht mehr aufnehmen konnten. Die Unglücklichen mussten auf dem Inn nach Bayern verschifft werden. Die hohen Verluste erzeugten besonders bei den Franzosen Unmut über die gewählte Strategie. Die Tiroler, bei aller Erbitterung gegen die Bayern, lenkten ihre scharfzielenden Kugelbüchsen doch vorzüglich gegen die französischen Fremdlinge, weshalb diese weit höhere Verluste zählten, als die Bayern. Alleine bis zum 12. Juli beklagten die Franzosen über 3.000 Tote oder Verwundete.

Indes hatte der Kurfürst eingesehen, dass die Reiterei gegen die Tiroler am Brenner nichts ausrichten könne und man beschloss, diese nach Bayern zurück zu ziehen, sobald weitere viertausend Mann Infantrie zur Verstärkung eingelangt wären. Da häuften sich Mitte Juli die Streitkräfte der Landesverteidiger am Brenner und diese begangen so gewaltigen Druck auszuüben, dass sie die Bayern und Franzosen aus ihren Stellungen vertreiben und diese bis Stafflach, einem Ortsteil von Steinach, zurück werfen konnten. Kurfürst Max Emanuel entschloss sich daraufhin, an der Spitze des Groß der noch zwischen Innsbruck und Hall stehenden Truppen persönlich den Durchbruch am Brenner anzuführen. Am 19. und 20. Juli brach er mit weiteren rund 3.500 Soldaten ins Wipptal auf. Ein Generalangriff war für die Nacht vom 21. auf den 22. vorgesehen. Da ereilte Max Emanuel die Kunde vom Aufstand im Unterinntal.

Plan zum allgemeinen Aufstand

Im Süden der Grafschaft besaß der „Landeshauptmann an der Etsch“ Vertretungsfunktion für den Landesfürsten und Leitungsfunktion für die Landesverteidigung. Landeshauptmann war in diesen Tagen Sebastian Johann Georg Graf von Künigl. Noch am 27. Juni hatte er sich zur Beratung zu seinem Bruder, Kaspar Ignaz Graf von Künigl, Fürstbischof von Brixen, begeben. Weiters trafen dort zur Beratung von Verteidigungsmaßnehmen ein: der Bruder der beiden, Bernhard Graf von Künigl, Graf Christoph Franz von Wolkenstein, Graf Paris von Lodron, Paul Andreas Freiherr von Troyer und andere. In Bozen hatte sich ein zweiter derartiger Ausschuss unter dem Vorsitz des Landeshauptmannschafts-Verwalters Graf Dominik von Wolkenstein gebildet und dieser Ausschuss unterhielt noch eine Filiale in Meran. Der Kaiser bestätigte mit Verfügung vom 30. Juni 1703 diese neuen Befehlsstrukturen und er verlieh dem Ausschuss in Brixen den Titel eines „Interimsdirektoriums“. Dieses wurde von jedem Gehorsam gegenüber den in bayrischer Hand befindlichen Regierungsstellen in Innsbruck entbunden. Der Landeshauptmann wurde als neuer Träger der landesfürstlichen Befehls- und Zwangsgewalt für alle Bereiche der Landesverwaltung installiert. Im Verein mit dem Fürstbischof von Brixen, den Etsch-, Eisack- und Pustertalervierteln sowie allen nicht unterjochten Ständen und Untertanen, sollten durch alle geeigneten Maßnahmen das Vordringen des Feindes verhindert, die Zugänge nach Italien gesperrt und die freie Verbindung über das Pustertal gerettet werden. Vergleichbare Aufforderungen versandte der Kaiser an die Fürstbischöfe von Trient und Brixen sowie an die treu gebliebenen Stände und Viertel. Damit wurde Brixen zum Zentrum des Widerstandes, von wo aus die Vernichtung der Angreifer geplant wurde.

Die Installierung einer neuen Landesführung durch den Kaiser sowie seine Sendschreiben an die diversen Gerichte auch im Inntal, blieben nicht ohne Wirkung. Einzelne wie der Bauer Christian Koidl von Jochberg, hatten im Unterland bereits Vorarbeit geleistet. Er zog von einem Gericht zum anderen, um seine Nachbarn zur Treue an das Fürstenhaus und zum Widerstand aufzurufen. Als Ausschussmann begab er sich über das Ziller- und Ahrntal nach Brixen zum Landeshauptmann, um Instruktionen zu erbitten. Gleiches geschah von Seiten anderer Gerichtsausschüsse. Das Interimsdirektorium fasste folgenden Plan: Am Brenner sollte durch einen heftigen Angriff der Zuzug möglichst großer Kräfte des Feindes und ein persönliches Einschreiten des Kurfürsten motiviert werden. Sobald der Kurfürst zum Brenner abmarschiere, sollte sich das Inntal erheben, dem Feind die festen Stellungen wegnehmen und den Rückzug aus dem Wipptal versperren.

Die glänzenden Erfolge der eigenen Leute im Oberinntal und jenseits des Brenners erzeugten überall die Begierde zum Aufstand. In aller Stille organisierten Männer wie der bereits erwähnte Bauer Johann Koidl von Jochberg oder der Bierbrauer Jakob Bartl von Schwaz, im Inntal die Vorbereitungen für den Gegenschlag. Am Brenner tat man gleichzeitig das Äußerste, um die Aufmerksamkeit des Kurfürsten dorthin zu lenken. Um den 15. Juli begann man die Mannschaften massiv zu verstärken und einen Großangriff vorzubereiten, der am 17. Juli erfolgte. 500 Knappen von den Bergwerken Gossensaß und Schneeberg hatte unter der Leitung des Anton Wenzl teils durch Schanzen, teils durch Sprengen der Straßen, den Schützen ein kaum angreifbares Lager verschafft. Der Lehnerwirt am Brenner leistete durch Ortskunde und unermüdliches Schaffen seinen Leuten den Vorteil, alle denkbaren Wege auszunützen und diese für feindliche Boten und Spione zu versperren. Die Pustertaler Aufgebote unter ihren Anführern Freiherr Franz Anton von Winkelhofen, des Pflegers zu Heimfels Jakob Christoph von Troyer, des Pflegers zu Rasen Johann Leis sowie des Gerichtsschreibers zu Anras Anton Mayr, taten sich durch besondere Tapferkeit hervor.

Entscheidend war, den Feind nicht nur von vorn, sondern auch von den Seiten anzugreifen. Unter der Führung des Baron Andreas Flugi von Aspermont überstieg eine große Schar Scharf- und Scheibenschützen die sog. Geigen links und rechts des Überganges am Brenner; so kamen diese auf die Höhen von Stafflach hinunter. Am 17. Juli wurden die von der Brennerkirche bis hinunter nach Steinach der Straße entlang aufgestellten bayrisch-französischen Truppen den ganzen Tag unter Feuer genommen und schließlich vom Brenner bis Luegg hinabgedrängt. Alleine am 17. Juni verlor der Feind 700 seiner Soldaten. Den Ruf als die besten Schützen erwarben sich die Sarner. Der erste unter den Sarner Schützen hatte alleine dem Feind an diesen Tagen 52 Soldaten weggeschossen.

Das Inntal erhebt sich zum Gegenschlag

Der Aufbruch des Kurfürsten zum Brenner gab die Losung zum allgemeinen Aufstand. Sogleich erhoben sich die Knappen und Bauern in der Gegend von Schwaz und im Gericht Rettenberg. Ihnen schlossen sich 1.000 Zillertaler an sowie die Leute der Herrschaft Rottenburg. Die Festung Rattenberg und das Schloss Kropfsberg wurden überrumpelt und die Besatzungen samt den Kommandanten gefangen genommen. Daraufhin sammelten sich diese Truppen an der Volderer Brücke. Sie erhielten Verstärkung durch 4.000 Mann aus den Gerichten Rotholz, Schwaz, Rattenberg und Thaur. Die im Wiltener Lager verbliebenen Bayern und Franzosen versuchten vergeblich, den Angriff auf Hall als „Residenz der Besatzungsmächte“ zu verhindern. Ihr Widerstand wurde überwunden. Viele Franzosen und Bayern in der Stadt wurden teils entwaffnet und gefangen genommen, teils erschossen oder erschlagen. Die Verluste der Bayern beliefen sich auf rund 100 Man insgesamt. Die Leichen warf man teils in die aufgelassene Zisterne des Haller Zeughauses im Agrarsturm; als darin später ein Gasthaus eröffnet wurde, nannte man es „Geisterhaus“. Nach der Befreiung von Hall zogen 2.000 gut bewaffnete Bauern gegen Innsbruck und nahmen bei Mühlau Stellung ein. Damit hatte am 21. Juli das mittlere Unterinntal seine Freiheit erlangt.

Während all das im Unterinntal geschah, rüstete Kurfürst Max Emanuel zum Generalangriff auf die Stellungen der Tiroler am Brenner. Da trafen am Abend des 21. Juli die Nachrichten aus dem Inntal ein. Ein Kurier nach dem anderen kam mit Hiobsbotschafen daher gesprengt: Soldaten als Bauern verkleidet hätten die Vorhut in Zirl überrumpelt und erschlagen, die Besatzung aus Scharnitz vertrieben und diejenigen von Hall samt dem General Graf de Verita in Stücke gehauen. Der Aufstand weite sich von Stunde zu Stunde aus; man trachte danach, dem Kurfürsten von allen Seiten den Ausgang aus Tirol zu sperren. Max Emanuel musste zähneknirschend der Gefahr ins Auge sehen, die sich über seiner Armee zusammen braute. Er wollte ihr ein Schicksal ersparen wie dem Expeditionskorps zwischen Pontlatz und Landeck widerfahren. Unverzüglich sandte der seine Dragoner voraus Richtung Innsbruck, um Schönberg zu besetzen und die Ausgänge in das Inntal zu sichern. Am Brenner beließ er Sicherungstruppen und gab den Befehl zum Rückzug Richtung Innsbruck, wo er am Abend des 22. Juli eintraf. Ursprünglich stand sein Sinn danach, eine Strafexpedition gegen Hall zu führen und die Stadt als abschreckendes Beispiel in Schutt und Asche zu legen. Die von allen Seiten anrückenden Aufgebote überzeugten ihn eines Besseren: Als ersten Schritt zur Rückeroberung Tirols beschloss er, die bei der Martinswand eingerichtete Schanze zu erobern und den Verbindungsweg nach Bayern über Scharnitz frei zu kämpfen.

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Boarischer Rummel. Widerstand formiert sich, von Dr. Bernd Oberhofer

Boarischer Rummel. Tirol erkämpft seine Freiheit

Sebastian Johann Georg Graf von Künigl zu Ehrenburg (* 20. Januar 1663; † 29. November 1739) war von 1695 bis 1739 Landeshauptmann, 1732 bis 1739 auch kaiserlicher Gouverneur (Gubernator) von Tirol. Er war der Sohn des Tiroler Landeshauptmannes Johann Georg von Künigl (1628–1697) und dessen Frau Maria Anna geb. Vizthum von Eckstädt. Die Familie derer von Künigl zählte zum Tiroler Uradel; zur Zeit seiner Geburt waren es Freiherrn, ab 1713 jedoch Grafen. Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern war im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges, im Juni 1703, mit Unterstützung des französischen Königs Ludwig XIV., in Tirol eingefallen. Es kam zu Kampfhandlungen zwischen den bayerischen Truppen und der Tiroler Landwehr, die unter dem verharmlosenden Namen Bayrischer Rummel in die Geschichte eingingen. Landeshauptmann Graf von Künigl hat im Auftrag von Kaiser Leopold I. 1703 die Führung des Tiroler Widerstandes übernommen. Sebastian Johann Georg von Künigl war vermählt mit Gabriele Gräfin von Mauleon-de Tassigny. Sie residierten in Innsbruck, im „Neuen Hof". Kaspar Ignaz von Künigl (1671–1747), der jüngere Bruder des Landeshauptmannes, regierte als Fürstbischof von Brixen.
Sebastian Johann Georg Graf von Künigl zu Ehrenburg (* 20. Januar 1663; † 29. November 1739) war von 1695 bis 1739 Landeshauptmann, 1732 bis 1739 auch kaiserlicher Gouverneur (Gubernator) von Tirol. Er war der Sohn des Tiroler Landeshauptmannes Johann Georg von Künigl (1628–1697) und dessen Frau Maria Anna geb. Vizthum von Eckstädt. Die Familie derer von Künigl zählte zum Tiroler Uradel; zur Zeit seiner Geburt waren es Freiherrn, ab 1713 jedoch Grafen. Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern war im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges, im Juni 1703, mit Unterstützung des französischen Königs Ludwig XIV., in Tirol eingefallen. Es kam zu Kampfhandlungen zwischen den bayerischen Truppen und der Tiroler Landwehr, die unter dem verharmlosenden Namen Bayrischer Rummel in die Geschichte eingingen. Landeshauptmann Graf von Künigl hat im Auftrag von Kaiser Leopold I. 1703 die Führung des Tiroler Widerstandes übernommen. Sebastian Johann Georg von Künigl war vermählt mit Gabriele Gräfin von Mauleon-de Tassigny. Sie residierten in Innsbruck, im „Neuen Hof“. Kaspar Ignaz von Künigl (1671–1747), der jüngere Bruder des Landeshauptmannes, regierte als Fürstbischof von Brixen.

 

Da Boarische Rummel.  August 1703: Tirol kämpft sich frei

von
Dr. Bernd Oberhofer

Unmittelbar nachdem Kurfürst Max Emanuel von Bayern am 19. und 20. Juli zum Brenner aufgebrochen war, schlugen die Nordtiroler los. Max Emanuel hatte sich schon als 21jähriger im Großen Türkenkrieg 1683 den Ruf eines herausragenden Feldherrn erworben. Nach der Erstürmung Belgrads im Jahr 1688 wurde er als „Türkenbezwinger“ in ganz Europa bekannt. Der Kaiser ernannte ihn zum Generalissimus und der Kaiser verlieh Max Emanuel den Orden eines Ritters vom Goldenen Vlies. Max Emanuel von Bayern war ein Kriegsheld. Das Schicksal hatte diesen Mann zum Feind der Tiroler erkoren.

Am 21. Juli im Feldlager am Brenner erreichte Max Emanuel die Nachricht vom Aufstand im Inntal. Er brach sofort den Angriff am Brenner ab und eilte ins Inntal zurück, wo er am Abend des 22. Juli den Großteil seiner Stellungen aufgehoben fand. Nur Innsbruck und die Festungen Kufstein und Ehrenberg waren noch in seiner Hand. In Mühlau standen 2000 gutbewaffnete Bauern, um den Bayern den Zugang Richtung Hall zu versperren. Westlich von Innsbruck hatten die Tiroler, unterstützt durch rund 550 Mann kaiserlichem Militär unter Oberstwachtmeister Johann Franz Freiherr von Heindl, die von Brixen über Finstermünz ins Oberinntal entsandt worden waren, Verteidigungsanlagen errichtet: auf der Nordseite des Inns bei der Martinswand und im Süden am Fuße der Schwarz Kreuz Kapelle in Völs. Das Gelände ließ dort nur schmale Durchgänge zwischen Inn und der steil aufragenden Bergseite. Max Emanuel teilte seine Truppen. Persönlich war er am Angriff auf die Völser Schanze beteiligt. Die dort einliegenden Schützen aus den Gemeinden südlich von Innsbruck, Axams, Oberperfuß, Oberhofen und Inzing wurden nach einem zweistündigen Gefecht aus der Schanze vertrieben.

Die Verteidigungsschanzen fallen

Um damals südlich des Inn Richtung Westen zu gelangen, musste der Kurfürst den so genannten „reißenden Ranggen“ passieren. Der beinahe senkrecht in den Inn abstürzende Murbruch erlaubte nur an seinem Fuß einen schmalen Durchgang. Am 23. Juli 1703 hatte sich dort der kaiserliche Revierförster Anton Lechleitner verschanzt, bekannt als der „Jäger von Martinsbühel“. Der tapfere Mann wollte im Alleingang den Kurfürsten erschießen. Max Emanuel, zufällig in einen gemeinen Reitermantel gehüllt, passierte die Stelle hinter seinem Kammerherrn Graf Ferdinand von Arco, der durch sein glänzend gesticktes Wams Lechleitner täuschte. Lechleitner schoss statt dem Kurfürsten dem Grafen von Arco die tödliche Kugel in die Brust.

Obwohl ihm sein Kammerherr weggeschossen wurde, rückte Max Emanuel weiter vor. Die Eroberung der Völser Schanze gab die Chance, die Verteidiger bei der Martinswand im Rücken zu fassen. Max Emanuel befahl den Dragonern den Inn zu durchschwimmen. Gleichzeitig brachte er auf Völser Boden die Artillerie in Stellung. Von Osten durch bayerisch-französische Infanterie, vom Westen von den bayerischen Dragonern angegriffen und von Völs aus unter Artilleriebeschuss genommen, mussten die Tiroler und die Kaiserlichen an der Martinswand weichen. Der Großteil der Verteidiger konnte über die Martinswand entkommen, um sich in Telfs wieder zu sammeln. Damit das Pulver und das Blei, das in der Festung Fragenstein/Zirlgelagert war, nicht den Bayern in die Hände falle, wurden die Vorräte in der Festung gesprengt. Max Emanuel hat für den Durchbruch hohen Blutzoll geleistet: Die bayerisch-französische Seite verlor am „Schwarzen Kreuz“ und am Fuße der Martinswand an diesem 23. Juli 1703 circa 800 bis 900 Mann; die Tiroler Seite hingegen beklagte circa 80 kaiserliche Soldaten und circa 50 Schützen.

Bluttag und Schwerttag in Tirol

Nach der Eroberung der beiden Schanzen am 23. Juli 1703 stand dem Feind das Oberinntal bis vor Telfs ungeschützt offen. Die Bayern und Franzosen verwandelten jetzt die Dörfer Zirl, Kematen, Afling, Unterperfuss und Völs in Schutt und Asche. Alleine in Zirl fielen 184 Häuser den Flammen zum Opfer. In Völs sollen mit den Anwesen 100 Stück Vieh in den Ställen verbrannt sein. Die Bewohner dieser Dörfer hatten extreme Grausamkeiten zu erdulden. Dasselbe Schicksal bescherten die Richtung Scharnitz vorrückenden Feindtruppen den Bewohnern von Leiten, Reit und Seefeld. Max Emanuel zog hingegen mit dem Gros seiner Armee nach Innsbruck zurück, wo er am nächsten Tag, dem 24. Juli, sogleich wieder zur Blutarbeit schreiten musste: Die bei Mühlau aufgestellten Unterinntaler Bauern hatten in seiner Abwesenheit das bayerisch-französische Lager bei Wilten angegriffen. Max Emanuel eilte mit Geschütz und Reiterei in den Saggen, einen Teil seiner Dragoner schickte er über die Weiherburg den Bauern in den Rücken. Die Bauernaufgebote wurden so zum Rückzug genötigt.

Tags darauf nahm Max Emanuel wohl zur Kenntnis, dass die in Waffen stehenden Tiroler sich nicht mehr unterwerfen würden. Die Aufgebote, wenn sie auch an einem Punkte weichen, würden sich nur hinter seinem Rücken wieder sammeln, um zurückzuschlagen. Zusätzlich war am Brenner eine Wendung eingetreten. Die dort lagernden Tiroler hatten die lange versprochene Militärhilfe vom Kaiser erhalten. Am 23. Juli waren mehrere tausend Mann befehligt von General Laurenz Viktor Graf von Solari, in Brixen eingetroffen. Schon am 22. Juli war die Vorhut von rund 1000 Mann in Brixen erschienen. Die Kaiserlichen unter General Solari und General Wenzel Hroznata Graf von Guttenstein griffen noch am 25. Juli am Brenner gemeinsam den Tirolern an. Max Emanuel verlegte in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli sein Lager von den Wiltener Feldern nach Hötting; gleichzeitig zogen sich seine Truppen vom Brenner bis Matrei zurück. Die Bauern von Steinach eroberten dabei die Feldkapelle Max Emanuels und erschlugen den Großteil der 50 Dragoner, die zu deren Bedeckung abgestellt waren. Am 26. Juli stießen die aus dem Wipptal zurückgezogenen bayerischen Truppen zur Hauptmacht in Hötting. Noch in der Nacht vom 26. auf 27. Juli zog Kurfürst Max Emanuel mit all seinen Männern, der Feldartillerie und dem Tross Richtung Scharnitz und Mittewald ab. General Solari wandte sich nun mit dem Großteil des kaiserlichen Militärs Richtung Süden, von wo Nachricht einer Bedrohung des italienischsprachigen Landesteils gekommen war. General Ludwig von Vendôme von der französischen Armee in Norditalien, war Mitte Juli mit 20.000 Mann aufgebrochen, um Tirol im Süden anzugreifen. General Guttenstein hingegen marschierte mit 1.500 Mann Kaiserlichen und großen Südtirolischen Schützenscharen unter ihren Anführern Josef Anton von Cazan zu Griesfeld, Ignaz Anton von Troyer, Franz Adam Wilhelm von Brandis, nach Innsbruck, wo am 27. Juli Einzug gehalten wurde.

Max Emanuel auf dem Seefeld

Im allgemeinen Jubel vergaß General Guttenstein die Verfolgung des Feindes. Am nächsten Tag, den 28. Juli, wurde Oberst Wetzel mit einer kleinen Streitmacht von 500 Mann Fußvolk und 50 Reitern den Bayern nach gesandt. Das übrige Militär verzettelte Guttenstein durch die Besetzung von Hall und Rattenberg. Die Schützen aus dem Etschland entließ er am 30. Juli nach dem Süden, wohin General Solari vorausgeeilt war. Max Emanuel war bei seinem Abzug Richtung Scharnitz jedoch nur langsam vorgerückt; der kleine Trupp von Kaiserlichen erreichte ihn bald. Als der Kurfürst von der Schwäche der Verfolgungstruppe und vom Abzug der Etschländer Schützen erfuhr, änderte er seine Strategie. Der bayerische General Johann Wilhelm Freiherr von Lützelburg warf sich am 30. Juli mit 4.000 Mann auf das kleine Häuflein der österreichischen Verfolger, das auseinandergesprengt wurde. Die bayerische-französische Armee lagerte sich nun bei Seefeld und machte von dort aus Streifzüge ins Inntal. Der Kurfürst schöpfte wieder Hoffnung auf eine Vereinigung mit den Franzosen in Oberitalien.

In Innsbruck verfiel man ob dieser Wendung von Freudentaumel in größte Bestürzung. Die Anführer der Aufgebote und General Guttenstein gerieten aneinander. Gutenstein wurden bittere Vorhaltungen gemacht. Seine Befehle wurden missachtet. Der General hatte keine bessere Idee, als das reguläre Militär hinter dem Brenner in Sicherheit zu bringen und den Bürgern von Innsbruck und Hall Verhandlungen mit dem Kurfürsten zu empfehlen. Anstatt sich um Verteidigungsmaßnahmen zu kümmern, eilte Guttenstein am 4. August persönlichzu „Konsultationen“ nach Sterzing, wo bereits am 1. August General Hannibal Joseph Sigbert Graf von Heister über Kärnten und das Pustertal mit einer weiteren bedeutenden kaiserlichen Streitmacht eingetroffen war. General Heister und seine Armee sollten die nach Süden abgerückten kaiserlichen Truppen unter General Solari ersetzen.

Die Vertreibung des Kurfürsten

Nach dem „Rückzug“ Guttensteins nahmen die Innsbrucker und Haller Bürger ihre Verteidigung selbst in die Hand. Die Bürgeraufgebote koordinierten sich mit den Bauernaufgeboten. Die Oberinntaler besetzten alle wichtigen Punkte des südlichen Innufers von Pfaffenhofen bis Innsbruck. Alle Innbrücken wurden abgeworfen. Die Innsbrucker und die Haller übernahmen den Wiederaufbau der Schanzanlagen bei der Martinswand. Von Innsbruck und Hall wurde Artillerie zur Martinswand geschleppt. Sterzinger und Pustertaler Schützen unterstützten die Verteidigung der Schanze gemeinsam mit den Bauern der Gerichte Sonnenburg, Axams und Hörtenberg. Einem Vorstoß der Bayern auf Innsbruck wurde so wirksam vorgebeugt. Alleine die Streifzüge der Bayern und Franzosen im Raum nördlich des Inns zwischen Telfs und der Martinswand konnte man nicht verhindern. Auch Seefeld, Leutasch und Mösern waren der bayerischen Brand- und Mordlust ausgeliefert.

In der zweiten Augustwoche hatte sich die Situation der Verteidiger um Innsbruck gefestigt. Man dachte jetzt an einen Angriff auf Max Emanuells Heer auf dem Seefeld. Alle Augen richteten sich auf die kaiserlichen Soldaten, die zahlreich um Sterzing aufgestellt waren. Die Untätigkeit der kaiserlichen Generäle Heister und Guttenberg erregte den Zorn der Landesverteidiger. Als die Südtiroler erkannten, dass die beste Abhilfe gegen den Angriff aus dem Süden die Vertreibung des Kurfürsten im Norden wäre und aus Wien klare Befehle eintrafen, besann sich General Heister seiner Pflicht: Am 15. August wurde zu Brixen mit dem Landeshauptmann Graf von Künigl der Angriff auf die Bayern beschlossen. Für den 21. August wurden alle Scharf- und Scheibenschützen der Viertel Ober- und Unterinntal, des Eisack- und Pustertals, des Burggrafenamtes und des Vinschgaues nach Innsbruck aufgeboten.

20.000 Mann hatten sich am 21. August in Innsbruck versammelt. Mit dieser Macht brach General Heister am 24. nach Seefeld auf. Der Kurfürst war jedoch in Kenntnis von der Größe der zusammen gezogenen Streitmacht. Noch am 21. August zog er gegen Mittenwald und weiter Richtung München ab. Der Feind verließ nach zweimonatlichem Aufenthalt den nördlichen Landesteil. In den Tiroler Bergen hatte er schätzungsweise bis 5.000 Mann eingebüßt. Die Kaiserlichen und die Tiroler brachen nun an drei Orten, nämlich bei Scharnitz, im Achental und bei Kufstein in das bayrische Gebiet. Am 27. August erstürmten die Tiroler die Verteidigungs-Schanze zwischen Partenkirchen und Forchet; die bayrische Landmiliz wurde geschlagen. Streifpartien der Kaiserlichen drangen bis fünf Stunden vor München. Die Tiroler machten reiche Beute; etliche bayerische Dörfer gingen in Rauch und Flammen auf. Den unglücklichen Bewohnern wurde erklärt, die Grausamkeit hätten die Tiroler von den Bayern gelernt.

Den Kürfürsten ereilt das Schicksal

Bei der glücklichen Rückkehr am 29. August wurden beiläufig 8.000 Stück Rindvieh, 136 Pferde aus dem kurfürstlichen Gestüt zu Schwaiganger, große Geldmittel und kostbare Mobilien mitgeschleppt. General Guttenstein blieb mit 1.000 Mann Kriegsvolk und starker Artillerie in Scharnitz und auf dem Seefeld zur Sicherung gegen die Bayern. Indes dem Kurfürst war die Lust auf Tirol abhanden gekommen. Am 11. September brach auch der französische General von Vendôme den Angriff im Süden ab. Die Franzosen waren bis vor die Stadt Trient vorgerückt, die am 6. September unter schweren Beschuss genommen wurde. Beim Rückzug raubten die französischen Truppen alle am Weg liegenden Dörfer aus und brannten sie nieder. Verfolgt von den Aufgeboten der Schützen aus dem Eschkreis und Trient sowie den Kaiserlichen unter Solari und Heister verschwanden die Franzosen Mitte Oktober 1703 aus dem italienischen Teil Tirols.

Wie die meisten Täternaturen ereilte auch den Kurfürsten Max Emanuel sein Schicksal: In der Schlacht bei Höchstädt am 13. August 1704 standen einander gegenüber eine vereinigte kaiserlich-englische Armee unter Prinz Eugen von Savoyen sowieJohn Churchill, 1. Duke of Marlborough und eine vereinigte bayerisch-französische Armee unter der Führung von Max Emanuel sowie Camille d’Hostun de la Baume Herzog von Tallard („Marschall Tallard“), insgesamt 100.000 Mann. Prinz Eugen und der Herzog von Marlborough erfochten einen glänzenden Sieg. Prinz Eugen „residierte“ im Winter 1704/1705 in München. Max Emanuel floh, um sich dem Strafgericht des Kaisers zu entziehen – zuerst nach Belgien, später nach Frankreich. Erst nach der Kapitulation Bayerns im Jahr 1704 räumten die bayerischen Truppen auch die Festung Kufstein. Mit Waffengewalt war die Rückeroberung nicht gelungen.

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Boarischer Rummel. Tirol erkämpft seine Freiheit, von Dr. Bernd Oberhofer

Margarethe Maultasch von Tirol. Skandal-Lady des 14. Jahrhunderts

Margarethe von Tirol, „Schutzpatronin der Frauenemanzipation“ (* 1318 in Tirol; † 3. Oktober 1369 in Wien), war die Tochter von Heinrich Herzog von Kärnten und Graf von Tirol und Görz, aus dessen Ehe mit Adelheid von Braunschweig. Gegen alle Konvention der damaligen Zeit hatte sich die 23jährige vom böhmischen Königssohn Johann Heinrich befreit, den man ihr 12jährig als Ehegatten aufgezwungen hatte. Entgegen dem päpstlichen Verbot akzeptierte sie die Annullierung ihrer Ehe mit Johann Heinrich von Böhmen durch Kaiser Ludwig und die Wiederverheiratung durch diesen als „oberstem Standesbeamten“ des Deutschen Reiches. Die päpstlichen Bannflüche aus Avignon konnten ihre Herrschaft in Tirol nicht ins Wanken bringen. Erst nach 17 Jahren gab der päpstliche Stuhl dem Druck ihrer Fürsprecher aus dem Hause Habsburg nach und der Papst legitimierte und Margarethes Ehe mit Ludwig von Brandenburg, dem Sohn von Kaiser Ludwig. Unter einem wurde ihr gemeinsamer Sohn Meinhard III. legitimiert, sodass dieser die Habsburgertochter Margarethe von Österreich heiraten konnte. Margarethe von Tirol setzte im dunklen Spätmittelalter erfolgreich ein Beispiel des Frauenerbrechts sowie des Rechts auf staatliche Ehescheidung. Die Männerwelt „dankte“ es ihr mit übler Nachrede betreffend ihres Aussehens und der Unterstellung, dass sie ihren zweiten Gatten Ludwig von Brandenburg und ihren Sohn Meinhard III. Graf von Tirol und Herzog von Bayern, durch Giftanschläge beseitigt hätte.
Margarethe Maultasch von Tirol, „Schutzpatronin der Frauenemanzipation“ (* 1318 in Tirol; † 3. Oktober 1369 in Wien), war die Tochter von Heinrich Herzog von Kärnten und Graf von Tirol und Görz, aus dessen Ehe mit Adelheid von Braunschweig. Gegen alle Konvention der damaligen Zeit hatte sich die 23jährige vom böhmischen Königssohn Johann Heinrich befreit, den man ihr 12jährig als Ehegatten aufgezwungen hatte. Entgegen dem päpstlichen Verbot akzeptierte sie die Annullierung ihrer Ehe mit Johann Heinrich von Böhmen durch Kaiser Ludwig und die Wiederverheiratung durch diesen als „oberstem Standesbeamten“ des Deutschen Reiches. Die päpstlichen Bannflüche aus Avignon konnten ihre Herrschaft in Tirol nicht ins Wanken bringen. Erst nach 17 Jahren gab der päpstliche Stuhl dem Druck ihrer Fürsprecher aus dem Hause Habsburg nach und der Papst legitimierte und Margarethes Ehe mit Ludwig von Brandenburg, dem Sohn von Kaiser Ludwig. Unter einem wurde ihr gemeinsamer Sohn Meinhard III. legitimiert, sodass dieser die Habsburgertochter Margarethe von Österreich heiraten konnte. Margarethe von Tirol setzte im dunklen Spätmittelalter erfolgreich ein Beispiel des Frauenerbrechts sowie des Rechts auf staatliche Ehescheidung. Die Männerwelt „dankte“ es ihr mit übler Nachrede  betreffend ihres Aussehens („Margarethe Maultasch“) und der Unterstellung, dass sie ihren zweiten Gatten Ludwig von Brandenburg und ihren Sohn Meinhard III. Graf von Tirol und Herzog von Bayern, durch Giftanschläge beseitigt hätte.

Margarethe Maultasch von Tirol
Skandal-Lady vergangener Zeit

von
Dr. Bernd Oberhofer

13. Jänner 1363: Margarethe, die Erbgräfin von Tirol, hält ihren toten Sohn Meinhard in den Armen. Die Geschichtsschreiber sollten ihm den Namen „Meinhard III.“ geben. Erst über die Jahresfrist hatte Margarethe ihren geliebten Gatten Ludwig von Wittelsbach, den alle nur „den Brandenburger“ nannten, Landesfürst von Tirol und Herzog von Bayern, 46jährig zu Grabe getragen. Nun hatte sie auch noch das letzte von vier Kindern, Meinhard, verlassen. Die Erbgräfin Margarethe zählt 45 Lenze und sie ist vom Leben erschöpft. Margarethe weiß, dass mit dem Tod ihres Sohnes die Linie der Grafen von Tirol zum Aussterben bestimmt ist. Vor wenigen Tagen hatte ihr Sohn auf einem Tanzfest in Meran erhitzt einen kalten Trunk getan. Seitdem hatte er mit dem Tod gerungen. Und sie, seine Mutter, hatte nichts für ihren Sohn, tun können.

Schon in Margarethes Vater Heinrich, war die Kraft des Geschlechts der Grafen von Tirol, der Meinhardiner, verblasst. Ihr Vater hatte es durch glückliche Umstände erreicht, die Grafschaft über Tirol und das Herzogtum über Kärnten mit der Würde eines Königs von Böhmen zu vereinen (1307). Den ganzen Machtzuwachs hatte ihr Vater aber nicht nutzen können. Nach  nur drei Jahren verlor er das Königreich Böhmen an Johann von Luxenburg (1310). Seither hatte sich das Geschlecht der Luxenburger im Königreich Böhmen festgesetzt. Die Luxenburger gründeten darauf ihre Hausmacht, die den Sohn Johanns von Luxenburg, Karl, und Johanns Enkel Sigismund, an die oberste Spitze des Reiches, auf den Kaiserstuhl, bringen sollte (1346: Karl IV.; 1411 Sigismund). Drei Ehen hatte ihr Vater Heinrich Graf von Tirol und Herzog von Kärnten geschlossen; keine dieser Ehen war mit einem männlichen Erbfolger gesegnet. So war sie, Margarethe, zur „Erbgräfin“ geworden.

1330: Kinderhochzeit in Innsbruck

Gräfin Margarethe streicht über das blasse Antlitz ihres toten Sohnes. Für einen Moment schwinden ihr die Sinne. Die Bilder ihrer Jugend steigen in ihr auf. Das jähe Ende ihrer Kindheit im Oktober 1327 mit gerade neun Jahren, als der ihr Vater einen fünfeinhalb jährigen „Rotzbuben“ nach Schloss Tirol gebracht hatten. Johann Heinrich hatte er geheißen, aus dem Geschlecht der Luxenburger, der jüngere Sohn des mächtigen Königs Johann von Böhmen. Ihr Vater hatte sich mit dem Luxenburger ausgesöhnt. Der Tiroler Graf hatte in ihm den starken Verbündeten für die Erbfolge der Tochter gefunden. Margarethe hatte ihn nie leiden können, den böhmischen Rotzbuben. Trotzdem hat ihr Vater sie drei Jahre später (September 1330) als Gegenleistung für Geldversprechen des Luxenburgers mit dem Böhmenbuben verheiratet. Johann Heinrich war zur Hochzeit acht Jahre alt; sie, Margarethe, war gerade zwölf. Wie hatte sie den Böhmenbuben gehasst! Zum Vollzug der Ehe war es nie gekommen; der Böhmenbube hatte es nie gewagt, sie, Margarethe, anzufassen.

Knappe fünf Jahre später, bald nach Margarethes 17. Geburtstag, war ihr Vater gestorben (2. April 1335). Da zeigte sich schnell, dass der damalige Kaiser Ludwig von Wittelsbach, „der Bayer“, Pläne für die Länder ihres Vaters hatte. Gleich nachdem  der Böhmenkönig seinen jüngeren Sohn im September 1330 glücklich in Tirol und Kärnten eingeheiratet hatte, konnte sich Kaiser Ludwig mit den Habsburger Herzögen von Österreich verabreden. Die Pläne des Böhmenkönigs, Tirol und Kärnten für das Geschlecht der Luxenburger zu erwerben, sollten versalzen werden: Kaiser Ludwig versprach dem Hause Habsburg auf den Todesfall des Tiroler Grafen die Belehnung mit dem Herzogtum Kärnten und als Draufgabe den südlichen Teil Tirols; den nördlichen Teil Tirols wollte der Kaiser seinem Herzogtum Bayern angliedern.  Die Grenze sollte Finstermünz, der Jaufen-Pass  sowie die Peisser-Holzbrücke über den Eisack bilden, jene Holzbrücke, die Oberau und Unterau verbunden hat. Sterzing sollte Bayrisch werden. Brixen sollte den Habsburgern zufallen.

Tirol: Objekt der Begierde

Margarethes Vater war Anfang April 1335 verstorben. Um die Luxenburger Herrschaftsübernahme zu verhindern, kamen die Habsburger-Herzöge Albrecht und Otto von Österreich noch im gleichen Monat in Linz mit Kaiser Ludwig zusammen. Der Kaiser erklärte Tirol und Kärnten zu „erledigten Reichslehen“. Margarethes Erbrecht wurde aberkannt. Schon am 2. Mai 1335 wurden die Habsburger-Herzöge Albrecht und Otto mit dem Herzogtum Kärnten und mit dem südlichen Teil Tirols samt der Schirmvogtei über die Bistümer Brixen und Trient, belehnt. Der nördliche Teil Tirols sollte den Söhnen des Kaisers, somit dem Haus Wittelsbach-Bayern, zu fallen.

Nur durch rasche Rüstung und energische Verteidigung hätte sich das luxenburgische Haus das Herzogtum Kärnten erhalten können. Das war jedoch nicht geschehen. Schon im Juni 1335 rückte der Habsburger-Herzog Otto in Kärnten ein. Er hatte sich mit dem Landeshauptmann und Landmarschall Konrad von Aufenstein verständigt. Der Aufensteiner, ein Tiroler mit Stammsitz im Wipptal, bewog die Unterwerfung des Kärntner Adels. Anders handelten die Tiroler, die nur sie, Margarethe, die Tochter des Fürsten, als rechtmäßige Herrin anerkannten. Ohne auf Hilfe aus Böhmen zu warten griff der Tiroler Volkmar von Burgstall mit seinen Scharen im Sommer 1335 Schloss Aufenstein bei Matrei/Wipptal an und zerstörte den Stammsitz des treulosen Konrad. Endlich im Dezember 1335 war Margarethes Schwager, Karl von Luxenburg, in Tirol eingetroffen. Mit Zustimmung der Tiroler Landherrn nahm Karl die Zügel der Regierung Tirols in die Hand. Er organisierte tatkräftig die Verteidigung des Landes gegen Bayern, Salzburg und Görz sowie im Süden gegen die Herrn von Verona. Überall hatten der Wittelsbacher Kaiser und die Herzöge von Habsburg-Österreich ihre Verbündeten. Nach vergeblichen Friedensverhandlungen startete Margarethes Schwiegervater, der Böhmenkönig Johann von Luxenburg, im Februar 1336 einen „Entlastungsangriff“ auf Österreich. Margarethes Schwager Karl überschritt am 1. April 1336 mit den Tiroler Scharen die Grenze bei Mühlbach im Pustertal und drang in der damaligen Grafschaft Görz ein. Erst bei der Lienzer Klause wurden Karl und die Tiroler Truppen gestoppt.

Kaiser Ludwig hatte sich jedoch bereits wenige Monate später mit den Herzögen von Habsburg-Österreich entzweit. So kam es noch im Oktober 1336 zu einem Friedensvertrag zwischen Habsburg-Österreich und dem Böhmenkönig Johann von Luxenburg. Margarethe und Johann Heinrich konnten Tirol behalten; das Herzogtum Kärnten blieb dem Haus Habsburg-Österreich.

Margarethe vertreibt Johann Heinrich

Inzwischen treten die vornehmsten Landherrn in das Gemach des toten Tiroler Landesfürsten. Gräfin Margarethe hatte sie durch Boten verständigen lassen. Sie kommen, um sich von ihrem Fürsten zu verabschieden. Gräfin Margarethe blickt ihrem Landeshauptmann Ulrich von Matsch, dem Hofmeister Heinrich von Rottenburg und dem Burggrafen Petermann von Schenna in die Augen. Den mächtigen Tiroler Landherrn waren die Tränen in die Augen gestiegen beim Anblick der gebrochenen Landesmutter, in deren Armen der junge Fürst ganz schmal geworden war. Margarethe bettet das Haupt des toten Sohnes und küsst seine Stirn. Ihre Gedanken schweifen zu seinem  Vater, den sie erst vor knapp 15 Monaten zu Grabe tragen musste. Vor 21 Jahren, am 10. Februar des Jahres  1342, hatte sie Kaiser Ludwig auf Schloss Tirol mit seinem ältesten Sohn, Ludwig von Brandenburger, verheiratet.

Johann Heinrich ihr erster Gemahl, war dem strengen Regiment, das sein Bruder Karl in Tirol führte, nie entwachsen. Bei ihr, Margarethe, hatte der Pubertierende versucht, sich mit Beißen und Kratzen Respekt zu verschaffen. Nicht einmal die deutsche Landessprache wollte er lernen. Im Jahr 1340 hatte sich Margarethe entschlossen, dem ein Ende zu bereiten. Die Böhmen sollten aus dem Land geschafft werden. Ihr Wille hatte sich mit der Meinung ihrer obersten Landherrn getroffen. Ihr Schwager Karl, der das Regiment führte,  war nicht bereit, die Rechte der Tiroler Landherrn zu achten. Gegen die Macht des Schwiegervaters und seine böhmischen Heerscharen wollte man Schutz bei Kaiser Ludwig suchen. Dessen Sohn, Ludwig von Brandenburg, 25jährig und ein tüchtiger Kriegsherr, war gerade Witwer geworden. Ludwig von Brandenburg sollte sie, Margarethe, die Erbgräfin von Tirol, ehelichen.

Ein erster Versuch zum Rauswurf der Böhmen im Jahr 1340 war an der Entschlossenheit des Schwagers Karl von Luxenburg gescheitert; am 2. November 1341 war man neuerlich zur Tat geschritten. Margarethes Schwager Karl war außer Landes. Als Johann Heinrich spätnachts von der Jagd heimkehrte, fand er Schloss Tirol verschlossen und seine böhmischen Hofleute ausgetrieben. Auch anderswo in Tirol wurde ihm die Türe gewiesen. Erst beim Patriachen von Aquileja fand er Unterschlupf, wo er fünf Monate vergeblich ausharrte in der Hoffnung auf einen Umschwung seines Schicksals.

Kaiser Ludwig stiftet eine Zivilehe

Die Tiroler Landherrn hatten die Verhandlungen mit Kaiser Ludwig und dem erwählten neuen Gemahl Margarethes zügig zu Ende geführt. Volkmar von Burgstall, Tägen von Villanders, Eckart von Trostburg und Konrad von Schenna, die vornehmsten unter ihnen, hatten folgendes Gelöbnis erreicht, das am 28. Jänner 1352 zu München, geleistet wurde: Alle Tiroler, Geistliche und Weltliche, Edle und Unedle, Städte und Dörfer, wären bei ihren hergebrachten Rechten zu belassen, namentlich keine außerordentlichen Steuern aufzuerlegen, ohne Zustimmung der tirolischen Landleute die Tiroler Festen nicht mit Ausländern zu besetzen und überhaupt die Regierung nur mit Rat der Besten, die im Lande ansässig sind, zu führen. Diese älteste und wichtigste der Tiroler Landesfreiheiten wurde von Kaiser Ludwig ausdrücklich bestätigt.

Anfang Februar des Jahres 1342 reisten der Kaiser, sein Sohn Ludwig von Brandenburg und ein großes Gefolge nach Tirol. Wegen tiefgreifender Differenzen zwischen dem Kaiser und dem damals in Avignon residierenden Papsttum (Johannes XXII und Bendedikt XII) war an die kirchenrechtlich nötige Unterstützung des Papstes für die neue Eheschließung nicht zu denken. Der Bischof von Freising, Ludwig von Gutenstein, der sich im Gefolge des Kaisers befand, wollte die Ehe zwischen Margarethe und Johann Heinrich wegen Impotenz des Ehegatten annulieren. Dass ein Achtjähriger und eine Zwölfjährige – selbst mit päpstlichem Dispens – einander niemals ein gültiges Eheversprechen gegeben hatten, wurde damals nicht anerkannt. Beim winterliche Übergang über den Jaufen-Pass verlor der Bischof von Freising jedoch das Leben und die zwei weiteren Bischöfe von Augsburg und Regensburg, die sich im Gefolge des Kaisers befanden, deuteten dies als göttliches Zeichen. Sie wagten es nicht mehr gegen den Willen von Papst Benedikt XII. die Nichtigkeit der Ehe Margarethes und Johann Heinrichs nach kirchlichem Recht auszusprechen.

Kaiser Ludwig, seit Anfang der 1320er Jahre in einem tiefgreifenden Streit mit dem Avignon´schen Papsttum, wollte jedoch auf den Erwerb Tirols für Wittelsbach-Bayern nicht verzichten – genau so wenig, wie die Tiroler Landherrn auf die Zusicherung ihrer „großen Freiheiten“ durch den künftigen Landesherren. Marsilius von Padua und William von Ockham, zwei der bedeutensten Staatstheoretiker und Theologen ihrer Zeit, begründeten in Traktaten das Recht des Kaisers in Ehesachen zu entscheiden und zu dispensieren. Am 10. Februar des Jahres 1342 gaben sich deshalb Margarethe und Ludwig von Bandenburg unter der Autorität des Kaisers auf Schloss Tirol das Eheversprechen. Am Folgetag belehnte der Kaiser zu Meran das junge Paar mit allen Rechten eines Grafen von Tirol und eines Herzogs von Kärnten. Der Kirchenbann aus Avignon folgte auf den Fuß; ebenso das Interdikt gegen die ganze Grafschaft Tirol. Erst 16 Jahre später sollte es gelingen, die Eheschließung von Margarethe mit Ludwig von Brandenburg kirchenrechtlich zu vollziehen und ihren gemeinsamen Sohn Meinhard zu legitimieren. Albrecht der Weise von Habsburg- Österreich und sein Sohn, Rudolf der Stifter, konnten erfolgreich beim päpstlichen Stuhl vermitteln.

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Margarethe Maultasch von Tirol. Skandal-Lady des 14. Jahrhunderts, von Dr. Bernd Oberhofer

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Fortsetzung:

„Margarethe und der Kaisersohn Ludwig“

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Bernd Oberhofer

Margarethe und der Kaisersohn Ludwig

Ludwig V. von Wittelsbach, genannt “Ludwig der Brandenburger“ (* Mai 1315; † 18. September 1361), ältester von sechs Söhnen des Kaisers, war Anfang der 1340er Jahre der begehrteste Junggeselle im „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“. Schon im Alter von acht Jahren hatte ihn Kaiser Ludwig mit der Markgrafschaft Brandenburg belehnt; als ältester war er zudem Anwärter auf das Herzogtum Bayern. Der „Brandenburger“ war von stattlicher Gestalt und er hatte sich bereits in jungen Jahren als Kriegsmann hervorragend bewährt. Am 08. Februar 1342 entschied Kaiser Ludwig zu Meran als „oberster Richter des Reiches“ kraft seines auf göttlichem und weltlichem Recht gegründeten Amtes auf „anullatio“ der Ehe zwischen Margarethe von Tirol und Johann Heinrich von Luxemburg. Am 10. Februar 1342 wirkte Kaiser Ludwig als Standesbeamter, was im 14. Jhdt im „Heiligen Römischen Reich“ ebenfalls ein Novum war. Er verheiratete seinen Sohn Ludwig, Markgraf von Brandenburg, mit Margarethe, Gräfin von Tirol, nach staatlichem Recht.
Ludwig V. von Wittelsbach, genannt “Ludwig der Brandenburger“ (* Mai 1315; † 18. September 1361), ältester von sechs Söhnen des Kaisers, war Anfang der 1340er Jahre der begehrteste Junggeselle im „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“. Schon im Alter von acht Jahren hatte ihn Kaiser Ludwig mit der Markgrafschaft Brandenburg belehnt; als ältester war er zudem Anwärter auf das Herzogtum Bayern. Der „Brandenburger“ war von stattlicher Gestalt und er hatte sich bereits in jungen Jahren als Kriegsmann hervorragend bewährt. Am 08. Februar 1342 entschied Kaiser Ludwig zu Meran als „oberster Richter des Reiches“ kraft seines auf göttlichem und weltlichem Recht gegründeten Amtes auf „anullatio“ der Ehe zwischen Margarethe von Tirol und Johann Heinrich von Luxemburg. Am 10. Februar 1342 wirkte Kaiser Ludwig als Standesbeamter, was im 14. Jhdt im „Heiligen Römischen Reich“ ebenfalls ein Novum war. Er verheiratete seinen Sohn Ludwig, Markgraf von Brandenburg, mit Margarethe, Gräfin von Tirol, nach staatlichem Recht.


Margarethe 
und der Kaisersohn Ludwig

von
Dr. Bernd Oberhofer

6. September 1359, St. Margarethenkapelle am Alten Hof in München: Ludwig, Markgraf von Brandenburg, Herzog von Bayern, Graf von Tirol, blickt verklärt auf den blonden Scheitel der kindlichen Braut Margarethe von Habsburg-Österreich, die hier und jetzt seinem Sohn Meinhard, dem künftigen Herzog von Bayern und Grafen von Tirol, das feierliche Eheversprechen geben wird. Nach einer siebzehn Jahre dauernden Verdammung durch die Heilige Kirche steht er vor einer im Ornat prangenden Priesterschaft, umgeben von den Edelsten aus Herzogtum und Grafschaft, neben seiner wunderschönen Gattin, Margarethe, Erbgräfin von Tirol. Vor vier Tagen sind er und Margarethe an derselben Stelle vom Kirchenbann losgesprochen worden. Und die Heilige Kirche hat sich mit ihm, Markgraf Ludwig, und mit Margarethe, Gräfin von Tirol, wieder versöhnt.

„Doppelhochzeit“ in München

Nach der feierlichen Lossprechungs-Zeremonie, wo der Kirchenbann über Markgraf Ludwig und Gräfin Margarethe aufgehoben wurde, hat Abt Peter von St. Lamprecht die Trennung des Markgrafen von seiner Gattin Margarethe angeordnet. Margarethe sollte sich für drei Tage in das Heiliggeistspital vor der Stadtmauer begeben. Heute Morgen erst hat Herzog Rudolf von Habsburg-Österreich, begleitet von einer ansehnlichen Ritterschaft, Margarethe abgeholt und feierlich in die Herzogburg geführt. Vor knapp einer Stunde hat Erzbischof Ortolf von Salzburg mit lauter Stimme den päpstlichen Dispens für die Ehe zwischen dem Markgrafen und Margarethe wegen naher Verwandtschaft verlesen. In der Folge ist seine Ehe mit Margarethe kirchlich eingesegnet und ihr gemeinsamer Sohn Meinhard für ehelich erklärt worden. Jetzt geben sich Meinhard und Margarethe von Habsburg-Österreich das Ja-Wort für den Bund der heiligen Ehe. Meinhard ist gerade 15 Jahre alt, seine Gattin Margarethe erst 13.

Markgraf Ludwigs Blick fällt auf Herzog Rudolf von Habsburg-Österreich, der als Brautführer seiner kindlichen Schwester Margarethe direkt neben dem jungen Brautpaar steht. Den Markgrafen bewegt eine tiefe väterliche Zuneigung für den kühnen und klugen Herzog von Österreich, der noch nicht einmal 20jährig, schon Größtes vollbracht hat. Keine Minute seines Lebens hat er das Bündnis mit Herzog Albrecht von Habsburg-Österreich, dem Vater von Herzog Rudolf, bereut. Der Gedanke an seinen vor einem Jahr verstorbenen Freund, den alle im Reich „Albrecht den Weisen“ nennen, legt sich wie eine Klammer um sein Herz. Albrecht hat das für ihn und seine geliebte Gattin Margarethe Wichtigste vollbracht: Die Aussöhnung mit der Heiligen Kirche und die Legitimation ihrer Ehe. Vor zehn Jahren hat Markgraf Ludwig den Grundstein für das Bündnis mit Herzog Albrecht gelegt. Im Herbst 1349 hat er Albrecht den Weisen in dessen Residenz in Wien aufgesucht und das Freundschaftsbündnis begründet. Das heute eingelöste Eheversprechen ihrer Kinder, Meinhard von Tirol und Margarethe von Habsburg-Österreich ist damals vereinbart worden.

Der Markgraf ergreift die Hand seiner Gattin. Was hat Margarethe von Tirol alles erleben müssen! Im Kindesalter von zwölf Jahren in eine Ehe mit einem unreifen, gerade neunjährigen Jungen gezwungen, hat sie nach dem Tod ihres Vaters erst 17jährig die Regentschaft in Tirol übernehmen müssen – Tirol von Feinden umgeben und das Herzogtum Kärnten an Habsburg-Österreich verloren. Nur durch eine böhmische Besatzung mit ihrem damaligen Schwager Karl von Luxemburg an der Spitze hat Margarethe ihre Herrschaftsrechte in Tirol verteidigen können.

Naturkatastrophen in Tirol

Margarethe hat erleben müssen, wie ihr Land von den ungewöhnlichsten Naturkatastrophen heimgesucht wurde. 1338, 1340 und 1341 haben Heuschreckenzüge die blühenden Gefilde ihres geliebten Tiroler Landes verheert. Der erste Zug hat 14 Tage gedauert und ist so dicht gewesen, dass er die Sonne verdunkelt hat. Obwohl der Pfarrer von Kaltern die Heuschrecken von öffentlicher Kanzel herab gebannt und durch Geschworene verurteilt hat, sind die unfrommen Tiere noch zwei Mal und noch zahlreicher erschienen. Jeweils drei Wochen lang flogen die schlimmen Gäste bei Tag und bei Nacht die Etschufer entlang alles weit und breit verwüstend. 1339 hat Meran gebrannt, 1340 Innsbruck und Neumarkt. 1339 haben große Gewässer das Unteretsch in einen See verwandelt, so dass man von Neumarkt mit dem Schiff nach Tramin gefahren ist.

Rund zehn Jahre später, am 25. Jänner 1348 hat das „Große Villacher Beben“ die Erde in Tirol erschüttert, die Menschen in Furcht und Schrecken versetzt und Häuser zum  Einsturz gebracht. Im Sommer 1349 hat Margarethe schließlich das schlimmste Übel überstanden, von dem das Reich je heimgesucht worden ist: der „Große Sterb“, der „Schwarze Tod“. Über Genua auf dem Schiffsweg eingeschleppt, hat sich die Pest-Epidemie in Windeseile verbreitet. Boten im Büßergewand haben überall die Nachricht verbreitet, dass in Asia Blut und Feuer vom Himmel gefallen sei und dass jeder, der das Feuer gesehen oder den Rauch geschmeckt habe, gestorben sei und dass jeder, der mit einem solchen geredet habe, bald mit diesem starb. Schiffe seien gekommen und wer mit den Schiffern geredet habe, der sei gestorben und wer geflohen sei, der würde den Tod mit sich bringen. In kluger Umsicht hat Margarethe Schloss Tirol gegen einen unsichtbaren Feind in Verteidigungsbereitschaft gesetzt. Margarethe ist es gelungen, die Pestilenz von Schloss Tirol fern zu halten, während Markgraf Ludwig in Geschäften der Reichspolitik abwesend war.

Reichspolitik fordert Markgraf Ludwig

Inzwischen ist die Hochzeitszeremonie abgeschlossen und Markgraf Ludwig und seine Margarethe von Tirol sowie das junge Fürstenpaar Meinhard und seine Margarethe von Habsburg-Österreich, schreiten an der Spitze einer großen Gesellschaft zum Hochzeitsmahl. Markgraf Ludwig genießt die glücklichen Stunden an der Seite seiner schönen Gattin. Und er ist stolz, es nach so vielen Jahren geschafft zu haben, auch den Frieden mit der Heiligen Kirche zu schließen. Dem sind Jahre politischer Streitigkeiten und kriegerischer Auseinandersetzungen voraus gegangen, die den Markgrafen immer wieder vom häuslichen Herd in Tirol ferngehalten haben: als Markgraf von Brandenburg, als Sohn des streitbaren Kaisers Ludwig von Wittelsbach und als Kurfürst des Reiches.

Im Mai 1342 bestieg Pierre Roger, der viele Jahre Erzieher Karls von Luxemburg am französischen Königshof war, als „Clemens VI.“ den päpstlichen Thron. Von Avignon aus unternahm er alles, um die Absetzung Kaiser Ludwigs zu betreiben. Er wollte seinen Zögling Karl von Luxemburg auf den Kaiserthron hieven. Kaiser Ludwig wurde jeden Sonntag erneut von Clemens VI. gebannt. Clemens VI. führte „Prozesse“ gegen Kaiser Ludwig, die seine Würde als Kaiser untergraben sollten. Nach vier Jahren zeigten diese Bemühungen Wirkung. Eine politische Unklugheit des Kaisers erregte den Zorn der deutschen Fürsten. Papst Clemens VI. nutzte das aus. Er erklärte die Kurfürsten für säumig in der Wahl eines von ihm approbierten deutschen Königs und drohte den Fürsten, dass er selbst den neuen deutschen König ernennen würde. Mit Hilfe seines Großonkel Balduin von Trier, als Erzbischof von Trier wahlberechtigter Fürst des deutschen Reiches, wurde Karl von Luxemburg am 11. Juli 1346 zum Gegenkönig gewählt. Damit entstand Kaiser Ludwig ein offizieller Gegenspieler unter den deutschen Fürsten.

Als einen der ersten Schachzüge nach der Königswahl versuchte Karl von Luxemburg über Trient vom Süden kommend die Grafschaft Tirol im Sturm zu gewinnen. Zuvor bewog er die Litauer zu einem Angriff auf Mark Brandenburg und er verbündete sich im Geheimen mit einem Teil des Tiroler Adels. Markgraf Ludwig war zur Verteidigung Brandenburgs fort geeilt, als Karl von Luxemburg mit oberitalienischen Söldnern Mitte Mai des Jahres 1347 den Angriff auf Tirol startete. Margarethe wurde jedoch vorgewarnt und sie hat Boten nach Brandenburg entsandt. Ohne auf Widerstand zu stoßen, konnte Karl mit seinen Truppen vor Schloss Tirol ziehen, wo Margarethe die treu Gebliebenen gesammelt hatte. Drei Wochen lang verteidigte Margarethe Schloss Tirol heldenhaft, als die Kunde von der Rückkehr des Markgrafen Ludwig eintraf. Der Luxemburger Karl wurde zum Rückzug bewogen, wobei er das reiche Bozen in Flammen aufgehen und entlang des Rückzugsweges nach Süden morden und plündern ließ. An der Salurner Klause ereilte seinen Heerzug das Schicksal: Der Luxemburger wurde von Markgraf Ludwig in einem harten Gefecht endgültig geschlagen und in die Flucht gejagt. Das anschließende Strafgericht über den abtrünnigen Teil des Tiroler Adels überließ der Markgraf seinem bayrischen Gefolgsmann Herzog Konrad von Teck. Die Kriegsvorbereitungen seines Vaters, des Kaisers, gegen König Karl von Luxemburg erforderten seine Anwesenheit in Deutschland.

Luxemburg, Habsburg und Wittelsbach versöhnen sich

Am 11. Oktober 1347 verstarb Kaiser Ludwig von Wittelsbach überraschend. Markgraf Ludwig und die übrigen Gegner des Hauses Luxemburg wollten den Tod des Kaisers mit der Wahl eines neuen Gegenkönigs ausgleichen. Markgraf Ludwig wählte deshalb im Jänner 1349 mit drei weiteren Kurfürsten Graf Günther von Schwarzburg zum neuen deutschen König. König Karl von Luxemburg konnte den Schwarzburger jedoch zum Verzicht auf die Krone bewegen. Der Widerstand gegen das Königtum Karls von Luxemburg brach damit zusammen. Markgraf Ludwig war Realist genug, um zu erkennen, dass seine Partei, die Wittelsbacher, den Kampf um die Königs- und Kaiserwürde verloren hatten.

Bereits im Mai 1348 hatte sich Herzog Albrecht von Habsburg-Österreich mit dem Haus Luxemburg ausgesöhnt und Karl von Luxemburg als deutschen König anerkannt. Ebenfalls im Jahr 1348 suchte Johann Heinrich von Luxemburg, Margarethes erster Ehemann, die päpstliche Kurie auf, um eine Annullierung der Ehe zwischen ihm und Margarethe von Tirol zu erreichen. Er hatte inzwischen seine Tiroler Pläne und den Gedanken an die widerspenstige Landesherrin aufgegeben. Er wollte nun wo anders Eheglück suchen. Johann Heinrich bestätigte, dass es nie zum Vollzug der Ehe mit Margarethe gekommen sei. Er begründete dies mit einem „maleficium“, einer Verzauberung. Seine Impotenz bezöge sich nur auf Margarete. Wegen der gemeinsamen Kindheit hätte er eine Art „Geschwisterliebe“ aufgebaut. Am 21. Juli 1349 wurde die Ehe Margarethes von Tirol mit Johann Heinrich von Luxemburg auch nach kirchlichem Recht für Null und nichtig erklärt. Johann Heinrich heiratete noch im selben Jahr Margarete von Troppau, die ihm drei Töchter und drei Söhne schenkte.

Inzwischen ist die Hochzeitstafel aufgehoben. Das öffentliche Beilager der jungen Eheleute soll zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. Markgraf Ludwig befindet sich im herzoglichen Schlafgemach und versinkt in den Armen seiner Margarethe, die seine Liebe zärtlich erwidert. Sein Freund Albrecht der Weise hat ihm vor bald zehn Jahren klar gemacht, dass eine Aussöhnung mit der Kirche die Beilegung des Streits mit dem Haus Luxemburg voraussetzt. Danach hat er Markgraf gehandelt: Im Frühjahr des Jahres 1350 versöhnten sich Markgraf Ludwig und seine fünf Brüder mit König Karl von Luxemburg und Markgraf Ludwig übergab König Karl die Reichsinsignien, die Zeichen der Macht des gewählten und gekrönten deutschen Königs. Die Reichsinsignien hatte er nach dem Tod seines Vaters Kaiser Ludwig im Jahr 1347 auf Stift Stams in Tirol in Sicherheit gebracht. Knappe drei Jahre hatten die Mönche die Reichskrone, die Heilige Lanze, das Reichsschwert, den Krönungsmantel und zahlreiche andere Kleinodien des Reichsschatzes behütet.

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Margarethe Maultasch von Tirol und der Kaisersohn Ludwig, von Dr. Bernd Oberhofer

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Fortsetzung:

Ein verwegener Bergsteiger gewinnt Margarethes Herz

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Bernd Oberhofer

Ein verwegener Bergsteiger gewinnt Margarethes Herz

Herzog Rudolf IV. von Habsburg „Superstar“, Stifter der Universität Wien und des Kollegiatskapitels zu St. Stephan, Begründer des Stephans Doms, (*1339 in Wien; † 27.7.1365 in Mailand), war der genialste Politiker seiner Zeit. Obzwar nur ein Herzog, war sein Auftreten das eine Königs. Seit 1356 war er mit der Tochter Kaiser Karls IV., Katharina von Luxemburg, verheiratet. Als 19jähriger übernahm er 1358 die Regierung der gesamten "Herrschaft zu Österreich". In Fortsetzung der Jahre langen Bemühungen seines Vaters, Albrecht „der Weise“, war es ihm 1359 gelungen, beim Papst den nachträglichen kirchlichen Segen für die Ehe Margarethes von Tirol mit Ludwig von Brandenburg zu erreichen. Die Ehegattin Meinhards III., Margarethe von Österreich, war seine Schwester. Als 23jähriger gewann er nach dem unerwartet frühen Tod von Meinhard III. das Herz der Tiroler Margarethe, des Tiroler Adels und die ganze Grafschaft. Die Hausmachtspolitik der Habsburger, durch den Abschluss von Erbverträgen und Verheiratung den eigenen Machtbereich zu erweitern, wurde ganz wesentlich durch vorangetrieben.
Herzog Rudolf IV. von Habsburg „Superstar“, Stifter der Universität Wien und des Kollegiatskapitels zu St. Stephan, Begründer des Stephans Doms, (*1339 in Wien; † 27.7.1365 in Mailand), war der genialste Politiker seiner Zeit. Obzwar nur ein Herzog, war sein Auftreten das eine Königs. Seit 1356 war er mit der Tochter Kaiser Karls IV., Katharina von Luxemburg, verheiratet. Als 19jähriger übernahm er 1358 die Regierung der gesamten „Herrschaft zu Österreich“. In Fortsetzung der Jahre langen Bemühungen seines Vaters, Albrecht „der Weise“, war es ihm 1359 gelungen, beim Papst den nachträglichen kirchlichen Segen für die Ehe Margarethes von Tirol mit Ludwig von Brandenburg zu erreichen. Die Ehegattin Meinhards III., Margarethe von Österreich, war seine Schwester. Als 23jähriger gewann er nach dem unerwartet frühen Tod von Meinhard III. das Herz der Tiroler Margarethe, des Tiroler Adels und die ganze Grafschaft. Die Hausmachtspolitik der Habsburger, durch den Abschluss von Erbverträgen und Verheiratung den eigenen Machtbereich zu erweitern, wurde ganz wesentlich durch vorangetrieben.

1363: Ein verwegener Bergsteiger
gewinnt Margarethes Herz

von
Dr. Bernd Oberhofer

16. Jänner 1363, Krimmler Tauern: Herzog Rudolf von Habsburg-Österreich, sein Kanzler Bischof Johann Ribi von Gurk, und drei weitere Begleiter haben sich durch Schnee und Eis gekämpft. Vor fünf Tagen sind sie in Wien aufgebrochen. Vier Nächte und drei Tage sind Herzog Rudolf und seine Gefährten im Sattel gesessen. In Krimml im Pinzgau hat die kleine Reisegruppe einen Tag Rast gemacht, Säumer gedungen und den Übergang über das Gebirge vorbereitet. Heute Mittag haben sie die auf 2.600 Meter gelegene Passhöhe überwunden. Ein Teil der Säumer ist noch im Salzburgischen auf der Warnsdorfer Alm mit den Pferden umgekehrt. Der Pass konnte im Winter nur zu Fuß überwunden werden. Angeführt von den vier Krimmlern, die sie heil über den Pass bringen sollen, hat die Gruppe nun den Wald auf Tiroler Seite erreicht. Am Horizont hat Herzog Rudolf schon die Häuser von Prettau erkannt. Sie haben es geschafft! Mitten im Winter haben sie vom Pinzgau aus über die Hohen Tauern das Tiroler Ahrntal erreicht.

An 10. Jänner sind in Wien Brieftauben des Tiroler Kanzlers Johann von Lichtenwerth eingelangt. Meinhard, Graf von Tirol und Herzog von Bayern, soll sterbenskrank darnieder liegen, möglicher Weise vergiftet. Rudolfs Brüder haben ihn für verrückt erklärt, weil er mitten im Winter über die Tauern nach Tirol eilen wollte. „Tirol ist das Wagnis allemal wert!“ hat Rudolf ihnen vorgehalten. Noch in derselben Nacht sind sie zu fünft in Wien aufgebrochen: Über Judenburg Steiermark ins Salzburgische bis Krimml von dort das Salzburger Achental südwärts über die Tauern ins Tirolische Ahrntal. Mehrfach hat Rudolf in diesen Tagen seinen Tiroler Schwager im Gedanken verflucht. Warum muss er sich mitten im Winter zum Sterben niederlegen? Aber was soll das helfen – Herzog Rudolf ist fest entschlossen, den Vettern aus dem Haus Wittelsbach-Bayern und dem Görzer Grafen Meinhard zuvor zu kommen. Auch die Machtgelüste seines Schwiegervaters, Karl von Luxemburg, seit 1346 deutscher König und seit 1355 Kaiser des heiligen römischen Reiches, sind im Auge zu behalten. Schließlich hat dieser schon im Jahr 1347 versucht, Tirol mit Waffengewalt in seine Hand zu bringen. Und als Kaiser des Reiches standen ihm viele Machtmittel zur Verfügung.

Rudolf IV. von Habsburg „Sohn seiner Zeit“

So oder so ähnlich wären die Gedanken Rudolfs IV. von Habsburg, „des Stifters“, nachzuvollziehen, wäre er – wie die älteren Geschichtsschreiber behaupten – über den Krimmler Tauern gereist. Tatsächlich beweisen zwei Schreiben Rudolfs IV. aus diesen Tagen, dass er in Wahrheit die Reiseroute über Kärnten und durch das Pustertal genommen hatte; letzteres gehörte damals bis zur Mühlbacher Klause zum Herrschaftsbereich der Grafen von Görz. Die nachträglich erfundene Geschichte der verwegenen Winterreise über den Krimmler Tauern sollte den Handstreich des „jungen Helden“ glorifizieren, mit dem er das Herz Margarethes und die Grafschaft Tirol gewonnen hatte. Rudolf IV. war nicht nur ein energischer und engagierter Herrscher, er war auch ein genialer Stratege – in politischer Hinsicht und die geistlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen betreffend. Als würdiger Sohn seines Vaters Herzog Albrecht von Habsburg-Österreich, den alle „den Weisen“ nannten, soll er schon als junger Mann wie ein König aufgetreten sein. Und Rudolf IV. war nicht abgeneigt zur Erhöhung seiner Person und des Fürstenhauses Habsburg-Österreich den Behelf der Geschichtsfälschung anzuwenden. Dies ganz im Stil der damaligen Zeit.

Seit der kaiserlosen Zeit, dem Interregnum, das mit der Wahl Rudolfs I. von Habsburg zum deutschen König im Jahr 1273 beendet wurde, waren drei Fürstenhäuser in große Machtpositionen gekommen: Habsburg, Luxemburg und Wittelsbach. Johann von Luxemburg, als König von Böhmen der angesehenste unter den Fürsten des Reiches, hatte als erster die Hand nach Tirol ausgestreckt. Gegen eine enorme Geldzusage bewog der Luxemburger den Vater Margarethes in die Verheiratung seiner einzigen Tochter mit dem jüngeren Königssohn des Luxemburgers einzuwilligen. Das geschah im Jahr 1330. Dagegen hatten sich der Habsburger Herzog Albrecht „der Weise“ und der Wittelsbacher Kaiser Ludwig „der Bayer“ verschworen. In einem Geheimvertrag vereinbarten sie, die Erbländer des Tiroler Grafen nach dessen Tod unter sich aufzuteilen. Margarethe und ihr Luxemburger Ehegespons sollten leer ausgehen. Als der Tiroler Graf 1335 starb, besetzten die Habsburger sofort das Herzogtum Kärnten. Margarethe konnte sich jedoch in Tirol als neue Landesherrin durchsetzen. Dies mit Hilfe ihres damaligen Schwagers Karl von Luxemburg, dem späteren Kaisers Karl IV. Nur sechs Jahre später hatte Margarethe allerdings selbst der Luxemburger Herrschaft in Tirol ein Ende bereitet. Sie hatte den Luxemburger Königssohn ausgetrieben und den Wittelsbacher Ludwig von Brandenburg geheiratet, den Sohn des Kaisers Ludwig „des Bayern“. Diese zweite Ehe Margarethes war offensichtlich eine glückliche. Vier Kinder hatte Margarethe geboren, von denen allerdings nur der Erstgeborene, Meinhard, die Tage als Kleinkind überlebte.

Erbrecht und die Macht, es durchzusetzen

Dieser Meinhard war 1361 mit dem Tod seines Vaters, Ludwigs von Brandenburg, Herzog von Bayern geworden und Graf von Tirol. Mit dem Tod Meinhards im Jänner 1363 erbten die fünf Brüder des Vaters aus dem Haus Wittelsbach die Herrschaftsrechte als Herzog von Bayern; die Rechte als Graf von Tirol gingen auf seine Mutter über. Das Erbrecht der Frauen war damals allerdings keine Selbstverständlichkeit. Die fünf Wittelsbacher Brüder, die Onkeln Meinhards III. von Tirol, machten sich deshalb Hoffnung auf einen Zuerwerb im Gebirge. Dem wollte Herzog Rudolf von Habsburg zuvor kommen. Rudolf wollte in Tirol Fakten schaffen. Dies mitten im Winter, solange keiner der Gegenspieler in der Lage wäre, Tirol mit Gewalt zu nehmen. Seit dem Jahr 1349 bestanden enge Freundschaftsbeziehungen zwischen dem Herzog von Österreich Albrecht „dem Weisen“ und den Herrschern im Land im Gebirge. Herzog Albrecht hatte versprochen, Ludwig und Margarethe bei der kirchlichen Anerkennung ihrer Ehe zu unterstützen. Gleichzeitig war die Verlobung der Fürstenkinder Meinhard von Tirol und Margarethe von Habsburg-Österreich, seiner Schwester, vereinbart worden. Herzog Rudolf hatte nach dem Tod seines Vaters Albrecht mit aller Macht dafür Sorge getragen, dass die Verhandlungen mit dem päpstlichen Stuhl zu einem erfolgreichen Ende gebracht wurden. Am 2. September 1359 war in München der päpstliche Dispens für die Eheschließung Ludwigs von Brandenburg und Margarethes von Tirol öffentlich verkündet und vier Tage später die kirchliche Hochzeit gefeiert worden. Nun wollte Rudolf IV. den Lohn für diese Bemühungen sicherstellen.

Am 18. Jänner erreichte Rudolf von Habsburg Schloss Rodenegg am Ausgang des Pustertals, damals den Habsburger Herzögen verpfändet. Seinen Kanzler Bischof Johann Ribi von Gurk, der die Reise mit ihm unternommen hatte, schickte er nach Brixen, um den dortigen Bischof für seine Pläne zu gewinnen. Er selbst begab sich nach Bozen, wo er mit Gräfin Margarethe und seiner frisch verwitweten Schwester das Zusammentreffen für den 20. Jänner vereinbart hatte. Rudolfs Plan war es, Margarethe für die sofortige Übergabe aller Herrschaftsrechte und aller Besitzungen zu gewinnen. Auf Lebenszeit solle sie zwar in Tirol regieren; dies jedoch im Namen der österreichischen Herzöge Rudolf, Albrecht und Leopold. Margarethe von Tirol leistete dem Bruder ihrer Schwiegertochter keinen Widerstand. Auch der Tiroler Adel erlag dem Charme des Österreichers. Bereits am 26. Jänner 1363 wurde die Übergabeurkunde in Bozen feierlich errichtet – gesiegelt von Margarethe, Rudolf und zwölf Tiroler Landherrn, Vertreter der angesehensten Tiroler Familien. Ohne Widerstand befolgten die Tiroler Margarethes Aufforderung, den österreichischen Herzögen die Treue zu schwören. Am 3. Februar huldigte Bozen, am 5. Meran, am 9. Sterzing, am 10. Innsbruck, am 11. Hall. Schon in der zweiten Februarhälfte konnte Rudolf IV. von Habsburg-Österreich, nunmehr auch Graf von Tirol, die Grafschaft erfolgreich alleine lassen. Der 23jährige Fürst, der überall wie ein König auftrat, hatte die Herzen der Tiroler im Sturm erobert. Noch am 5. Februar hatte der Bischof von Brixen die Herzöge von Österreich mit allen Rechten belehnt, welche die Grafen von Tirol bisher in seinem Bistum innehatten; am 18. September 1363 erfolgte derselbe Schritt seitens des Bischofs von Trient; im Februar 1364 von Seiten des Bischofs von Chur.

Rudolf IV. von Habsburg „Superstar“

Warum Margarethe von Tirol sofort eingewilligt hat, ihren Schwiegersohn zum neuen Herrn des Landes im Gebirge zu machen, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Offensichtlich sah Margarethe in Rudolf den Ersatz für den verstorbenen Sohn. Meinhard und Rudolf lagen altersmäßig nur wenige Jahre auseinander und sie waren sich freundschaftlich verbunden gewesen. Und die Alternativen für Margarethe waren nicht wirklich attraktiv: Den fünf jüngeren Brüder ihres verstorbenen Gatten, den Herzöge von Bayern, wollte sich Margarethe nicht ausliefern. Die Grafen von Görz und Krain, die Anspruch auf die Wiedervereinigung der Gebiete östlich und westlich der Mühlbacher Klause hatten, kamen wegen ihrer fehlenden Machtmittel nicht in Betracht. Das Haus Luxemburg mit Kaiser Karl IV. an der Spitze, war immer noch Margarethes „Erbfeind“, weil sie den Königssohn Johann Heinrich 1341 aus Tirol ausgetrieben hatte. Und sechs Jahre später hatte Margarethe ihr Land erfolgreich gegen ein Heer des Luxemburgers verteidigt. Hinzu kam die Verwandtschaft: Rudolfs Großmutter Elisabeth war die Tante von Margarethe.

Anteil am Zustandekommen des Machtwechsels hatte natürlich auch der Tiroler Adel. Margarethe war 45 Jahre alt und nun ohne Nachfolger. Im Vergleich zu den Bayrischen Herzögen, die ihr Machtzentrum vor der Tiroler Haustüre besaßen, schienen die Herzöge von Österreich im fernen Wien als neue Landesherren ungleich attraktiver. Auch die enge Verbindung Rudolfs mit dem Haus Luxemburg als Schwiegersohn des Kaisers Karl IV., war zu berücksichtigen. Alles sprach dafür, den brillanten „Jungpolitiker“ Rudolf IV. von Habsburg, den „Superstar“ unter den Reichsfürsten, samt seinen Brüdern als neue Landesherren einzusetzen.

In der Zwischenzeit verstrickten sich die fünf Bayernherzöge in Streitigkeiten um das Erbe ihres Neffen. Absehbar war, dass Herzog Stefan von Wittelsbach mit Waffengewalt nach Tirol greifen würde, sobald der Familienstreit beigelegt wäre. Die drohende Kriegsgefahr bewog Rudolf im Sommer 1363 wieder nach Tirol zu reisen und Verteidigungsvorbereitungen zu treffen. Auch wollte er Margarethe dazu bewegen, alle Herrschaftsrechte zu Gunsten der Habsburger Herzöge aufzugeben. Wieder akzeptierte Margarethe den Wunsch Rudolfs. Am 29. September 1363 erfolgte Margarethes feierliche Abdankung als Regentin. Mitte November 1363 startete der erste Angriff der Bayern, den Rudolf erfolgreich zurückschlagen konnte. Ein überraschender Überfall ein Monat später um die Weihnachtszeit 1363 traf Tirol hingehen unvorbereitet. Die Bayern erwiesen sich im Inntal als große Brandstifter, Mörder und Räuber. Dieses Kriegsereignis begründete das zwiespältige Verhältnis der Inntaler zu den nördlichen Nachbarn. Aber das ist eine andere Geschichte.

 Die „Schutzpatronin der Frauenemanzipation“

Noch im Jahr 1363 verließ Margarethe Tirol und übersiedelte nach Wien, wo sie 1369, 51jährig, verstarb. Nach der Legende soll Wien Margareten, der fünfte Wiener Bezirk, nach ihrem Alterswohnsitz benannt sein. Nach zeitgenössischen Beschreibungen war Margarethe von Tirol eine außergewöhnlich schöne Frau. In einer Männerwelt hatte sie ihr Erbrecht zu einer Zeit durchgesetzt, als solches für Frauen allgemein ausgeschlossen war. Und sie hatte sich Jahrzehnte lang erfolgreich als Landesherrin behauptet – dies an einem Brennpunkt der Geschichte. Margarethe hatte den ihr als Kind aufgezwungenen Ehegatten erfolgreich aus Tirol ausgetrieben und in freier Wahl den attraktivsten Mann zu ihrem Gatten gewählt, den das Deutsche Reich damals zu bieten hatte: Ludwig von Brandenburg war gerade drei Jahre älter als Margarethe, er war gutaussehend, er hatte sich schon in jungen Jahren als hervorragender Kriegsmann und energischer Politiker bewährt, er war Herr über Mark Brandenburg und damit stimmberechtigte bei den Wahlen zum Deutschen König. Und er war der älteste Sohn des regierenden Deutschen Kaisers. Der 18 Jahre dauernden Konflikt mit der offiziellen Kirche, den Päpsten in Avignon, und dadurch bedingt der förmliche Stand als bloße Mätresse eines Fürsten des Reiches, war sicherlich nicht geplant. Der Konflikt mit dem Papst war jedoch von Margarethe offenkundig in Kauf genommen. Das persönliche Glück war ihr wichtiger als ein guter Ruf und gesellschaftliche Konventionen. Der „Befreiungsschlag ihres Lebens“ am Allerseelentag des Jahres 1341, als Margarethe ihren Gatten aus der ehelichen Wohnung vertrieb und alle Böhmen und Luxemburger aus dem Land geworfen hat, und noch viel mehr die päpstlich nicht genehmigte Annullierung ihrer Ehe und die Neuverheiratung durch Kaiser Ludwig am 10. Februar 1342, bescherten Margarethe international über Jahre „negative Schlagzeilen“. Und einen Angriffskrieg ihres „Leider-Nein-Schwagers“ Karl von Luxemburg im Jahr 1347. Margarethe hatte jedoch eine persönliche Entscheidung für ein neues Leben getroffen und diese Entscheidung gegen alle gesellschaftlichen Normen ein Leben lang konsequent durchgezogen. Den Ehrentitel einer „Schutzpatronin der Frauenemanzipation“ hat sie sich allemal verdient.

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Ein verwegener Bergsteiger gewinnt das Herz von Margarethe Maultasch, von Dr. Bernd Oberhofer

Kaiser Maximilian. 1519: Der Liebhaber Tirols verstirbt

Vor 495 Jahren, am 12. Jänner 1519, verstarb der „Liebhaber Tirols, Maximilian I. Kaiser des Hl. Römischen Reiches, deutscher König, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund, zu Lothringen, zu Brabant, zu Steyr, zu Kärnten, zu Krain, &c. Graf zu Habsburg, zu Flandern, zu Görz, &c und nicht zuletzt Landesfürst und Graf zu Tirol, im 59. Lebensjahr in Wels. 32 Jahre lang hatte er als deutscher König führend die Geschicke Europas mitbestimmt; 28 Jahre lang hatte er als Landesfürst Tirol regiert und reformiert.
Vor 495 Jahren, am 12. Jänner 1519, verstarb der „Liebhaber Tirols, Maximilian I. Kaiser des Hl. Römischen Reiches, deutscher König, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund, zu Lothringen, zu Brabant, zu Steyr, zu Kärnten, zu Krain, &c. Graf zu Habsburg, zu Flandern, zu Görz, &c und nicht zuletzt Landesfürst und Graf zu Tirol, im 59. Lebensjahr in Wels. 32 Jahre lang hatte er als deutscher König führend die Geschicke Europas mitbestimmt; 28 Jahre lang hatte er als Landesfürst Tirol regiert und reformiert.

Der Liebhaber Tirols verstirbt

von
Dr. Bernd Oberhofer

Ganz im Stil der heutigen Zeit stehen beim Andenken an Kaiser Max nicht seine Großtaten für die Tiroler Wirtschaft, für die Tiroler Kunst und für die Kultur in unserem Land im Vordergrund, sondern des Kaisers Jagdbegierde und das üble Gerücht, dass die Innsbrucker Wirte dem Kaiser bei seinem letzten Aufenthalt in Tirol im Herbst 1518 die Aufnahme verweigert hätten. Dies angeblich wegen unbezahlter Schulden. Diese Legende ist eine Verleumdung des großen Kaisers Max, des Liebhabers von Tirol.

Ausschusslandtag 1518 in Tirol

Der Kaiser hatte nach dem Ende des sog. Venezianerkrieges Ausschüsse aller österreichischen Landschaften zu einem gemeinsamen Landtag nach Innsbruck berufen. Dieser Ausschusslandtag hatte sich mit Sondersteuern zur Verteilung der Kriegsschulden zu befassen, mit Behördenreformen, mit einer Defensionsordnung für alle Erbländer nach dem Vorbild des Tiroler Landlibells 1511 und diversen Beschwerden wegen Verwaltungs- und Regierungsmissständen. Der Ausschusslandtag tagte von Jänner 1518 über mehre Monate. Kaiser Max hatte den Landtag am 24. Mai verlassen, um sich zum Reichstag zu Augsburg zu begeben, der von Juli bis Oktober 1518 tagte. Auf dem Weg zum Augsburger Reichstag sah Kaiser Max eine ringförmige Sonnenfinsternis, die ihm sein Arzt und Astronom Georg Tannstatter schon im Jahr 1512 als schlechtes Omen vorausgesagt hatte. Todesahnungen begangen den Kaiser zu erfassen, zumal er in den letzten Jahren häufig gekränkelt hatte und vermutlich an einer chronischen Halsentzündung litt.

Von Augsburg reiste der Kaiser in einer Sänfte – reiten konnte er zu dieser Zeit nicht mehr – nochmals zu seinem geliebten Schloss Fragenstein bei Zirl in Tirol, seiner heimlichen Residenz, wo er bei 36 Besuchen als Tiroler Landesherr insgesamt drei Jahre und acht Monate gewohnt hatte. Als Kaiser Max Fragenstein verließ um über das Salzkammergut nach Wels und Linz weiter zu reisen, streuten seine Höflinge das Gerücht, dass der Kaiser über die Innsbrucker Räte verärgert sei. Diese hätten pflichtvergessen die Rechnungen vom Ausschusslandtag noch nicht erledigt. Deshalb hätten die Innsbrucker Wirte dem Tross des Kaisers die Aufnahme verweigert.

Üble Gerüchte von der Aussperrung des Kaisers

Von einer Aussperrung des kaiserlichen Trosses konnte freilich gar keine Rede sein; nur einige Pferde hatten in den Innsbrucker Stallungen nicht mehr untergebracht werden können. Ungeachtet dessen sandten die besorgten Innsbrucker Räte dem Kaiser Boten nach, um allfällige Missverständnisse aufzuklären. Kaiser Max versicherte den Boten freilich, dass von einer Verärgerung keine Rede sein könne und dass an dem Gerücht nichts dran sei. Am 9. November schrieb er von Kufstein nach Innsbruck, dass er bald nach der heiligen Weihnachtszeit – so Gott das wolle – wieder nach Innsbruck kommen werde. Aber der Tod war schneller: Als Kaiser Max am 10. Dezember in Wels ankam und auf seiner dortigen Burg Quartier nahm, war seine letzte Reise zu Ende: Der Kaiser war schwer krank und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Trotzdem führte er die Amtsgeschäfte weiter.

Tod in der Welser Burg

Am 1. Jänner 1519 empfing er eine Englische Gesandtschaft, wofür er ein letztes Mal von seinem Krankenlager aufstand. Der Kaiser ließ sich täglich zur heiligen Messe tragen und er wollte, dass man ihm aus der Leidensgeschichte Christi vorlas – und aus der von ihm selbst beauftragten „Chronik der habsburgischen Sipp- und Magschaft“ über die Heiligen und Seligen unter Maximilians Vorfahren. Nachdem Maximilian am 11. Jänner die letzte Ölung empfangen hatte, übergab Maximilian sein Siegel dem Abt von Kremsmünster zu treuen Handen, er tröstete die Umstehenden und bat um Verzeihung für allfälliges Unrecht. Er wies alle an, in nicht mehr als „Kaiser“ anzusprechen. Die aus Wien und Mailand herbeigerufenen Ärzte konnten nicht mehr helfen. Am 12. Jänner 1519, drei Stunden nach Mitternacht, erlosch das Leben des großen Kaisers, der Tirol über alles in der Welt geliebt hatte.

Kaiser Maximilians Wirken in Tirol

Kaiser Max hatte Innsbruck zu einer Stätte der Kunst gemacht. Die Kunstwerke, die er entweder selbst hier ausführen ließ oder zu denen er seine Nachfolger veranlasste, erregen noch heute die Bewunderung der Welt. Dies gilt namentlich von seinem prachtvollen Grabmal, einer Zierde der Hofkirche. Die meisten der großen Erzfiguren gingen aus der berühmten Erzgießerei hervor, die er zu Mühlau errichtete, denn diese goss nicht bloß „Donnerbüchsen und Karthaunen“, sondern auch die großartigsten Kunstwerke. Zu deren Ausführung ließ Maximilian berühmte Künstler aus München und Nürnberg kommen. So berief er die Meister Gilg Seßschreiber und Stefan Godl nach Tirol. Diese beiden, des ersteren Sohn Christoph und Schwiegersohn Sebastian Aeußerer sowie der berühmteste Erzgießer Deutschlands, Peter Vischer von Nürnberg, schufen die ersten und besten der genannten Standbilder. Maximilian dachte sogar einmal daran, eine förmliche Kunstschule der Erzgießerei für Tirol zu errichten. Gleichzeitig verfertigten die Harnisch-Schläger in der Plattnerei zu Innsbruck so prachtvolle Harnische und Helme, dass selbst die Könige von England und Spanien dort Bestellungen machten. Außer den Gießern in Mühlau und den Plattnern in der Neustadt beschäftigte Kaiser Max eine große Menge von Bildhauern und Malern. Nicht weniger als für Malerei und Bildhauerei war Maximilian für die Baukunst eingenommen. Er ließ in Innsbruck eine neue Burg, einen Turm am Ausgang der Stadt in die Vorstadt bauen, die Häuser mit Zinnen versehen und die Straßen pflastern. Burgen und Schlösser, die er von Erzherzog Sigismund ererbte, renovierte und befestigte er. Auch gab er manchen Beitrag zum Bau von Kirchen und zu deren Ausstattung. Seine Baulust und sein Kunstsinn regten sehr an. Unter seiner Regierung wurden eine Menge prachtvoller Kirchen und Gotteshäuser aufgeführt oder vollendet wie z.B. die Schwazer Kirche, die Sterzinger Kirche, die Seefeldner, die Nauderer Kirche, der berühmte Turm zu Bozen. Auch die privaten Bauherrn wollten Kaiser Max nacheifern. Der Kaiser huldigte aber auch der Poesie. Er selbst entwarf den Plan zu den Romanen „Theuerdank“ und „Weißkönig“, die sein Leben und seine Taten darstellen. Er ließ den Tiroler Kammerschreiber Johann Ried das Heldenbuch abschreiben, eine Sammlung von 23 Dichtungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die eine sehr wertvolle Zierde der Ambraser Sammlung wurde. Sein Sammlereifer spornte Adel und Geistlichkeit an. Es entstanden die ersten größeren Tiroler Privatbibliotheken.

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1519. Kaiser Maximilian, der Liebhaber Tirols verstirbt, von Dr. Bernd Oberhofer

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Fortsetzung:

Der Kaiser und die Schwarzen Mander

 

Der Kaiser und die Schwarzen Mander

© Stefan Elsler http://www.sixfootphoto.com. Schon im Jahre 1503 hatte Kaiser Max den Hofmaler Gilg Sesselschreiber mit den Planungen zu einem Grabmal beauftragt. Erst nach fünf Jahren waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Bei der Übertragung der Ausführungsarbeiten zu den großen „Erzbildern“ an Meister Gilg bewies Kaiser Max keine glückliche Hand: Gilg Sesselschreibers Stärke bestand darin, viel Geld zu verbrauchen und dem Kaiser überall hin „nachzulaufen“, statt in der Werkstatt seiner Arbeit nachzugehen. Obwohl der Kaiser ihm eine wahre „Eselsgeduld“ entgegen brachte, führte diese „Arbeitsweise“ Gilg Sesselschreiber auch einmal in den Innsbrucker Kräuterturm, das damalige Stadtgefängnis. Endgültig entlassen wurde Sesselschreiber erst im Sommer 1518. Als der Kaiser verstarb, war erst ein rundes Dutzend der „Schwarzen Mander“ fertig gestellt. 1890 veröffentlichte David von Schönherr als Ergebnis von 25jähriger Aktenforschung die Geschichte des Grabmals von Kaiser Max.
© Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Schon im Jahre 1503 hatte Kaiser Max den Hofmaler Gilg Sesselschreiber mit den Planungen zu einem Grabmal beauftragt. Erst nach fünf Jahren waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Bei der Übertragung der Ausführungsarbeiten zu den großen „Erzbildern“ an Meister Gilg bewies Kaiser Max keine glückliche Hand: Gilg Sesselschreibers Stärke bestand darin, viel Geld zu verbrauchen und dem Kaiser überall hin „nachzulaufen“, statt in der Werkstatt seiner Arbeit nachzugehen. Obwohl der Kaiser ihm eine wahre „Eselsgeduld“ entgegen brachte, führte diese „Arbeitsweise“ Gilg Sesselschreiber auch einmal in den Innsbrucker Kräuterturm, das damalige Stadtgefängnis. Endgültig entlassen wurde Sesselschreiber erst im Sommer 1518. Als der Kaiser verstarb, war erst ein rundes Dutzend der „Schwarzen Mander“ fertig gestellt. 1890 veröffentlichte David von Schönherr als Ergebnis von 25jähriger Aktenforschung die Geschichte des Grabmals von Kaiser Max.

 

Des Kaisers Kreuz mit den Schwarzen Mandern

von
Dr. Bernd Oberhofer

495 Jahre ist es her, seit Maximilian I. Kaiser des Hl. Römischen Reiches und römisch-deutscher König, am 12. Jänner 1519 in Wels verstorben ist. 28 Jahre lang hatte er als Landesfürst in Tirol geherrscht. Seinem Geburtsort nach war Kaiser Max Niederösterreicher; er war 1459 in Wiener Neustadt zur Welt gekommen. Blickt man auf seine vier Großeltern, so war Kaiser Max ein „Kind Europas“: Eine Großmutter stammte aus Spanien, eine aus Polen; ein Großvater war Portugiese, der andere Steirer. Der Vater von Kaiser Maximilian, Kaiser Friedrich III. (*1415; † 1493), war seinem Geburtsort nach Tiroler, Maximilians Mutter war die portugiesische Königstochter Eleonore Helena (*1436; † 1467).

Nach der Legende soll Kaiser Max Innsbruck als Ort seiner letzten Ruhestätte erwählt haben. Diesen Plan hätte er erst kurz vor seinem Tod im Zorn geändert, weil habgierige Innsbrucker Gastronomen beim letzten Aufenthalt des Kaisers in Tirol im Herbst 1518, seinem Gefolge die Unterbringung verweigert hätten. Dies angeblich wegen unbezahlter Rechnungen vom Frühsommer 1518, als in Innsbruck für mehrere Monate ein „Generallandtag“ abgehalten wurde. Die Geschichte ist erfunden. Weder hatte Kaiser Max geplant, seine letzte Ruhestätte in Innsbruck zu errichten, noch hatten die Innsbrucker Gastronomen dem Gefolge des Kaisers jemals die Aufnahme verweigert. Innsbruck war „landesfürstliche Stadt“. Widerstand gegen Maximilians Wünsche oder diejenigen seines Gefolges sind in das Reich der Phantasie zu verweisen. Man darf die Macht eines römisch-deutschen Königs und Kaisers am Beginn der Neuzeit nicht unterschätzen. Maximilians designierter Nachfolger und Erbe, sein Enkelsohn Karl, der 1518 bereits die Kronen von Aragon und Kastilien sowie die Herrschaft über das heutige Belgien und Holland in seiner Person vereinte, hatte nur wenige Monate später in Summe 852.000 (!) Gulden investiert, um seine Wahl zum römisch-deutschen König zu motivieren. Im Vergleich zu dieser Summe erscheinen die kolportierten 24.000 Gulden offene Bewirtungskosten wie der sprichwörtliche Tropfen Wasser auf einem heißen Stein.

WIENER NEUSTADT ALS AUFSTELLUNGSORT

Tatsächlich hat Kaiser Maximilian erstmals in seinem Testament vom Dezember 1518 öffentlich gemacht, wo er seine letzte Ruhestätte finden wollte: in der St.-Georgs-Kathedrale der Wiener Neustädter Burg. Maximilian war an diesem Ort zur Welt gekommen und dort wollte er auch begraben werden. In der St.-Georgs-Kathedrale sollte alles aufgestellt werden, was an Statuen für sein Grabmal schon bereit war. Die Fertigstellung seines Grabmales übertrug Kaiser Maximilian seinen Enkelsöhnen und Erben, Karl und Ferdinand, denen er seine Österreichischen Erbländer testamentarisch vermachte. Bei seiner Planung hatte Maximilian auch an technische Einzelheiten gedacht. Die St.-Georgs-Kathedrale in Wiener Neustadt, die Taufkirche Maximilians, ist im ersten Stock der Burg worden. Die Bodenplatten waren aus statischer Sicht der Aufstellung der „Schwarzen Mander“ nicht gewachsen. Maximilians Idee war es, zur Entlastung des Bodens alle Erzstandbilder mit Ketten in der Dachkonstruktion zu verankern. In der St.-Georgs-Kathedrale hätten die die „Schwarzen Mander“ das Bild eines riesigen Puppentheaters abgegeben. Entsprechend Maximilians Wunsch wurde die St.-Georgs-Kathedrale in Wiener Neustadt seine Begräbnisstätte. Von dem Plan, dort auch das gewaltige Grabmal zu installieren, ist Maximilians Enkel, Ferdinand I. abgewichen. Jörg Kölderer, zuerst Hofmaler in Innsbruck und später auch Hofbaumeister Kaiser Maximilians, hat im Jahr 1528 im Auftrag Ferdinands I. die Kirchen in Wien und Wiener Neustadt nach möglichen Aufstellungsorten für das gewaltige Grabmal überprüft; er hatte keinen geeigneten Aufstellungsort gefunden. Letztlich hat Ferdinand I. im Frühjahr 1549 angeordnet, dass in der Stadt Innsbruck eine neue Kirche zur Aufnahme des Grabmahles für seinen Großvater errichtet werde. Dies so nahe am Stadtgraben, dass man von der landesfürstlichen Burg und dem angrenzenden „Wappenhaus“ über einen Gang zur neuen Kirche gelangen könne. An der von Ferdinand I. ausgewählten Stelle wurde in der Zeit von 1553 bis 1563 die heutige Hofkirche gebaut. Innsbruck lag als Aufstellungsort nahe, weil der Großteil der monumentalen Einzelstücke in einer eigens von Kaiser Max in Mühlau bei Innsbruck eingerichteten Kunstgießerei hergestellt worden war. Dort wurden auch die auswärts hergestellten Kunstwerke zusammen gezogen. Die über Jahrzehnte angehäufte Ansammlung an erzernen Statuen war schon als solche eine Tiroler Sensation. Ferdinand I. ließ diese Sammlung nicht ohne Stolz seinen ausländischen Gästen vorführen. So reiste sein Neffe und designierte Nachfolger seines Bruders als spanischer König im Jahr 1548 durch Innsbruck. Ausdrücklich hatte Ferdinand I. angeordnet, Prinz Phillip „die gegossen Pilder zu Milen“ sehen zu lassen. 

KAISER FERDINAND WÄHLT INNSBRUCK

Das Grabmal von Kaiser Max entwickelte sich zum „Jahrhundertwerk“ – so lange hatte nämlich die Ausführung der kühnen Pläne des Kaisers gedauert. Kaiser Max hatte für die Errichtung einen Mann erwählt, der die Vorstellungen des Kaisers trefflich zu Papier bringen konnte, ansonsten jedoch mehr zum behaglichen Leben als zur Arbeit neigte: Gilg (Egydius) Sesselschreiber aus München. Von 1503 an hatte sich Gilg Sesselschreiber fünf Jahre lang mit der Planung des Grabmales beschäftigt. Kaiser Max hatte sich persönlich eingebracht und Korrekturen veranlasst. Im März 1508 hatte der Kaiser die endgültigen Pläne abgesegnet. Er hatte Innsbruck als den Ort erwählt, wo die Arbeiten ausgeführt werden sollten. Gilg Sesselschreiber übersiedelte deshalb 1508 im Auftrag des Kaisers nach Tirol, wo Kaiser Max bereits seine berühmte Plattnerei (Rüstungsschmiede) eingerichtet hatte und in Hötting sowie „am Gänsbühel“ (heute Büchsenhausen) und in Mühlau Geschütze und Handfeuerwaffen herstellen ließ. Neben der Waffenproduktion wollte Kaiser Max auch die Kunstgießerei in Tirol etablieren. Das nötige Kupfer wurde in reichen Mengen aus den Bergwerken in Schwaz und Gossensaß gefördert; das Zink für die Legierungen war leicht zu beschaffen.

Zeitgleich mit Gilg Sesselschreiber engagierte Kaiser Max in Nürnberg den Meister Stefan Godl, der auch 1508 nach Innsbruck kam. Nürnberg war das Zentrum der „Rotschmiedekunst“, der Bearbeitung von Messing und Kupfer. Meister Godl wurde die Herstellung von dutzenden kleineren Erzstatuen für das Grabmal übertragen. Er arbeitete konsequent, ohne dass es je Anlass zu Beschwerde gab. Ganz anders Gilg Sesselschreiber, der die „großen Erzbilder“ ausführen sollte. Bis April 1509 hatte Gilg Sesselschreiber noch gar nichts ausgerichtet, weshalb der Kaiser ihm die Zeichnungen abnehmen und die Ausführung die „großen Erzbilder“ in Nürnberg in Auftrag geben wollte. Sesselschreiber verfasste eine lange Beschwerdeschrift, er gelobte Beschleunigung der Arbeit und berief sich auf seine langjährige gemeinsame Entwurfsarbeit mit dem Kaiser sowie sein Urheberecht: Es fiele ihm schwer, nun alles in fremde Hände zu geben und den Nutzen und Ruhm davon anderen zu überlassen, die auch gar kein Recht hätten, die Arbeit nach seinen Zeichnungen zu machen. Kaiser Max ließ sich besänftigen. Am 13. Mai schrieb er von Kaufbeuren an die Innsbrucker Regierung, dass Sesselschreiber sogleich den Guss eines „großen Bildes“ vollziehen solle, welches er bei seinem „Durchreiten“ in Innsbruck zu sehen hoffe. Beim „Durchreiten“ hatte Kaiser Max jedoch nichts zu sehen bekommen. Zur Entschuldigung hatte Meister Sesselschreiber den Mangel an geeigneter Behausung und Werkstätte geltend gemacht. Dieses Hindernis sollte Kaiser Max beseitigen. Am 29. November 1509 ordnete er in einem Schreiben aus Brentonico (südlich von Trient) an, dem Gilg Sesselschreiber Haus und Werkstadt zu beschaffen. Ein weiteres Schreiben des Kaisers vom 8. Dezember 1509 aus Bozen zeigt, dass Sesselschreiber auch noch eigene Bildhauer und Gießer, ferner Kupfer, Messing, Eisen, Wachs und „andern dergleichen Zeug“ verlangt hatte, was der Kaiser alles zu beschaffen befahl.

DER MÜSSIGGANG DES KÜNSTLERS

Im Folgejahr 1510 findet man wohl Kaiser Max sehr besorgt um den Guss der „großen Bilder“; alleine Meister Sesselschreiber hatte mehr seine Behaglichkeit im Auge. Damit Sesselschreiber „an dem Grab mache und nit feire, auch darin nichts versäume noch mit derselben Arbeit still gestanden werde“, bestellte Kaiser Max mit Schreiben aus Augsburg vom 1. April 1510 die Regierung in Innsbruck zum „Superintendenten“. Diese sollte Meister Gilg überwachen, ihm behilflich sein und „guten rucken halten“. Das Budget für Sesselschreibers wurde für das Jahr 1510 mit 500 Gulden festgesetzt; ab 1511 mit 1000 Gulden jährlich.

Im Juni 1511 war Kaiser Max wieder in Innsbruck. Sesselschreiber nutzte die Gelegenheit, neue Klagen über verschiedene Mängel zu führen. Am 12. Juni des Jahres schrieb der Kaiser von Steinach aus eine ernstliche Ermahnung an die Regierung in Innsbruck, die sogleich Sesselschreiber vorlud, seine Beschwerden hörte und seine Werkstädte in Mühlau inspizierte. Als Ergebnis wurden noch im Jahr 1511 diverse Zubauten bei Sesselschreibers Werkstätte vorgenommen und dafür 290 Gulden ausgegeben. Am 30. Juli berichtete die Regierung, dass Gilg Sesselschreiber ein „gegossen mannsbild“ gezeigt und versprochen habe, bis Weihnachten des Jahres die Statue der ersten Gattin des Kaisers, Maria von Burgund, zu gießen. Im November des Jahres folgte ein weiteres Beschwerdeschreiben Sesselschreibers, welches die Regierung positiv erledigte.

Im Jahr 1512 wurden weitere 333 Gulden ausgegeben, um Werkstätte und Gebäude Sesselschreibers in Mühlau zu verbessern. Sesselschreiber verwendete sein Budget jedoch nicht zum Guss der „Bilder“, sondern für die Freuden des Lebens. Mitte März 1513 traf Kaiser Max die Anordnung, mit Sesselschreiber einen Vertrag zu errichten, wonach dieser nur mehr für fertig gestellte Statuen bezahlt werde. Es solle wieder eine Inspektion der Werkstätte und die Inventarisierung aller Statuen und Teile durchgeführt werden. Am 23. März wurde erhoben, dass Sesselschreibers Arbeit 3.360 Gulden gekostet hatte. Gegossen fand man nach wie vor nur das bereits erwähnte „mannsbild“, die Statue König Ferdinands von Portugal, die bereits im Juni 1511 präsentiert worden war. Der Panzer war noch nicht angebracht und Einzelheiten fehlten. Desweiteren waren die Schilde zu vier weiteren Statuen fertig und „die Schenkel zu König Philipp“. Aufgeschreckt durch die Inspektion war Sesselschreiber an den Hof Kaiser Maximilians geeilt, der sich in Augsburg aufhielt. Diesmal hatte er weniger Erfolg: Am 16. April 1513 schreibt Kaiser Max an die Regierung in Innsbruck, dass er Sesselschreiber wieder zur Arbeit „abgefertigt“ hätte, dass „Unfleiß und Nachlässigkeit“ zu bestrafen wären und dass die Regierung ihn vom „Nachlaufen des Meisters“ verschonen möge. Am 18. Mai urgierte die Regierung die Genehmigung zum neuen Vertrag mit Sesselschreiber. Aus dem Schreiben erfahren wir, dass der Meister Mitte Mai schon wieder aus Innsbruck weg und zum Kaiser geritten war, anstatt sich der Arbeit zu widmen.

Der neue Vertrag, wonach Gilg Sesselschreiber alles Begonnene zu vollenden gehabt hätte, zeigte auch nicht den gewünschten Erfolg. Gilg ließ das Begonnene stehen und startete die Arbeit an einer weiteren Statue, nämlich Herzog Ernst dem Eisernen. So verging die Zeit bis Ende November 1513. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Innsbrucker Regierung eine neue Inspektion und nahm Gilg ernstlich ins Verhör. Dezidiert wurde vereinbart, dass zuerst die drei begonnen Statuen fertig zu stellen seien (König Ferdinand von Portugal, Maria von Burgund und Herzogin Zimburgis von Masovien) und dann drei weitere, bereits angefangene Statuen und schließlich Herzog Ernst. Das Jahr 1513 endeten mit verbrieften Versicherungen des Meisters Gilg, welchen die Innsbrucker Regierung Glauben schenkte. Dem Kaiser wurde berichtet, man sei guter Zuversicht, Meister Gilg werde nun die sieben angefangenen Statuen „zum fürderlichsten“ herstellen.

DER KÜNSTLER IM KRÄUTERTURM

Während Meister Gilg den Kaiser und die Innsbrucker Regierung offensichtlich an der Nase herum führte, hatte der Kaiser mit Meister Peter Vischer aus Nürnberg großes Glück: Anfang 1513 gab der Kaiser bei diesem die Herstellung der Statuen von König Arthus und König Theoderich in Auftrag. Dieser hielt seinen Kontrakt und lieferte die beiden Statuen um jeweils 500 Gulden. Dagegen war die Arbeitsleistung des Meisters Gilg zu Mühlau auch im Jahr 1514 eine äußerst geringe; im Jahr 1515 gab es sogar einen Stillstand. Am 3. Oktober 1515 wurde die Werkstätte neuerlich einer „bsicht und bschau“ unterzogen. Der Bericht darüber fiel nicht günstig für den Meister aus. Als die Innsbrucker Regierung im Dezember 1515 nach dem Befehl des Kaisers mit dem Meister verhandeln wollte, war dieser bereits wieder an den Hof des Kaisers geritten. Gilg Sesselschreiber konnte das Vertrauen des Kaisers jedoch nicht wieder erlangen. Maximilian akzeptierte aber das Angebot seines Sohnes Christoph. Dieser versprach, die Verpflichtungen des Vaters zu erfüllen und bis Pfingsten 1516 sieben Statuen zu vollenden, wenn ihm 160 Gulden bezahlt würden. Christoph Sesselschreiber hielt sein Versprechen genau so wenig wie sein Vater viele andere zuvor: Am 3. Juni 1516 wurde neuerlich Inventur in der Werkstätte zu Mühlau gemacht. Die Summe aller Kosten, die seit 1508 auf Meister Gilg entfallen war, wurde mit 6.833 Gulden berechnet. In Abrechnung der geleisteten Arbeit ergab sich eine Schuldigkeit des Gilg von 2.369 Gulden. Festgestellt wurden fünf gegossene Bilder, bei denen noch Einzelheiten fehlten; hinzu kamen diverse angefangene Arbeiten. Nun platzte dem Kaiser der Kragen: Aus Nassereith schriebt er am 11. Juni 1516 an die Innsbrucker Regierung, den Gilgen „zustundan nachstellen und, wo man ihn betreten mag, gefänklich annehmen und gen Innsbruck führen lasset und ernstlich mit ihm zu handeln“. Auf Befehl des Kaisers wurde Gilg Sesselschreiber in Augsburg verhaftet und er wanderte am 22. Juni in den „Kräuterturm“, die alte Innsbrucker „Herberge“ für Untersuchungshäftlinge und Verurteilte.

Das Schicksal des Vaters spornte vorübergehend den Eifer des Sohnes Christoph; dem Vater wurde daraufhin der Arrest erlassen. Insgesamt zwölf Statuen wollte Christoph Sesselschreiber bis Weihnachten 1516 vollendet übergeben. Auch diese Zusage wurde nicht eingehalten. Endgültig getrennt hat sich der Kaiser von Gilg Sesselschreiber jedoch erst im Sommer 1518, nachdem ihm Sesselschreiber 1517 noch an den Hof nach Mecheln (Antwerpen/Belgien) und nach Triest „nachgelaufen“ war. Im Sommer 1518 wurde der Guss der „großen Erzbilder“, der „Schwarzen Mander“, auf den Rotschmiedemeister Stefan Godl übertragen, der zwischen 1518 und 1533 siebzehn der großen Erzbilder geschaffen hatte. Die Statue des Chlodwig, König der Franken, hat Gregor Löffler 1549/1550 gegossen.

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Kaiser Maximilian und das Kreutz mit den Schwarzen Mandern, von Dr. Bernd Oberhofer

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Fortsetzung:

Letzter Reiseplan für Kaiser Max

 

Letzter Reiseplan für Kaiser Max

David Ritter von Schönherr (* 1822 in Pinswang; † 1897 in Innsbruck), gemalt 1902 von Ferdinand Behrens. Das Verdienst, die wechselreiche Geschichte des Grabmals von Kaiser Maximilian in der Innsbrucker Hofkirche für die Nachwelt erforscht zu haben, gebührt Dr. David Ritter von Schönherr, der 1890 im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des a.h. Kaiserhauses (Seiten 140 – 268) die „Geschichte des Grabmals Kaisers Maximilian I. und der Hofkirche zu Innsbruck“ veröffentlichte. Selbst Geschichtelehrer verbreiten unter ihren Schülern das Gerücht, dass Kaiser Maximilian sein Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche geplant hätte. Tatsächlich hatte der Kaiser ganz andere Pläne. Er dachte und handelte stets im europäischen Rahmen, sowohl politisch und geostrategisch, als auch diplomatisch und dynastisch. Die von ihm beschäftigten Professoren der Genealogie führten die Linie seiner Vorfahren bis auf Chlodwig I. († 511) aus dem Geschlecht der Merowinger und Begründer des Reiches von Karl dem Großen († 814) und weiter auf Gaius Iulius Caesar († 44 v. Chr) zurück. Durch seine politischen Allianzen und seine Heiratspolitik hatte Kaiser Maximilian seine Enkel Kaiser Karl V. (*1500 in Gent; † 1558 in Spanien) und Kaiser Ferdinand I. (*1503 in Spanien, † 1564 in Wien) weit über alle anderen europäischen Fürsten erhoben. Im Jahr 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, traf Kaiser Max sogar diplomatische Vorbereitungen, die ihn selbst auf den päpstlichen Thron bringen sollten. Nach Maximilians Selbstverständnis standen nur wenige Alternativen für die Auswahl eines Bestattungsortes offen. Nach seinen eigenen Plänen wollte er an dem Ort zur Erde zurückkehren, an dem er geboren war, in Wiener Neustadt. Dort hätten die „Schwarzen Mander“ seine Grabwächter sein sollen.
David Ritter von Schönherr (* 1822 in Pinswang; † 1897 in Innsbruck), gemalt 1902 von Ferdinand Behrens. Das Verdienst, die wechselreiche Geschichte des Grabmals von Kaiser Maximilian in der Innsbrucker Hofkirche für die Nachwelt erforscht zu haben, gebührt Dr. David Ritter von Schönherr, der 1890 im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des a.h. Kaiserhauses (Seiten 140 – 268) die „Geschichte des Grabmals Kaisers Maximilian I. und der Hofkirche zu Innsbruck“ veröffentlichte. Selbst Geschichtelehrer verbreiten unter ihren Schülern das Gerücht, dass Kaiser Maximilian sein Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche geplant hätte. Tatsächlich hatte der Kaiser ganz andere Pläne. Er dachte und handelte stets im europäischen Rahmen, sowohl politisch und geostrategisch, als auch diplomatisch und dynastisch. Die von ihm beschäftigten Professoren der Genealogie führten die Linie seiner Vorfahren bis auf Chlodwig I. († 511) aus dem Geschlecht der Merowinger und Begründer des Reiches von Karl dem Großen († 814) und weiter auf Gaius Iulius Caesar († 44 v. Chr) zurück. Durch seine politischen Allianzen und seine Heiratspolitik hatte Kaiser Maximilian seine Enkel Kaiser Karl V. (*1500 in Gent; † 1558 in Spanien) und Kaiser Ferdinand I. (*1503 in Spanien, † 1564 in Wien) weit über alle anderen europäischen Fürsten erhoben. Im Jahr 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, traf Kaiser Max sogar diplomatische Vorbereitungen, die ihn selbst auf den päpstlichen Thron bringen sollten. Nach Maximilians Selbstverständnis standen nur wenige Alternativen für die Auswahl eines Bestattungsortes offen. Nach seinen eigenen Plänen wollte er an dem Ort zur Erde zurückkehren, an dem er geboren war, in Wiener Neustadt. Dort hätten die „Schwarzen Mander“ seine Grabwächter sein sollen.

Ein letzter Reiseplan für Kaiser Maximilian

 

von
Dr. Bernd Oberhofer

Das offizielle Lebensmotto Kaisers Maximilian lautete: „tene mensuram – halte Maß!“ Bei seinen Plänen und Taten folgte er viel öfter seinem inoffiziellen Motto „le plus grand du monde – der Größte der Welt!“. Kaiser Max dachte und handelte im europäischen Rahmen, politisch, geostrategisch, diplomatisch und dynastisch. Professoren führten die Linie seiner Vorfahren bis auf Chlodwig den Merowinger († 511), den Begründer des Reiches von Karl dem Großen († 814) und weiter auf Gaius Iulius Caesar († 44 v. Chr) zurück. Durch seine politischen Allianzen und seine Heiratspolitik hat Kaiser Max seine Enkel Karl und Ferdinand weit über alle anderen europäischen Fürsten erhoben. Im Jahr 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, traf Kaiser Max diplomatische Vorbereitungen, die ihn selbst auf den päpstlichen Thron bringen sollten: Maximilian wollte nach dem Vorbild der Oströmischen Kirche das Amt des Kaisers und das des Papstes in seiner Person vereinen. Im Sinn seines inoffiziellen Lebensmottos „le plus grand du monde – der Größte der Welt!“ hätte der Petersdom in Rom eine ideale Grabstätte abgegeben. 400.000 Dukaten sollte das Fugger´sche Bank- und Handelshaus zur Bestechung der Kardinäle für den Wahlakt bereithalten. Zur Vorbereitung wollte Kaiser Max Koadjutor des schwerkranken Papstes werden und sein Leben lang keine nackte Frau mehr ansehen. Die überraschende Genesung von Papst Julius II. zerschlug diese Pläne. So hat sich Kaiser Max auf das „tene mensuram – halte Maß!“ besonnen: Er wollte an dem Ort zur Erde zurückkehren, an dem er geboren war, in Wiener Neustadt.

KAISER FERDINAND WILL DIE ÜBERFÜHUNNG

Sein Enkel und Erbe Kaiser Ferdinand I. hatte jedoch andere Pläne. Kaiser Ferdinand (*1503 in Spanien, † 1564 in Wien) hatte Innsbruck als Aufstellungsort für die gigantischen Grabwächter, die „Schwarzen Mander“, erwählt. Und Kaiser Ferdinand hatte zu diesem Zweck eigens die Innsbrucker Hofkirche erbauen lassen. Kurz vor seinem Tod gab Kaiser Ferdinand den Auftrag, die in Wiener Neustadt beigesetzten irdischen Reste Kaisers Maximilian I. nach Innsbruck zu überführen. Am 21. Juni 1564 verständigte Kaiser Ferdinand die Regierung in Innsbruck. Er erteilte den Auftrag ausführlichen Bericht zu erstatten, mit welchen Feierlichkeiten die Transferierung der sterblichen Überreste Kaisers Maximilian I. von Wiener Neustadt in die Innsbrucker Hofkirche verbunden werden sollte.

Die Regierung in Innsbruck holte bezüglich der gebotenen kirchlichen Feierlichkeiten das Gutachten des Weihbischofs von Brixen ein und erstattete unter dem 15. Juli 1564 Bericht: Die kirchlichen Zeremonien, womit die Gebeine in Wien Neustadt erhoben, weggeführt und in Innsbruck bestattet werden sollten, müssten vom „weltlichen Pomp“, mit dem diese Transferierung zu begleiten wäre, unterschieden werden. In ersterer Beziehung verwies die Tirolische Regierung den Kaiser auf das beigeschlossene Gutachten des Brixner Bischofs. Betreffend des „weltlichen Gepränges“ aber bemerkt sie, dass in Tirol unbekannt sei, was Kaiser Maximilian diesbezüglich in seinem Testament angeordnet habe. Man erwarte sich deshalb Weisung vom Kaiser selbst. In Berücksichtigung der Würde und Hoheit Kaisers Maximilian I. und des Umstandes, dass derselbe ein Erzherzog zu Österreich und Landesfürst von Tirol gewesen, sollten die Feierlichkeiten jedenfalls stattlich und ansehnlich sein, so als ob der Kaiser erst verstorben wäre.

Wenige Tage nach Abgang dieses Berichts starb jedoch Kaiser Ferdinand am 25. Juli 1564 und die ganze Angelegenheit ruhte bis zum Jahr 1570. Die Österreichischen Erblande waren zwischenzeitlich unter den drei Söhnen Kaisers Ferdinand I. geteilt worden: In Tirol und den Vorlanden regierte Erzherzog Ferdinand (*1529; † 1595), in Wien sein kaiserlicher Bruder Maximilian II. (*1527; † 1576). Am 27. März 1570 schrieb Erzherzog Ferdinand seinem kaiserlichen Bruder nach Wien, dass er dem verstorbenen Vater Kaiser Ferdinand versprochen habe, die Erhebung und Überführung der irdischen Reste Kaisers Maximilian I. zu veranlassen. Er sei bereit dafür den Großteil der Kosten zu übernehmen. Maximilian II. sollte nur die Überführung bis zur Grenze des Landes Tirol bewirken. Von da weg würde er, Erzherzog Ferdinand, die weitere Überführung und die Beisetzung verrichten und vollenden. Kaiser Maximilian II. antwortete seinem Bruder am 13. April. Er lobte ihn ob seiner Mahnung und versicherte, dass er nicht weniger geneigt sei und danach trachte, den „letzten Willen Kaisers Maximilian I.“ und des gemeinsamen kaiserlichen Vaters (Ferdinand I.) zu vollziehen. Er werde alsbald die Anordnung treffen, dass die Überführung bis an die Grenze des Landes Tirols vorgenommen werde. Die weiteren Zeremonien überlasse er ganz dem Erzherzog.

ERZHERZOG FERDINAND PLANT ALLE DETAILS

Auf Grund der Zusage von Kaiser Maximilian II. wurde in Innsbruck die Durchführung der Feierlichkeit beraten. Geplant wurde die Übernahme der Gebeine des großen Kaisers von Kufstein weg. Das Hofgesinde, die Offiziere und alle Diener des Erzherzogs, die fürstlichen Amtleute und der inntalische Adel sollten sich in schwarzen Kleidern nach Kufstein begeben, um die kaiserlichen Gebeine in Empfang zu nehmen. Auf einem mit sechs schwarzen Pferden bespannten Wagen in Begleitung von Priestern und Bruderschaften mit Windlichtern und anderen Kerzen sollten diese in die Kufsteiner Pfarrkirche gebracht und dort über Nacht bewacht werden. Während der Ein- und Ausbegleitung zu Kufstein sowie in allen anderen Ortschaften, durch welche die kaiserlichen Gebeine geführt würden, solle mit allen Glocken geläutet, sonst aber bis zum Eintreffen in Innsbruck kein Gottesdienst auf der Fahrt gehalten werden. Zur Überstellung von Kufstein nach Innsbruck wurden drei Tage bestimmt. Am ersten Tag sollte in Rattenberg, am zweiten Tag in Hall das Nachtlager genommen werden. Dem Leichenzug selbst sollten Hofgesinde und Diener voranreiten, auf dem Wagen mit den Gebeinen zwei Priester und etliche Knaben mit Windlichtern Platz nehmen und dann ein zweiter Wagen mit Priestern und Knaben, Windlichter haltend, folgen. Den Schluss sollte wieder Gesinde sowie die Dienerschaft bilden. Die Ein- und Ausbegleitung in Rattenberg und Hall hätte prozessionsweise unter Beteiligung aller Priester und Bruderschaften zu erfolgen.

Als Zeit für die Ankunft in Innsbruck wurde 14.00 Uhr nachmittags festgesetzt. Zum Empfang sollte der Erzherzog mit allen seinen Räten und Dienern über die Innbrücke dem Zug entgegen reiten; auch sollten sich alle Priester mit dem Weihbischof an der Spitze, die Prälaten vom Stams, Georgenberg und Wilten und alle Bruderschaften dazu einfinden. Der Sarg sollte in feierlicher Prozession in die Kirche getragen und nach Durchführung der kirchlichen Zeremonien in der Gruft unter des Kaisers Grabmal zur ewigen Ruhe gebettet werden. Wie aus einem Bericht der tirolischen Regierung an den Erzherzog vom 17. Juni 1570 hervorgeht, haben diese Vorschläge die Genehmigung des kaiserlichen Bruders Maximilian II. in Wien erhalten. Allein zur Ausführung wurden sie von ihm nicht gebracht.

EINSAME SCHWARZE MANDER

Im Jahr 1576 verstarb Kaiser Maximilian II.; Nachfolger wurde sein ältester Sohn Rudolf II. (*1552; † 1612). Erzherzog Ferdinand wandte sich schon Anfang 1577 an seinen kaiserlichen Neffen, um diesen für das Unternehmen zu gewinnen. Am 05. Jänner 1577 berichtete er in einem Schreiben an Kaiser Rudolf II. über den Bau des Grabmals, den Bau der Hofkirche und den Umstand, dass das Grab längst hergestellt und es nur mehr an der Übertragung der Gebeine des Kaisers Maximilian I. von Wiener Neustadt nach Innsbruck fehle. Es liege ihm viel an der Überführung, weil er den von Kaiser Ferdinand I. erteilten Auftrag erfüllen wolle. Er bitte deshalb den Kaiser, diese Angelegenheit in Erwägung zu ziehen, damit endlich die kaiserliche Leiche an den Ort komme, wohin sie gehöre. Was Kaiser Rudolph auf dieses Ersuchen erwiderte, ist unbekannt. Tatsächlich blieb die Bitte Erzherzogs Ferdinand ungehört. So steht das für Kaiser Maximilian I. erbaute Grabmal bis heute leer.

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Letzter Reiseplan für Kaiser Maximilian, von Dr. Bernd Oberhofer

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Fortsetzung:

Schwarze Mander: Posing am leeren Grab

Schwarze Mander: Posing am leeren Grab

Die Schwarzen Mander. Sie haben Unmengen Geld gekostet, viel Zeit und Neven des Kaisers – die „gegossenen Bilder zu Milen“, heute die „Schwarzen Mander“ in der Innsbrucker Hofkirche. Erst Kaiser Maximilians Enkel, Ferdinand I. (* 10. März 1503 in Alcalá de Henares bei Madrid; † 25. Juli 1564 in Wien) hat im Frühjahr 1549 angeordnet, dass in der Stadt Innsbruck eine neue Kirche zur Aufnahme des Grabmahles für seinen Großvater Kaiser Maximilian errichtet werde. Dies so nahe am Stadtgraben, dass man von der landesfürstlichen Burg und dem angrenzenden „Wappenhaus“ über einen Gang zur neuen Kirche gelangen könne. An der von Ferdinand I. ausgewählten Stelle wurde in der Zeit von 1553 bis 1563 die heutige Hofkirche gebaut. Innsbruck lag als Aufstellungsort nahe, weil der Großteil der monumentalen Einzelstücke in einer eigens von Kaiser Maximilian in Mühlau bei Innsbruck eingerichteten Kunstgießerei hergestellt worden war. Dort wurden auch die auswärts hergestellten Kunstwerke zusammen gezogen.
Die Schwarzen Mander. Sie haben Unmengen Geld gekostet, viel Zeit und Neven des Kaisers – die „gegossenen Bilder zu Milen“, heute die „Schwarzen Mander“ in der Innsbrucker Hofkirche. Erst Kaiser Maximilians Enkel, Ferdinand I. (* 10. März 1503 in Alcalá de Henares bei Madrid; † 25. Juli 1564 in Wien) hat im Frühjahr 1549 angeordnet, dass in der Stadt Innsbruck eine neue Kirche zur Aufnahme des Grabmahles für seinen Großvater Kaiser Maximilian errichtet werde. Dies so nahe am Stadtgraben, dass man von der landesfürstlichen Burg und dem angrenzenden „Wappenhaus“ über einen Gang zur neuen Kirche gelangen könne. An der von Ferdinand I. ausgewählten Stelle wurde in der Zeit von 1553 bis 1563 die heutige Hofkirche gebaut. Innsbruck lag als Aufstellungsort nahe, weil der Großteil der monumentalen Einzelstücke in einer eigens von Kaiser Maximilian in Mühlau bei Innsbruck eingerichteten Kunstgießerei hergestellt worden war. Dort wurden auch die auswärts hergestellten Kunstwerke zusammen gezogen.


von

Dr. Bernd Oberhofer

Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Cimburgis von Masovien (* 1394 in Warschau; † 28. September 1429 in Türnitz, Niederösterreich), Großmutter Maximilians väterlicherseits.
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Cimburgis von Masovien (* 1394 in Warschau; † 28. September 1429 in Türnitz, Niederösterreich), Großmutter Maximilians väterlicherseits.
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Ernst der Eiserne (* 1377 in Bruck an der Mur; † 1424 ebenda), Großvater Maximilians; Gatte der Cimburgis, Herzog von Innerösterreich
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Ernst der Eiserne (* 1377 in Bruck an der Mur; † 1424 ebenda), Großvater Maximilians; Gatte der Cimburgis, Herzog von Innerösterreich
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Sigmund der Münzreiche (*1427 in Innsbruck; † 1496 in Innsbruck), Vorgänger Maximilians als Tiroler Landesfürst, Großonkel Maximilians
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Sigmund der Münzreiche (*1427 in Innsbruck; † 1496 in Innsbruck), Vorgänger Maximilians als Tiroler Landesfürst, Großonkel Maximilians
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Rudolf von Habsburg (*1218 auf Burg Limburg/Schweiz; † 1291 in Speyer); Stammvater der österreichischen Habsburger; 1273 zum römisch-deutschen König gewählt
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Rudolf von Habsburg (*1218 auf Burg Limburg/Schweiz; † 1291 in Speyer); Stammvater der österreichischen Habsburger; 1273 zum römisch-deutschen König gewählt
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Philipp der Schöne (*1478 in Brügge; † 1506 in Burgos/Spanien), Sohn Maximilians, Herzog von Burgund, König von Kastilien und León
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. Philipp der Schöne (*1478 in Brügge; † 1506 in Burgos/Spanien), Sohn Maximilians, Herzog von Burgund, König von Kastilien und León
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. König Ferdinand I. von Portugal (Dom Fernando I; *31. Oktober 1345 in Santarém; † 22. Oktober 1383 in Lissabon) war der neunte König von Portugal, der letzte Monarch aus dem Haus Brugund. <div class=
Die Schwarzen Mander. © Stephan Elsler http://www.stephanelsler.com. König Ferdinand I. von Portugal (Dom Fernando I; *31. Oktober 1345 in Santarém; † 22. Oktober 1383 in Lissabon) war der neunte König von Portugal, der letzte Monarch aus dem Haus Brugund. <div class=
Die Schwarzen Mander. David Ritter von Schönherr (* 1822 in Pinswang; † 1897 in Innsbruck), gemalt 1902 von Ferdinand Behrens. Das Verdienst, die wechselreiche Geschichte des Grabmals von Kaiser Maximilian in der Innsbrucker Hofkirche für die Nachwelt erforscht zu haben, gebührt Dr. David Ritter von Schönherr, der 1890 im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des a.h. Kaiserhauses (Seiten 140 – 268) die „Geschichte des Grabmals Kaisers Maximilian I. und der Hofkirche zu Innsbruck“ veröffentlichte. Selbst Geschichtelehrer verbreiten unter ihren Schülern das Gerücht, dass Kaiser Maximilian sein Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche geplant hätte. Tatsächlich hatte der Kaiser ganz andere Pläne. Er dachte und handelte stets im europäischen Rahmen, sowohl politisch und geostrategisch, als auch diplomatisch und dynastisch. Die von ihm beschäftigten Professoren der Genealogie führten die Linie seiner Vorfahren bis auf Chlodwig I. († 511) aus dem Geschlecht der Merowinger und Begründer des Reiches von Karl dem Großen († 814) und weiter auf Gaius Iulius Caesar († 44 v. Chr) zurück. Durch seine politischen Allianzen und seine Heiratspolitik hatte Kaiser Maximilian seine Enkel Kaiser Karl V. (*1500 in Gent; † 1558 in Spanien) und Kaiser Ferdinand I. (*1503 in Spanien, † 1564 in Wien) weit über alle anderen europäischen Fürsten erhoben. Im Jahr 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, traf Kaiser Max sogar diplomatische Vorbereitungen, die ihn selbst auf den päpstlichen Thron bringen sollten. Nach Maximilians Selbstverständnis standen nur wenige Alternativen für die Auswahl eines Bestattungsortes offen. Nach seinen eigenen Plänen wollte er an dem Ort zur Erde zurückkehren, an dem er geboren war, in Wiener Neustadt. Dort hätten die „Schwarzen Mander“ seine Grabwächter sein sollen.
David Ritter von Schönherr (* 1822 in Pinswang; † 1897 in Innsbruck), gemalt 1902 von Ferdinand Behrens. Das Verdienst, die wechselreiche Geschichte des Grabmals von Kaiser Maximilian in der Innsbrucker Hofkirche für die Nachwelt erforscht zu haben, gebührt Dr. David Ritter von Schönherr, der 1890 im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des a.h. Kaiserhauses (Seiten 140 – 268) die „Geschichte des Grabmals Kaisers Maximilian I. und der Hofkirche zu Innsbruck“ veröffentlichte. Selbst Geschichtelehrer verbreiten unter ihren Schülern das Gerücht, dass Kaiser Maximilian sein Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche geplant hätte. Tatsächlich hatte der Kaiser ganz andere Pläne. Er dachte und handelte stets im europäischen Rahmen, sowohl politisch und geostrategisch, als auch diplomatisch und dynastisch. Die von ihm beschäftigten Professoren der Genealogie führten die Linie seiner Vorfahren bis auf Chlodwig I. († 511) aus dem Geschlecht der Merowinger und Begründer des Reiches von Karl dem Großen († 814) und weiter auf Gaius Iulius Caesar († 44 v. Chr) zurück. Durch seine politischen Allianzen und seine Heiratspolitik hatte Kaiser Maximilian seine Enkel Kaiser Karl V. (*1500 in Gent; † 1558 in Spanien) und Kaiser Ferdinand I. (*1503 in Spanien, † 1564 in Wien) weit über alle anderen europäischen Fürsten erhoben. Im Jahr 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, traf Kaiser Max sogar diplomatische Vorbereitungen, die ihn selbst auf den päpstlichen Thron bringen sollten. Nach Maximilians Selbstverständnis standen nur wenige Alternativen für die Auswahl eines Bestattungsortes offen. Nach seinen eigenen Plänen wollte er an dem Ort zur Erde zurückkehren, an dem er geboren war, in Wiener Neustadt. Dort hätten die „Schwarzen Mander“ seine Grabwächter sein sollen.

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Schwarze Mander. Posing am leeren Grab, von Dr. Bernd Oberhofer

Hermann Wopfner – Der Bauernforscher

Hermann Wopfner (* 21. Mai 1876 in Innsbruck; † 10. Mai 1963 in Natters) war ein österreichischer Historiker, Wirtschaftshistoriker und Rechtswissenschaftler und Universitätsprofessor an der Universität Innsbruck, der er in den Jahren 1928 und 1929 als Rektor vorstand. Univ.-Prof. DDr. Dr. hc. Hermann Wopfner studierte Geschichte, Rechtswissenschaften und Geographie in Innsbruck, Wien, Tübingen und Leipzig. 1900 promovierte er mit einer Dissertation über den deutschen Bauernkrieg der Jahre 1525 und 1526. Vier Jahre später habilitierte er in Wirtschaftsgeschichte und nach weiteren zwei Jahren in österreichische Geschichte. Er befasste sich mit den Rechtswissenschaften und promovierte 1909 in Tübingen zum Dr. jur. mit einer Dissertation über das Freistiftrecht in Tirol. Bereits ein Jahr zuvor 1908 wurde er zum außerordentlichen Professor an die Universität Innsbruck berufen, wo er 1914 den Lehrstuhl (Ordinarius) für österreichische Geschichte und allgemeine Wirtschaftsgeschichte besetzte und dessen Rektor er 1928 und 1929 wurde. 1923 gründete er das Institut für geschichtliche Siedelungs- und Heimatkunde der Alpenländer an der Philosophischen Fakultät der Innsbrucker Universität. 1929 wurde er zum geschäftsführenden Vorsitzenden des „Atlas der deutschen Volkskunde (ADV) in Österreich“ ernannt. Das Institut für Volkskunde leitete er bis 1938 sowie nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1949. Wopfner war Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und erhielt 1956 das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck
Hermann Wopfner (* 21. Mai 1876 in Innsbruck; † 10. Mai 1963 in Natters) war ein österreichischer Historiker, Wirtschaftshistoriker und Rechtswissenschaftler und Universitätsprofessor an der Universität Innsbruck, der er in den Jahren 1928 und 1929 als Rektor vorstand. Univ.-Prof. DDr. Dr. hc. Hermann Wopfner studierte Geschichte, Rechtswissenschaften und Geographie in Innsbruck, Wien, Tübingen und Leipzig. 1900 promovierte er mit einer Dissertation über den deutschen Bauernkrieg der Jahre 1525 und 1526. Vier Jahre später habilitierte er in Wirtschaftsgeschichte und nach weiteren zwei Jahren in österreichische Geschichte. Er befasste sich mit den Rechtswissenschaften und promovierte 1909 in Tübingen zum Dr. jur. mit einer Dissertation über das Freistiftrecht in Tirol. Bereits ein Jahr zuvor 1908 wurde er zum außerordentlichen Professor an die Universität Innsbruck berufen, wo er 1914 den Lehrstuhl (Ordinarius) für österreichische Geschichte und allgemeine Wirtschaftsgeschichte besetzte und dessen Rektor er 1928 und 1929 wurde. 1923 gründete er das Institut für geschichtliche Siedelungs- und Heimatkunde der Alpenländer an der Philosophischen Fakultät der Innsbrucker Universität. 1929 wurde er zum geschäftsführenden Vorsitzenden des „Atlas der deutschen Volkskunde (ADV) in Österreich“ ernannt. Das Institut für Volkskunde leitete er bis 1938 sowie nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1949. Wopfner war Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und erhielt 1956 das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck

von
Dr. Bernd Oberhofer

o. Univ.-Prof. DDr. Dr. hc. Hermann Wopfner als Rektor der Universität Innsbruck (1928)
geboren: 21. Mai 1876 in Innsbruck (Tirol)
verstorben: 10. Mai 1963 in Natters
Gymnasium in Innsbruck
Studium der Geschichte in Innsbruck, Wien und Leipzig
1900: Promotion Dr. phil. (Thema: Tiroler Bauernkrieg 1525/26)
Tätigkeit am Innsbrucker Stadthaltereiarchiv
1904: Habilitation für Wirtschaftsgeschichte
1906: Habilitation für Österreichische Geschichte
Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen
1908: außerordentlicher Professor für Österreichische Geschichte
1909: Promotion Dr. jur (Thema: Das tirolische Freistiftrecht)
1914: ordentlicher Professor für Österreichische Geschichte und
allgemeine Wirtschaftsgeschichte an der Universität Innsbruck
1928 und 1929: Rektor der Universität Innsbruck
1934: korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften
1945: Übernahme der Lehrkanzel für Volkskunde in Innsbruck
1953: Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften
1956: Ehrendoktorat der Universität Innsbruck

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Wie kein anderer hat der Tiroler Universitätsprofessor DDr. Dr. hc. Hermann Wopfner sein gesamtes wissenschaftliches Lebenswerk der Siedlungs-, Kultur-, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte des Tiroler Bauernstandes gewidmet.

Das Ergebnis seiner lebenslangen Forschungen findet sich zusammengefasst im “Bergbauernbuch”, drei Buchbände, gegliedert in XII Hauptstücke, ca 1.800 Seiten insgesamt.

Im Rahmen des V. Hauptstückes, “Von der `Gemain´ und der Gemeinde” erklärt Wopfner auch, was unter dem Begriff “Fraktion” in Tirol zu verstehen sei. Wopfner deutet den Begriff “Fraktion” als „Kanzleisprachenausdruck” für eine “Nachbarschaft” (Hermann Wopfner, Bergbauernbuch, Band 2, Seite 255). Nähere Ausführungen zur Begründung finden sich bei Wopfner nicht.

Wopfner schrieb diese Zeilen vor Jahrzehnten. Den Ausbruch des Agrarstreits in Tirol konnte er nicht vorhersehen. Genauso wenig konnte er vorhersehen, dass die Frage, was unter den „Fraktionen“ zu verstehen sei, 50 Jahre nach seinem Tod eine der brennenden Fragen im Tiroler Agrarstreit würde.

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Der Bauernforscher

Am 10. Mai 2013 jährte sich zum 50. Mal der Todestag eines großen Tirolers, des Begründers der Volkskunde in Tirol und „Bauernforschers“ Hermann Wopfner (*21. Mai 1876 in Innsbruck). Er studierte Geschichts- und Rechtswissenschaft; ab 1904 lehrte er an der Universität Innsbruck Wirtschaftsgeschichte und zusätzlich Österreichische Geschichte. Mit 32 Jahren wurde Wopfner zum Universitätsprofessor für beide Fächer ernannt. 1941 zog er sich vom Universitätsbetrieb zurück, um sich ganz der Forschung zu widmen. Auf seinem Bauerngut in Natters, dem Plumeshof, verfasste er sein Hauptwerk, „Das Bergbauernbuch“.

Hermann Wopfner war alles andere als ein „Schreibtischtäter“. Planmäßig durchwanderte er die Täler Tirols und studierte aus nächster Nähe Arbeitstechniken, Traditionen und Lebensweise der Bergbauern. „Auf zahlreichen Wanderungen über Berg und Tal durchstrich er das ganze alte Land Tirol, bis hinauf zu den letzten Einödhöfen am Fuß der Gletscher, herüber und hinüber über die Pässe und Jöcher, um das Verkehrsproblem am eigenen Leibe zu erleben. Die Kamera auf dem Rücken und den Notizblock in der Hand, die Augen offenhaltend für alle Eigenart und die Alten befragend, die selbst Zeugnis der Vergangenheit sind, gewann er Einblicke in das bäuerliche Leben und Denken wie keiner vor ihm.“ (Franz Huter)

Gegen Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit begann er mit der Verfassung des „Bergbauernbuchs“, ein Alterswerk, das „als glückliche Zusammenfassung seiner Lebensarbeit“ und als „geradezu monumental“ bezeichnet wird. Im Vorwort dazu wird Wopfners große Bewunderung für den Tiroler Bergbauernstand deutlich: „Ich habe dies Buch in alter Liebe zum Bergbauerntum und im Gedenken an meine bergbäuerlichen Vorfahren dem Tiroler Bauernstand zugeeignet“. Er wollte nicht ausschließlich ein wissenschaftliches Werk über die Bauern, sondern vor allem eines für die Bauern schreiben. Das dreibändige Werk, ca 1800 Seiten insgesamt, sollte – so Wopfner im Vorwort – das wirtschaftliche Leben der Tiroler Bergbauern in Vergangenheit und Gegenwart schildern. Es sollte die besonderen Schwierigkeiten vor Augen führen, mit welchen der Bergbauer in seiner Wirtschaft und damit auch in seinem ganzen Leben zu kämpfen hat. „Es soll aber auch zeigen, wie unsere Bergbauern diesen stillen, aber harten Kampf mit dem Berg in Ehren geführt haben.“

Wopfner äußerte im Vorwort seine Zuversicht, dass sein Werk – trotz seines Umfanges – in den bäuerlichen Kreisen den einen oder anderen Leser finden werde. Er hoffte auf die bergbäuerlicher Zähigkeit, mit der so mancher bei guter Gelegenheit sich das eine und andere Kapitel vornehmen werde. Um den Lesern entgegen zu kommen, hat er den Text durch Anführung zahlreicher Beispiele erläutert. Weder vor Wopfner noch nach ihm gab es eine Persönlichkeit, die sich intensiver mit der Tiroler Bauernschaft beschäftigt hätte.

Wopfner erlebte die Vollendung seines „Lebenswerkes“ nicht. Als er verstarb lag das Manuskript des vierten Bandes aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch. Zu seinen Lebzeiten erschienen zwischen 1951 und 1960 nur drei Lieferungen des ersten Bandes. Sein Schüler Nikolaus Grass hat das Werk aus dem Nachlass in drei Bänden herausgegeben.

Wopfner bekleidete in den Jahren 1928 und 1929 das Amt des Rektors der Leopold Franzens Universität Innsbruck. Er war ab 1953 Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und erhielt 1956 das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck.

Persönlichkeit und Werk

(aus dem Vorwort zum Bergbauernbuch, von Nikolaus Grass)

Die Wopfner sind ein ursprünglich bäuerliches Geschlecht, das schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf dem Hof Wopfenstatt am Wattenberg oder Wattens saß. Gleich vielen anderen bergbäuerlichen Familien haben sich auch die Wopfner von ihrem Berghof aus weit über das Tiroler Land hin verbreitet. Ein Spross dieses Geschlechts, Oswald Wopfner, zog in den Volder Wald und erwarb schließlich das Gut Inneregg am Großvolderberg. Einer seiner Söhne ließ sich als Gerber in Grinzens nieder. Dessen Sohn Franz (1674 – 1756) übersiedelte als Gerber nach Innsbruck und begründete den Innsbrucker Zweig der Familie, die nacheinander – durch rund 1 1/2 Jahrhunderte – sechs Gerber stellte. Noch der Vater des Bauernforschers, Josef Wopfner, wollte den Beruf des in der Familie traditionellen Gerberhandwerkes ergreifen, doch riet ihm sein Vater davon ab, da dieses Gewerbe in seinem überkommenen handwerksmäßigen Betrieb keine guten Aussichten zu bieten schien. Daher wandte sich Josef Wopfner dem Kaufmannsberuf zu und gründete in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße ein Tuchgeschäft, das besonders auf die Bedürfnisse bäuerlicher Kunden ausgerichtet war und nicht nur dem örtlichen Handel diente, sondern seine Waren in alle Teile Alttirols verschickte und auch die Landkaufleute mit Waren versorgte. Josef Wopfner war ein angesehener Bürger der Landeshauptstadt, saß im Gemeinderat und war mehrere Jahre sogar Vizepräsident der Nordtirolischen Handelskammer. Viele Jahre war er auch als Laienrichter tätig und wurde mit dem Titel eines „Kaiserlichen Rates“ ausgezeichnet.

Verheiratet war Josef Wopfner mit Amalia Neuhauser. Dessen Ehe entspross unter anderem Hermann Wopfner, der am 21. Mai 1876 in Innsbruck zur Welt kam. Sein Vater wollte ihn für den Kaufmannsberuf gewinnen und schickte den aufgeweckten Buben zuerst ans Gymnasium. Nach der Matura und der Ableistung des Militärjahres entschied sich Hermann für das Studium der Geschichte, das er im Wintersemester 1896/97 an der Innsbrucker Universität begann.

Die freundliche Einstellung seines Vaters gegenüber dem Bauernstand hatte auch den jungen Wopfner für Bäuerliches eingenommen. Wopfner widmete sich den Bauernkriegen des Jahres 1525, der Vorgeschichte dazu und dem Tiroler Bauernrebellen Michael Gaismair. Die Forschungsarbeiten zum Thema bewogen Wopfner, Student und Schüler des Leipziger Historikers Karl Lamprecht zu werden und nach Leipzig zu Studienzwecken zu übersiedeln (1898). Nach Innsbruck zurückgekehrt, wurde Wopfner Assistent des Historikers Ludwig von Pastor an der Universität Innsbruck. Gleichzeitig ging Wopfner an die Ausarbeitung seiner Doktorarbeit, die Darstellung von Ursachen und Verlauf des Tiroler Bauernkrieges. Bei dieser Arbeit kam ihm zum ersten Mal so recht zum Bewusstsein, welche Bedeutung die Freiheit für ein Volk besitzt. Die Arbeit an der Geschichte des Tiroler Bauernkrieges 1525 mehrte Wopfners Interesse für den Bauernstand in Vergangenheit und Gegenwart. Im Mai 1900 wurde der junge Historiker in Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Im Juni 1900 trat Wopfner in den Dienst des Innsbrucker Statthalterei-Archives, des heutigen Tiroler Landesarchives.

Bei seinen Studien über die Ursachen der Bauernkriege wurde Wopfner auf die Bedeutung des bäuerlichen Besitzrechts hingewiesen. Dies führte zu einer größeren wissenschaftlichen Arbeit, den Beiträgen zur Geschichte der freien bäuerlichen Erbleihe „Deutsch Tirols im Mittelalter“, die 1903 erschienen ist. Dieses fast 300 Seiten umfassende, größenteils auf Primären, vielfach aus Archiven geschöpften Material beruhende Werk machte seinen Autor weithin bekannt. Neben der Erbleihe „dem Erbbaurecht“, gab es in Tirol auch die Zeitleihe. Darüber berichtet Wopfners Abhandlung über „das Tiroler Freistiftrecht“, ein Beitrag zur Geschichte des bäuerlichen Besitzrechtes“, erschienen 1905 und 1906. Parallel erschien im Jahr 1906 Wopfners Buch „Das Allmendregal des Tiroler Landesfürsten“. Ein weiteres Werk Wopfners, „Die Lage Tirols zum Ausgang des Mittelalters (erschienen in Berlin 1908) sowie Wopfners „Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges in Deutsch Tirol“ (ebenfalls erschienen 1908) gründeten die vorwiegend quellenmäßige Erforschung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Rechtsgeschichte des Tiroler Bauernstandes ab. Parallel beendete Wopfner seine Tätigkeit als Archivbeamter. Schon 1904 hatte die Innsbrucker Universität aufgrund des „Erbleihebuchs“ dem jungen Gelehrten die Lehrbefugnis für Wirtschaftsgeschichte verliehen und diese im Jahr 1909 auf österreichische Geschichte erweitert. Im gleichen Jahr wurde Wopfner, damals 32-jährig, zum Professor beider Fächer an der Universität Innsbruck ernannt.

Mit Erreichen der Professur begann für Wopfner ein neuer Lebensabschnitt. Schon in den ersten Jahren des Lehramtes begann er die geschichtliche Volkskunde in seine Forschungen einzubeziehen. Aus seinem Interesse am Bauernstand ergab sich die Hinlenkung zur Volkskunde. Die Kenntnis vom bäuerlichen Volk der Gegenwart erschien in mancher Hinsicht als aufschlussreiche Quelle für das Verständnis älterer Wirtschafts- und Kulturzustände, wie Wopfner später in seinen Abhandlungen über „Die Bedeutung der Volkskunde für die Wirtschaftsgeschichte, dargestellt an Beispielen aus der Tirolischen Volkskunde“ (veröffentlich 1932) näher ausführte. Auch im Unterricht begann Wopfner volkskundliche Fragen zu behandeln. So war die Innsbrucker Universität wohl eine der ersten deutschsprachigen Hochschulen, an denen solche Vorlesungen gehalten wurden.

Im Verlauf seiner Arbeit entschloss sich Hermann Wopfner zur planmäßigen Durchwanderung der einzelnen Täler Tirols. Gleich seinem Vorbild Wilhelm Heinrich Riehel handelte Hermann Wopfner nach dem Grundsatz, dass Volkskunde „erwandert“ werden müsse. Seine Erkundungsfahrten unternahm er meist allein. Mit dem gewichtigen Fotoapparat und einer größeren Anzahl fotografischer Platten im Rucksack und das Notizheft in der Hand durchwanderte er vor allem in den 1920er Jahren beinahe das ganze Tiroler Land nördlich wie südlich des Brenners, wobei er auch Nachbargebiete wie etwa das Engadin oder Oberkärnten besuchte, um gegenseitige Beeinflussungen oder Unterschiede festzustellen. Um die Abhängigkeit der bäuerlichen Siedlung von Grund und Boden besser beurteilen zu können, besuchte Hermann Wopfner schon als Universitätsprofessor die Vorlesungen des um Jahre jüngeren Innsbrucker Geologen Raimund von Klebelsberg.

Als wichtigstes Ziel dieser Wanderungen und des Verkehrs mit den Bauern stand für Hermann Wopfner die Erkenntnis der geistigen Eigenart des bäuerlichen Volkes vor Augen. Diese Aufgabe ist jedoch besonders schwierig, denn der Bauer enthüllt nicht so leicht wie manch redseliger Städter sein Innerstes. Bei den vielen Wanderungen, die Wopfner noch vor dem Ersten Weltkrieg und dann während seiner Kriegsdienstleistung unternahm, konnte er die Verödung zahlreicher Berghöfe und deren Umwandlung in Zugüter und Almen beobachten. Dies führte zur Abfassung der Studie „Der Rückgang der bäuerlichen Siedlungen in den Alpenländern“ (Innsbruck 1917). Die Beobachtungen über die Höhenflucht gaben Anlass, die einstige maximale Ausdehnung der Höhensiedlung zu erkunden. So wurde Wopfner zum Erforscher und Bahnbrecher der Siedlungsgeschichte Tirols. Über Anregung aus Kreisen des deutschen und österreichischen Alpenvereins schrieb Wopfner die vorbildliche Abhandlung über „Die Besiedlung unserer Hochgebirgstäler, dargestellt an der Siedlungsgeschichte des Brennergebietes“, die im Jahr 1950 in München erschienen ist. Es folgen die weit ausgreifenden Studien über „Tirols Eroberung durch deutsche Arbeit“ (1922) und über „Deutsche Siedlungsarbeit in Südtirol“ (1926). Durch diese Schriften hat Wopfner den Grund gelegt und ein Vorbild geschaffen für eine Siedlungsgeschichte unseres Landes. Manche seiner Dissertanten haben in regionalen Untersuchungen die Kenntnis des Siedlungsvorgangs erweitert. Die siedlungsgeschichtliche Arbeit ergänzte Wopfner noch durch seine Beobachtungen über den bäuerlichen Hausbau. Seine bei der volkskundlichen Forschung gesammelten Erfahrungen legte er in seiner „Anleitung zur volkskundlichen Beobachtung auf Bergfahrten“ (Innsbruck 1927) nieder.

Vorarbeiten zum „Bergbauernbuch“

Im Jahr 1927 unternahm Wopfner den ersten Anlauf, die in vielen Abhandlungen aufbereiteten Forschungsergebnisse und in zahllosen Wanderfahrten gesammelten Beobachtungen zu einer Darstellung der Tirolischen Volkskunde zu verarbeiten (1927). Eine sehr viel eingehendere Volkskunde Tirols verfasste Wopfner für das vom deutschen und österreichischen Alpenverein herausgegebene zweibändige Werk „Tirol, Land und Natur, Volk und Geschichte, geistiges Leben“ (München 1933). Die umfangreichen Beiträge Wopfners (Entstehung und Wesen des Tirolischen Volkstums; Bäuerliche Siedlung und Wirtschaft) bildeten die erste moderne Darstellung der bäuerlichen Volkskunde Tirols, gegliedert nach ihren wichtigsten Zweigen.

Im Frühjahr 1933 hatte in Deutschland Adolf Hitler die Regierung übernommen. Einem drohenden nationalsozialistischen Einmarsch gegenüber glaubte die österreichische Bundesregierung einen autoritären Kurs einschlagen zu müssen, der alttirolischem Wesen nicht entsprach. Hermann Wopfner war bemüht, in Vorträgen und Zeitungsartikeln den demokratischen Gedanken und die Überlieferung der Tirolischen Landesfreiheiten breiteren Kreisen vor Augen zu führen. Diesem  Gedanken unter der Schilderung Tirolischen Bauerntums in Vergangenheit und Gegenwart sollte ein größeres Werk dienen, das Hermann Wopfner damals zu entwerfen begann. Es sollte den bezeichnenden Titel „Von der Ehre und Freiheit des Tiroler Bauernstandes“ führen, von dem allerdings nur ein Teilband erschienen ist. Die Verhältnisse in den 1930er Jahren waren allerdings einer Vollendung dieses Projektes ungünstig.

Ausarbeitung des Bergbauernbuches

Vom Ende der 1930er Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1963 arbeitete Wopfner an einem General- und Lebenswerk, seinem letztlich auf zwölf Hauptstücke ausgedehnten und in der Endfassung 1800 Druckseiten umfassenden „Bergbauernbuch“. Die Arbeiten gingen nur langsam voran, obwohl Wopfner sich schon 1941 – fünf Jahre vor Erreichen der Altersgrenze – über eigenes Ansuchen in den dauernden Ruhestand getreten ist. Für diese Schritt war vor allem der Wunsch entscheidend, die Zeit ganz dem Abschluss des Lebenswerkes, dem „Bergbauernbuch“ zu widmen. Für dieses hatte er seit Jahrzehnten Material gesammelt und ansehnliche Vorarbeiten geleistet. Auch die ganzen Zeitumstände – vom Herbst 1939 bis anfangs Mai 1945 Krieg und eine Regierung, die Wopfners Freiheitsideal zuwider war – bestärkten ihn in seinen Plänen.

Die Drucklegung einer ersten Auflage des Bernbauernbuches in München 1942, scheiterte kriegsbedingt. Die ersten drei Hauptstücke, „Wie der Tiroler Bauer seine Heimat gewonnen hat“, „Von Teilung der Güter und Überbevölkerung“ und „Von der Freiheit des Tiroler Bauern und ihren Grundlagen“ erschienen in den Jahren 1951, 1954 und 1960. Die Hauptstücke vier bis zwölf wurden erst in den 1900er Jahren von Hermann Wopfners Schüler, Univ.-Prof. DDDr. DDDr. hc. Nikolaus Grass herausgegeben; dies in zwei Bänden. Gleichzeitig wurden die ersten drei Hauptstücke als Band I gemeinsam mit einem Vorwort des Herausgebers veröffentlicht.

Aus diesem Vorwort sind die vorstehenden Ausführungen entnommen.

Bernd Oberhofer

Literaturempfehlung:

Hermann Wopfner, Bergbauernbuch, 3 Bände, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck.